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Architektur und Schreinerei im Container

Überseecontainer als Werkstattgebäude
High Cubes statt Immobilie

Sie suchten die Nähe zu ihren Kunden und zu Studenten, denen sie Jobs anbieten. Eine Innenstadtimmobilie konnten sie sich jedoch nicht leisten: Sabine und Johannes Grimme gingen ihr Ziel kreativ an und zogen mit ihrer Schreinerei in Container im Münsteraner Hafen.

Regen. Bleigrauer Himmel. Schlaglöcher mit tiefen Pfützen. Die Anreise durch gefühltes Niemandsland ins Hafengebiet von Münster in Westfalen. Es riecht schon nach Frühling – ganz leicht – und ebenso leicht nach verbranntem Diesel, der vom gemächlich dahintuckernden Frachtschiff herüber weht. Etwas verloren steht ein Containerstapel auf dem großen asphaltierten Platz (Bild 1). Mein Ziel. Ich umrunde ihn auf der Suche nach dem Eingang in diese Burg aus gewaltigen von schokoladen- bis zimtbraunen Cortenstahl-Klötzen.

16 Überseecontainer, High Cubes, sind zu einer massiven Einheit verbunden. Die Schotten, mächtige doppelflügelige Türen, die mir so groß erscheinen wie Domportale, bilden die beiden Fronten. Vier High Cubes nebeneinander, zwei hintereinander bilden das Erdgeschoss und die gleiche Menge steht noch einmal für das Obergeschoss obendrauf. Bridge Fittings, das sind schwere Schrauben mit Schlüsselweite 50, halten die Stahlkolosse zusammen, als seien sie verschweißt (Bild 4).
Ich ziehe an einer nur handbreit geöffneten Schotte, bekomme einen ersten Einblick und betrete dann den Dom über eine provisorische Holzstufe: Stairway to haven (Bild 2). Sabine und Johannes Grimme erwarten mich in ihren Architektur- und Möbelwerkstätten. Während ich mit offenem Mund tonlos staune, bin ich um eine Illusion ärmer: Die beiden jungen Unternehmer, die mich aus strahlenden Augen ansehen, wie ich sie nur von meinen Kindern bei der Weihnachtsüberraschung kenne, sehen nicht aus wie flippige Spinner, die sich mal mit einer coolen Idee verwirklichen wollen. Eine Aura von Schaffenslust und Schaffenskunst füllt die Hallen, in denen es allgegenwärtig und betörend nach frisch verarbeiteter Kiefer duftet.

Johannes Grimme: Schreinerei und Architektur

Die Grimmes hatten eine Schreinerei gepachtet. Einen klassischen, westfälischen Backsteinbau. Nachdem Johannes Grimme seine Meisterprüfung in Ebern abgelegt und beide ihr Architekturstudium in Münster beendet hatten, wollten sie ihre ganz persönliche Handschrift, nämlich die stetige Symbiose aus Schreinerei und Architektur, verwirklichen. Im selbst entworfenen Gebäude den bestehenden Maschinenpark unterbringen und das zu tragbaren Kosten. Ein Ziel, an dem viele scheitern. Nicht jedoch die Grimmes.
Grimmes wollten für ihren Betrieb in die zentrale Lage einer Stadt mit hoher Zuwachsrate der Bevölkerung. Diese Lage versprach die Nähe zu den Kunden. Eine Universitätsstadt sollte es zudem sein, da sie auch mit studentischen Hilfskräften arbeiten wollen. In derartigen Städten sind Flächen fast nicht mehr finanzierbar. Setzt der Schreiner auf die klassische Bauweise aus Holz, Blech oder Stein, investiert er viel Geld in ein Gebäude, selbst wenn er es pachtet. Umbauten und die Innenausbauten binden Geld und sind verloren, wenn er das Gebäude verlassen muss (Bild 3).
Da kam ein Tipp eines befreundeten Architekten zu Hilfe: Container unterliegen nicht den Bauvorschriften für Gebäude, sondern den Industriebau-Richtlinien und – noch wichtiger, sie sind mobil. »Wir wollen eine gläserne Manufaktur, über die man spricht und auf die unsere Kundschaft aufmerksam wird. Jetzt hatten wir die Möglichkeit, ein eigenes Gebäude auf fremdem Grund zu errichten. Weil Container mobil sind, bleibt unsere Investition bei einem Umzug erhalten.«

Planung ist alles

Beide Grimmes suchten erfolgreich nach einem passenden Grundstück und günstigen Übersee-Containern. Die umfangreiche Planung dauerte ein halbes Jahr. Johannes Grimme sagt: »Wir durchdenken und planen grundsätzlich bis ins letzte Detail. Das gilt für unsere Möbel genauso wie für unsere Architektur. Alles, was hier zu sehen ist, war im Vorfeld als Zeichnung, 3D-Modell und als Video entstanden. Jede Fuge ist dort schon festgelegt.« Und: Sie wollen alles, bis auf Sanitär und Strominstallation selber machen. Wollen Erfahrungen sammeln, den eigenen Horizont erweitern. Das war schon immer so. Johannes Grimme verbrachte ein Jahr als Geselle in Bolivien, absolvierte die Ausbildung zum Schreinermeister an der Meisterschule Ebern und schloss das Architekturstudium mit einem einjährigen Stipendium in New York mit Auszeichnung als Master of Science in Architecture ab. Sabine Grimme führte lange Zeit eine Gaststätte im Münsterland, lernte das Schreinern und studierte anschließend Architektur.

Anliefern und Aufbauen

Im September 2014 trafen die 16 Container auf Tiefladern auf dem gepachteten Areal im Hafen ein. Die Betonauflager waren positioniert, Kranwagen und Helfer standen bereit. Der Aufbau dauerte zwei Tage. Ein Container ist 12 m lang, 2,45 m breit und 3 m hoch. Es stehen also 470 m² Gebäudefläche zur Verfügung, von der fast 300 m² reale Nutzfläche bleiben (Bild 7).

Raumzuschnitt

Doch bevor der Innenausbau beginnt, müssen Durchbrüche in Wänden und Decken entstehen. »Von der Stahlhölle zur Holzhöhle« nennt Sabine Grimme diese schweißtreibende Verwandlung. Die 2,5 mm dicken Cortenstahlwände lassen sich nur mit einem Plasmabrenner durchtrennen und man benötigt entsprechendes Know-how. Johannes Grimme besorgte sich die Ausrüstung, ließ sich unterweisen und trennt die Stahlflächen heraus, mehr als vier Tonnen.

Energie und Innenausbau

Alle Stahlflächen der Außenhülle erhalten auf der Innenseite eine Wärmedämmung, eine diffusionsdichte Folie und eine Unterkonstruktion aus Konstruktionsvollholz für die Wandverkleidung (Bild 5). Es folgen die Druckluft- und Elektroinstallationen. An jeder deckenseitigen Stoßstelle zweier Container entstehen Revisionsschächte, die aussehen wie Unterzüge. In diesen werden die Energieleitungen verlegt. Nach Bedarf lassen sich zu den hier installierten Steckdosen, die Johannes Grimme bei seiner Körperlänge auch ohne Leiter leicht erreichen kann, weitere hinzufügen. Die Leitungen sind auch im Nachhinein noch schnell erreichbar (Bild 6).

Jedes Detail durchdacht

Beide Seiten der Unterzüge sind durchgehend mit Leuchtstofflampen bestückt. Da die unteren Abdeckungen dieser Revisionsschächte breiter als der Unterzug selbst sind, decken sie einen Teil der Beleuchtung wieder ab. Das schützt die Lampen und sorgt für warmes, indirektes Licht.

Konsequent

Der gesamte Innenausbau soll aus dem gleichen Material und nach einem strengen Raster ausgerichtet sein. Wie konsequent und detailverliebt die Grimmes sind, zeigt sich an dieser Stelle besonders eindrucksvoll: Obwohl ein Sponsor für 1200 m² Fichte-Vielschichtsperrholz zur Verfügung stand, entschieden sich die beiden für »Gemeine Kiefer! Pinus sylvestris! Aus Polen!«, betont Johannes Grimme und erklärt sofort, warum. Die Fichte nämlich ist für den Bodenbelag zu weich und außerdem passt der Kieferfarbton nach einiger Zeit hervorragend zu dem eigens für Container entwickelten Kupferbraun. Das zweite, mindestens so bemerkenswerte Beispiel für Konsequenz ist das Rastermaß der Vertäfelungen. Jede der ursprünglich 2500 x 1250 mm großen Platten ist mit einer 10-mm-Fuge von der nächsten getrennt. Diese sehr prägnanten schwarz hinterlegten Fugen sind ein herausstechendes Gestaltungsmerkmal, das alle Räume verbindet und ihnen denselben Charakter verleiht (Bild 9).
Wo später einmal der Eingang sein wird, deuten nur der Postkasten und das Firmenschild an der Containeraußenseite an. Im Inneren des Containers ist dieser Bereich noch im ursprünglichen Zustand, doch nebenan ist schon der Vorraum ganzflächig mit Sisalteppich ausgelegt. Hier reinigt man die Schuhe, bevor man über eine schöne Treppe das Obergeschoss betritt (Bild 8). Unter der Treppe ist ein 5000-Liter-Abwassertank eingebaut. Die sanitären Anlagen sind oben installiert, sodass keine Hebestation nötig ist. Die Hauptwasserzufuhr kommt übrigens über einen Hydranten.
Noch sind die oberen Räume nur von wenigen Glühlampen – die selbstverständlich dem Raster folgen – erhellt (Bild 10). Doch schon jetzt wird die Atmosphäre der Zukunft deutlich: Zwei kleine Büros und ein Gemeinschaftsraum warten schon auf die Verkleidungen mit dem hier gelagerten Pinus sylvestris (Bild 12). Durch die Lage der Räume an den Container-Schmalseiten werden nach dem Einbau der Fenster und dem Öffnen der Schotten lichtdurchflutete Arbeitsplätze mit Balkon entstehen.

Viele Fenster mit Balkon geplant

Da die Beleuchtung mit der Vielzahl an Leuchtstofflampen nicht ausreicht, werden hinter alle Schotten noch großflächige Fenster montiert. Und die Schotten bleiben als Schutz und zur Regulierung des Lichteinfalls erhalten. Ist das gesamte Konzept umgesetzt, sind 35 Prozent der Außenfläche verglast. Ihr konsequentes Handeln setzen die beiden auch bei der Maschinengestaltung fort. Für Johannes Grimme müssen alle Maschinen resedagrün (RAL 6011) sein. Damit verbindet er angenehme Erinnerungen aus Kindertagen und bringt durch die einheitliche Farbgebung Ruhe ins Gesamtbild. Eine alte Rahmenpresse hat er wieder instandgesetzt, resedagrün lackiert und deren Stellfüße bodenbündig eingelassen. Jedes Teil hat hier und im gesamten Betrieb einen fest zugewiesenen Platz. Viele Lagerplätze sind schon entstanden und werden noch entstehen. Doch zwischendurch müssen die beiden auch Geld verdienen.

Ein Wecker sorgt für Ordnung

Sabine Grimme hat eine mich beeindruckende Regelung eingeführt: »Ich habe lange in der Gastronomie gearbeitet. Am Abend musste in der Küche alles aufgeräumt und clean sein. Dort ist es zwingend und in der Schreinerei sehr hilfreich! Wir stellen uns einen Wecker, der eine viertel Stunde vor unserm vereinbarten Feierabend klingelt. Dann wird aufgeräumt, auch noch nachts (Bild 11, 13).«
Mittlerweile kann ich mir vorstellen, wie Kundenkontakte entstehen und sich entwickeln. Gemeinsam mit dem Kunden finden sie eine emotionale, dann zusätzlich die fachliche Ebene. Empathisch, ideenreich und fachlich kompetent gelingt es ihnen, besondere Aufträge zu erhalten. Derzeit entsteht ein Café in der Münsteraner Innenstadt, bei dem sie sehr viel freie Hand haben: und das nicht nur für den Innenausbau, sondern auch für die Architektur. Insgesamt sind sie sehr zufrieden mit der Entwicklung ihres Geschäftsmodells. Bis zum Herbst wollen sie den Containerausbau abgeschlossen haben und sich ausschließlich auf ihre Hauptaufgabe konzentrieren: schöne Architektur und schöne Möbel realisieren. Spannende Projekte und ständig neue Herausforderungen – auch bei der Maschinentechnik. So stellen sie sich ihre Zukunft vor. Dafür brauchen sie ein gutes Team, das Freude an der Zusammenarbeit und am Handwerk hat.
Schöne Aussichten! Und wenn die Freifläche nicht mehr zu pachten ist, geht es auf zu neuen Ufern und es werden die Container wieder verladen. Vielleicht auf ein Schiff, das mit leichter Dieselfahne über den Dortmund-Ems-Kanal tuckert.

»Vorsicht! 9 Fuß, 6 Zoll hoher Container!«

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Diese Warnung ist nun überflüssig

Willi Brokbals

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»Eine pfiffige, kreative Idee! Sie überzeugt sowohl den Kunden als auch den Fachmann.«
Fachlehrer an der Meisterschule Ebern
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