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Karierte Maiglöckchen

Marketing & Betriebsführung
Karierte Maiglöckchen

Deutschlands Küchenmöbelindustrie wird aus der Krise gestärkt hervorkommen. Im Jahr 4 nach Lehman bestätigt sich diese Prognose. Dabei gibt es auch unter den Küchenbauern, wie in jeder Branche, Gewinner und Verlierer.

Um mehr als neun Prozent hat sich nach Zahlen des Verbandes der deutschen Küchenmöbelindustrie in Herford der Auftragseingang im 1. Quartal 2012 erhöht – und das nach einem bereits sehr guten Küchenjahr 2011 mit einem bereits annähernd zweistelligen Wachstum.

Dabei liegen klassisch starke Exportmärkte wie die Niederlande, aber auch Spanien und Großbritannien, immer noch am Boden. Das USA-Geschäft mit »German-made kitchen« zieht zwar wieder an, war aber schon mal besser. Dafür kaufen derzeit die Franzosen so viele deutsche Küchen wie noch nie. Dazu kommt: Im Inland steigt der Durchschnittspreis. Deutsche Küchenkäufer gönnen sich mehr Qualität und sind auch gerne bereit, etwas mehr dafür auszugeben.
Auf Europas Märkten profitieren die deutschen Hersteller von der Schwäche lokaler Wettbewerber und davon, dass industriell hergestellte Küchen heutzutage in weiten Kreisen begehrter sind als traditionell vom örtlichen Handwerk eingebaute Möbelstücke. Die Branche erlebt derzeit einen Kulturwechsel. Führende deutsche Küchenfabrikanten verdankten ihren Aufstieg der Fähigkeit, große Stückzahlen zu günstigen Kosten zu produzieren. Es war die Zeit des standardisierten Küchenblocks.
Auch heute sieht man in den Prospekten der Händler diese immer noch unglaublich preiswerten Standardmöbel. Doch tatsächlich ist fast jede verkaufte Küche ein individuell geplantes Einzelstück, in das der Hersteller besondere Vorlieben der Käuferfamilie eingebaut hat. Die Erfüllung solcher Sonderwünsche, abweichende Maße, Extrafronten, ein zusätzlicher Beschlag, eine alternative Beleuchtung, war einst mit erheblichen Zusatzkosten verbunden. Heute sind flexibel aufgestellte Hersteller in der Lage, die berühmten karierten Maiglöckchen auch für den mittleren und kleineren Geldbeutel am Fließband zu fertigen.
Losgröße 1 bei den Großen
Das Zauberwort heißt Automatisierung in Richtung »Losgröße 1«: Marktführer wie Nobilia oder Häcker-Küchen verfügen über vollautomatisierte Fertigungssysteme, die ohne besondere Umrüstung – also ohne Zusatzkosten – auch kleine Stückzahlen schaffen. Moderne Fertigungsleittechnik sorgt dafür, dass sich die Küchenmöbelindustrie in Sachen Automatisierung hinter der Automobilindustrie nicht zu verstecken braucht.
Dadurch verändert sich zugleich der Abstand zwischen den Luxusküchenbauern und der Mittelklasse. Es ist kein Zufall, dass die Fabrikanlagen der großen Marken wie Siematic und Poggenpohl derzeit nicht so gut ausgelastet sind. Den Premiumherstellern fällt es immer schwerer, deutlich zu machen, warum man für ihre Produkte auch Premiumpreise bezahlen muss. Lange Zeit war die Küchenbranche kleinteilig strukturiert: Etwa hundert Hersteller von Einbausystemen teilten sich den Küchenmarkt. Das verändert sich: Wie andere Branchen auch durchlebt auch diese eine Konsolidierung.
Der größte deutsche Küchenmöbelhersteller, Nobilia in Verl, nennt für das Geschäftsjahr 2011 einen Umsatz von immerhin 850 Millionen Euro. Man muss kein Prophet sein, um ihm in den nächsten drei Jahren das Überschreiten der Milliardengrenze zuzutrauen.
Über den Marktanteil von Nobilia gibt es dabei unterschiedliche Annahmen. Realistisch dürften 20 Prozent sein. Auf den nächsten Plätzen folgen die Alno AG (mit Alno, Impuls, Pino und Wellmann, etwa 400 Millionen), Häcker und Nolte (beide aus dem Kreis Herford) sowie Schüller. Diese fünf teilen über die Hälfte des deutschen Marktes unter sich auf.
Auch unter den kleineren Herstellern gibt es überaus erfolgreiche Akteure. Derzeit hört man viel Gutes über Brigitte und Ballerina, zwei Familienbetriebe aus dem Kreis Herford mit jeweils um die 50 Millionen Euro Umsatz.
Die Branche konsolidiert sich
Doch ebenso steht fest, dass es weitere Insolvenzen geben wird. Vor allem im „Küchenland“ rund um das westfälische Herford zeigt sich dieser Doppeleffekt: Neben sehr erfolgreichen Unternehmen gibt es Wettbewerber, die hart um ihren Platz in der Nische kämpfen müssen – und die es nicht immer schaffen. Firmen wie Geba, Ebke, Klostermann, E+K sind in den letzten Jahren vom Markt verschwunden. Andere versuchen, sich mit Kurzarbeit über aktuelle Durststrecken hinwegzuretten.
Zudem hat die Alno AG als Nummer zwei für 2011 einen Rekordverlust von 48 Millionen Euro offenbart, sieht jedoch – nicht zum ersten Mal – Anzeichen für Besserung.
Der schwedische Nobia-Konzern, der in der Küche anfangs einmal so stark werden wollte wie Ikea im gesamten Möbelhandel, schrumpft erheblich. Von der einst hoch gerühmten italienischen Küchenbauerkunst ist derzeit im Handel international wenig zu spüren.
Um so mehr wird von den Deutschen gesprochen, zuletzt auf der Fachmesse Eurocucina in Mailand. Zwar war nur eine Handvoll Hersteller aus Germanien in den Messehallen. Doch die trumpften auf.
In Asien deuten die Anzeichen auf eine weitere Belebung der Nachfrage. In den USA fragt man wieder mehr nach deutschen Küchen. Europa entwickelt sich uneinheitlich. Doch wo immer sich Nachfrage nach Einbauküchen rührt, fällt das Auge des Betrachters zuerst auf Küchen aus Deutschland.
Hartmut Braun

Küchenmarkt Die größten Hersteller
Die Nummer eins Nobilia aus dem ostwestfälischen Verl, nennt für 2011 einen Umsatz von 850 Millionen Euro und einen geschätzten Marktanteil von 20 Prozent. Auf den nächsten Plätzen folgen die Alno AG (mit Alno, Impuls, Pino und Wellmann, etwa 400 Millionen), Häcker und Nolte (beide aus dem Kreis Herford) sowie Schüller. Diese fünf teilen über die Hälfte des deutschen Marktes unter sich auf. Auch unter den kleineren Herstellern gibt es überaus erfolgreiche Akteure.
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