Marketing & Betriebsführung

Gebündelte Kompetenz

Wie soll sich der Handwerker präsentieren? Wie arbeitet er mit Architekten zusammen? Wie hält er die Baukultur hoch? Wie steigert er seine Kompetenz? Wie fördert er den Nachwuchs? Die Handwerker im Bregenzerwald meistern das gemeinsam – in ihrem Werkraum.

Im Bregenzerwald gibt es überdurchschnittlich viele Handwerksbetriebe und vielerlei Handwerksberufe. Die Berg- und Wiesenlandschaft zwischen Bodensee und Großem Walsertal mit ihren 24 Gemeinden ist bei Touristen sehr beliebt. Die etwa 30 000 Bewohner halten ihre Wohn- und Baukultur hoch. Das geht mit einer ausgeprägten Handwerkskultur einher, die sich in dem 2013 fertiggestellten Werkraumhaus in Andelsbuch hervorragend widerspiegelt. Der Ort befindet sich im Mittelwald und damit zentral. Der Bau dient als Schaufenster für das, was die Handwerker der Talschaft können. Zu den Besuchern zählen die Einheimischen und die Touristen aus dem In- und Ausland gleichermaßen. Das Haus zeigt sich offensichtlich wohl so einladend, dass die fünf Euro für den Eintritt die Besucher nicht fernhalten (www.werkraum.at).

Im Jahr 1999 gründeten Handwerker der Talschaft den Verein Werkraum Bregenzerwald. Damit wollten sie der Landflucht und der zunehmenden Verlagerung der Arbeitsstätten in das Rheintal entgegenwirken. Das ist ihnen durchaus gelungen, denn das Handwerk im Bregenzerwald blüht. Der Aktionsradius reicht weit bis in alle angrenzenden Länder hinein. Ziel des Vereins ist die Präsentation und Vermittlung der Leistungen seiner Mitglieder, die Förderung der Baukultur im Zusammenwirken mit Architekten sowie die Steigerung gestalterischer Kompetenz und handwerklicher Qualität unter bevorzugter Einbindung der Jugend.
Leistungsschau
Bereits 1991 hat der Handwerkerverein Andelsbuch einen Gestaltungswettbewerb ins Leben gerufen, der dasselbe Ziel verfolgt hat. Handwerker und Gestalter stellten gemeinsam einen Prototypen von Möbeln oder Alltagsobjekten her. Eine hochkarätig besetze Jury beurteilt die Werke und macht sie unter dem Titel »Handwerk+Form« in einer Leistungsschau öffentlich. Der Werkraum setzt seit dem Jahr 2000 die Tradition dieses Wettbewerbs gemeinsam mit dem Handwerkerverein Andelsbuch regelmäßig im Dreijahresrhythmus fort. Die nächste und siebte Veranstaltung findet im Jahr 2015 statt.
Insgesamt 85 Handwerksbetriebe sind dem Werkraum-Netzwerk beigetreten, das sind etwa ein Viertel der Handwerksbetriebe im Bregenzerwald. Die Umsätze erwirtschaften sie zu etwa zwei Dritteln in Österreich und zu einem Drittel im Ausland. Zu den vertretenen Gewerken zählen an erster Stelle die Tischler mit einem Anteil von fast einem Drittel, aber auch Zimmerleute, Maler, Maurer, Schneider, Köche, Installateure, Polsterer, Leuchtenhersteller oder Kunstschmiede.
Nach der Gründung des Vereins beschränkten sich die Räumlichkeiten zunächst auf die Geschäftsstelle mit der Verwaltung. 2005 nahm der Verein eine ehemalige Lagerhalle als Schauraum in Betrieb. Einmal pro Woche öffneten sie die Ausstellung für drei Stunden. 2008 entschlossen sich die Handwerker, sich in einem großzügigen Gebäude mit einer ständigen Ausstellung zu präsentieren und beauftragten den Schweizer Architekten und gelernten Möbeltischler Peter Zumthor mit der Planung.
Die Bregenzerwälder Handwerker haben den Architekten bei der Errichtung des Kunsthauses Bregenz zwischen 1990 und 1997 als Projektpartner und als Vorsitzenden der Jury ihres Wettbewerbs Handwerk+Form kennen- und schätzengelernt. Seither arbeiten er und die Betriebe der Talschaft eng zusammen. Der visionäre Entwurf beruht auf zwei Grundgedanken. Einerseits dient das besondere Gebäude als Versammlungsort und andererseits als große Vitrine, als Schaufenster zur Handwerkskultur im Bregenzerwald. Ausdruck dieser Idee sind ein weit ausladendes Dach aus Holz und eine Fassade aus Glas. Die Trennung zwischen innen und außen ist aufgehoben, die Landschaft fließt durch das Haus hindurch. Die Werkraumhandwerker waren gleichzeitig Bauherr und Errichter des Gebäudes, was sicherlich zum Gelingen beigetragen hat. Die Kosten betrugen 3,7 Millionen Euro.
Die Werkraum-Geschäftsführerin Renate Breuß sagt: »Der Werkraum führt autonome und unabhängige Betriebe unter einem großen Dach zusammen. Hohe Ansprüche an Qualität und Arbeitshaltung verbindet sie, das ist die Basis für konkrete Kooperationen im Tagesgeschäft. Als Ort der Kultur stellt der Werkraum die Freude und die Nachhaltigkeit sorgfältig hergestellter Produkte in den Mittelpunkt. Die Kultur spiegelt sich aber auch im Umgang der Handwerker untereinander, mit Architekten und Kunden wider – nach innen wie nach außen«.
Verkaufsförderung
Der Mitgliedsbeitrag für den Werkraum staffelt sich nach Betriebsgröße, im Durchschnitt liegt er bei jährlich 400 bis 500 Euro. Dafür kann der Handwerker von dem Netzwerk Werkraum und seinen Vermittlungen profitieren. Zusätzliche Leistungen wie etwa die Besetzung eines Schaufensters oder die Teilnahme an einer Messe bezahlen die Mitglieder separat. Hat der Besucher für sich etwas gefunden, kann er sich am Empfangstresen persönlich über den Handwerker informieren.
Neben den Schaufenstern bietet der Werkraum auch noch Ausstellungen, die das Thema Handwerk vertiefen, und ein attraktives Programm an Veranstaltungen zu handwerklichen Themen, beispielsweise über das Holzbiegen. Schließlich bietet das Werkraumhaus ein selbstgekochtes, warmes Essen, Kaffee und Kuchen – und einen grandiosen Ausblick. –GM

Drei Fragen an die Werkraum-Geschäftsführerin Renate Breuß

Frau Breuß, was macht denn die Bau- und Handwerkskultur im Bregenzerwald aus?
Das hat verschiedene Ebenen, zum einen ist es die Freude am Umgang mit den Materialien, zum anderen ist es die im Entstehungsprozess gefundene Form, das Werk selbst. In Vorarlberg und besonders im Bregenzerwald erfolgt die Zusammenarbeit zwischen den Handwerkern und Architekten oder Gestaltern auf Augenhöhe. Sie arbeiten nicht losgelöst voneinander. Daher wissen die Architekten, was die Handwerker noch umsetzen können. Andererseits bringen die Handwerker ein Verständnis dafür auf, was die Architekten umtreibt, auch wenn sich die Entwürfe nicht routinemäßig umsetzen lassen und Sonderlösungen gefragt sind. Unsere Handwerker beziehen natürlich auch den Benutzer oder Endkunden mit ein, indem sie beispielsweise die Frage nach der Gebrauchstauglichkeit stellen.
Die Wohn-, Bau- und Handwerkskultur ist die Basis des Erfolgs vom Netzwerk Werkraum. Was braucht es, damit sich so etwas beispielsweise auch im Südschwarzwald oder in Köln realisieren lässt?
Im kooperativen Arbeiten liegt eine große Kraft. Möglich ist das überall. Wichtig ist es, zu erkennen, wo die eigenen Stärken liegen, und auf dieser Basis aufzubauen. Das Beispiel Werkraum kann hier methodische Ansätze liefern. Damit es wirklich funktioniert, sollten die Impulse von unten aus dem Kreis der Handwerker kommen. Dazu gehört dann eine strukturelle Stärkung mit Maßnahmen, die aus dem eigenen Thema und der eigenen Geschichte hervorgehen.
Wer bringt die Dynamik in den Werkraum?
Die gute Zusammenarbeit mit den Handwerkern selbst, vertreten von einem agilen, siebenköpfigen Vorstand.
Das Interview führte dds-Redakteur Georg Molinski

Aktuelles Heft

Titelbild dds - das magazin für möbel und ausbau 12
Aktuelle Ausgabe
012/2019

EINZELHEFT

ABO

MeistgelesenNeueste Artikel

dds-Zulieferforum

dds auf Facebook

dds auf YouTube

Im dds-Channel auf YouTube finden Sie:
– Videos zu Beiträgen aus dds
– Kollegen stellen sich vor
– Praxistipps-Videos
– Maschinen & Werkzeuge

Abonnieren Sie dds auf YouTube »