Marketing & Betriebsführung

Einzelstücke in Serie

Zum traditionellen Uhrengehäuse gesellt sich Männerspielzeug. Es beherbergt, was Spaß macht: edle Uhren, Zigarren, feines Schreibzeug und vor allem Technik. Der Serienhersteller Wochner ergreift seine Marktchance und bewegt sich in Richtung Einzelfertigung.

Die Montagelinien gibt es nicht mehr. Die Durchlauftaktfertigung ist Montageinseln für die verschiedenen Produktfamilien im Programm von Wochner gewichen. Die Mitarbeiter haben nicht mehr ihren festen Platz in der Linie. Sie nehmen ihre fahrbaren Werkzeugschränke mit auf die aktuell angesagte Insel. Der Uhrengehäusehersteller vollzieht zurzeit den Wandel von der Serien- hin zur Einzelfertigung.

Bis 2005 liefen bei Wochner ausschließlich Uhrengehäuse vom Band, und zwar in großen Stückzahlen. In Spitzenzeiten lag die Losgröße bei an den Montagelinien bei etwa einer Jahresproduktion mit 60 000 bis 80 000 Stück. Heute umfassen die Auftragslose teilweise nur 25 oder 30 Stück, wobei sich selbst diese kleinen Lose noch in verschiedene Varianten aufteilen können, die der Kunde unter Umständen auch noch zu verschiedenen Zeitpunkten abruft.
Einmaliges Produktprogramm
Das 1929 gegründete und 1968 von Josef Wochner übernommene Unternehmen beschäftigt heute 50 Mitarbeiter auf 4500 Quadratmetern Produktionsfläche. Wolfgang Wochner führt den Familienbetrieb seit 1975. Davor hat er in Rosenheim Holztechnik studiert. Er hat den handwerklich geprägten Betrieb zu einem modernen Industriebetrieb ausgebaut, der dennoch sein handwerkliches Können bewahrt hat. Wolfgang Wochner setzt auf die Motivation und Qualifikation der Mitarbeiter. Es gibt kein Unternehmen mehr, das ein vergleichbares Produktprogramm führt. Seit fünf Jahren arbeitet sein Sohn Adrian als frischer Rosenheimer Holztechnikabsolvent mit.
Wochner ist Zulieferer von Uhren- beziehungsweise von Uhrwerkherstellern. Zum Kundenkreis gehören aber auch weitere Hersteller von Luxusartikeln, wie beispielsweise Unterhaltungselektronik. Seit 2005 hat Wolfgang Wochner das traditionelle Programm an Stand-, Wand- und Tischuhren um »Männerspielzeuge« erweitert. Das sind moderne, techniklastige Uhrengehäuse, Tresorschränke mit Uhrenbewegern, Humidor, Multimedia oder Unterhaltungselektronik. Aussehen, Formensprache, Materialien und deren Kombinierbarkeit erinnern an exklusives Interieur von Automobilen oder Jachten. Die Männerspielzeuge besetzen das Hochpreissegment. Ein Tresorschrank kann im Handel leicht 130 000 Euro kosten.
Vorbild: die Automobilindustrie
Das Unternehmen hat auf die geänderten Anforderungen des Marktes reagiert, bietet seine Standardprodukte auch in kleinen Auftragslosgrößen an. Darüber hinaus hat Wochner für seine strategischen Kunden ein neues ausgefeiltes Produktprogramm entwickelt. Es richtet sich an den besonders zahlungskräftigen Individualisten und bietet viele Variationsmöglichkeiten in Bezug auf Abmessungen, Formen, Materialien und Bestückungen mit Einrichtungsvarianten.
Aktuell erzielt Wochner 40 Prozent seiner Umsätze mit der Serienfertigung seiner Milchkuh, das traditionelle Uhrengehäuse in großen Fertigungslosen. 60 Prozent entfallen auf traditionelle Uhrengehäuse in Kleinstmengen sowie die Männerspielzeuge. Bei Wochner haben sich insgesamt viele Dinge in die richtige Richtung bewegt, jedoch fällt es dem Unternehmen nicht leicht, diesen Wandel auch organisatorisch zu bewältigen. Weil Wolfgang Wochner sich als Zulieferer versteht, sagt er im Scherz, dass er keinen Verkauf habe. Sein Marketing richte sich nicht vordergründig auf den Verkauf, sondern auf gemeinsame Produktentwicklungen mit seinen Kunden sowie die zuverlässige und gewissenhafte Erledigung der Aufträge.
Abnahmevereinbarungen
Dennoch hat er gerade im Verkauf eine der ersten und wichtigsten Maßnahmen getroffen, mit den immer kleineren Losgrößen fertig zu werden. Er bietet das Einzelstück zum Serienpreis, wenn der Kunde mit ihm eine Mindestabnahmemenge vereinbart. Hier nutzen die Kunden umfangreiche Gestaltungsmöglichkeiten. Beispielsweise heißt es, Mindestbestellmenge sind 25 Stück, das einzelne Auslieferungslos muss jedoch nur aus fünf Stück bestehen. Der Rest ist innerhalb der nächsten sechs Monate in höchstens zwei Chargen abzurufen. Außerdem können die einzelnen Chargen von verschiedener, aber in der Vereinbarung definierter Ausprägung sein. So variieren die Größe, die Farbe oder die Beschichtung. Bei solchen Bestellungen fertigt Wochner entsprechend des ersten Auslieferungstermins alle die Komponenten, die für das komplette Los gleich sind. Ist noch offen, mit welcher Ausprägung ein Teil zu versehen ist, lagert der Zulieferer die Komponenten mehr oder weniger roh ein, bis der Kunde die nächste Charge abruft. Läuft während dieser Einlagerungszeit zufälligerweise die Lackstraße mit der passenden Farbe, nutzt Wochner die Gelegenheit, hier ein größeres Fertigungslos zu bündeln.
Ausweitung des Standards
Die Standardaufträge beherrscht Wochner. Das Gros der Organisationssoftware ist selbst programmiert, einfach, überschaubar und für alle Beteiligten unkompliziert. Kernstück ist eine mit einer Access-Datenbank verknüpften Excel-Tabelle. Sie führt alle Aufträge, Termine, Bestände und die aktuelle Position in der Fertigung. Wolfgang Wochner sagt: »Standardaufträge laufen wie geschmiert, alle Fertigungsunterlagen liegen bereit. Probleme bereiten uns jedoch die neuen Produkte. Die Varianten- und Materialvielfalt können wir mit unseren gewohnten Methoden nur mit sehr viel Mühe und hohem persönlichen Einsatz bewältigen.« Aus diesem Grund hat er jetzt die Unternehmensberatung Lignum Consulting beauftragt, die Organisation und die Produktion für das neue Programm zu optimieren. Ziel ist es, Einzelstücke rationell in der Serie zu fertigen. Wolfgang Wochner sieht darin eine tagtägliche Herausforderung und rechnet mit zwei Jahren Aufwand für die Umstrukturierung. GM

Kontakte
Josef Wochner, Exclusives aus Holz, GmbH & Co. KG, 72348 Rosenfeld-Heiligenzimmern, www.josef-wochner.de
Unternehmensberatung: Lignum Consulting GmbH, 74635 Kupferzell, www.lignum-consulting.de

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