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Die Chefin schmeißt den Laden

Frauenpower im Handwerk
Die Chefin schmeißt den Laden

Andrea Eigel berät Betriebe in Sachen Marketing und Unternehmensführung, sie hält Reden und Seminare. Immer öfter sitzen Frauen mit ihr am Tisch oder besuchen ihre Veranstaltungen. Zwei dieser Handwerks-Powerfrauen stellt sie hier vor.

»Schreinerei? Das war weder für mich noch für eine meiner vier Schwestern eine denkbare Berufsoption«, erinnert sich Katja Bühler, Inhaberin der Schreinerei Möbel Bühler in Schorndorf. »Mein Vater führte unsere Schreinerei in zweiter Generation. Dass ich den Betrieb mal übernehmen könnte, kam mir zunächst nicht in den Sinn. Doch nach dem Abitur las ich von einem damals neuen Ausbildungsformat, das ein BWL-Studium mit einer Tischler*innen-Ausbildung kombiniert.

Liebe auf den zweiten Blick

Plötzlich wusste ich: Das will ich machen!« Ihr Vater habe sein Glück kaum fassen können. Und die Tochter merkte bald: »In diesem Beruf bin ich in meinem Element«. Im Anschluss an ihr Studium ging sie zur Meisterschule, 2011 stieg sie in den Betrieb ein. 2015 wurde sie seine Chefin. »Mein Vater und ich, wir liegen auf einer Wellenlänge. Dadurch funktioniert das sehr gut«, sagt sie. Dass sie in einem männlich geprägten Berufsfeld arbeitet, hat Katja Bühler noch nie gestört. »Ich springe auch nicht auf jeden blöden Spruch gleich an«, lacht sie. Sie weiß, was sie kann und leistet. Das verleiht ihr die nötige Selbstsicherheit. »Das war nicht immer so: Während meiner Ausbildungszeit habe ich mich öfter verunsichern lassen.« Inzwischen sieht sie durchaus die Vorteile ihres besonderen Status: »Als Frau im Handwerk falle ich noch immer auf. Wir werden dadurch stärker wahrgenommen«, meint sie.

Die Branche, so ihre Einschätzung, profitiere von der zunehmenden Geschlechtermischung. »Der Umgangston im Handwerk ist freundlicher, verbindlicher geworden. Dazu hat sicherlich der wachsende Frauenanteil beigetragen. Umgekehrt lernen wir Frauen oft, klar zu sagen, was Sache ist. Das können ja bislang in der Regel die Männer besser«, fasst Katja Bühler ihre Eindrücke zusammen.

Zwölf Personen umfasst das Team der Schreinerei Möbel Bühler – vier davon Frauen, Katja Bühler eingerechnet. Damit liegt der Anteil deutlich über den zehn bis 20 Prozent Frauen, die Schreinereien durchschnittlich beschäftigen. »Es freut mich, wenn ich für junge Frauen ein Rollenvorbild bin und sie motivieren kann, ins Handwerk einzusteigen«, sagt Katja Bühler. »Dafür möchte ich mich in Zukunft noch stärker engagieren.«

Rollenvorbild für junge Frauen

Katja Bühler ist 35 Jahre alt, ihre beiden Kinder sind noch klein. »Die Hauptlast in der Familie schultern auch heute noch die Frauen – auch, wenn sie Karriere machen«, ist sie überzeugt. Unterm Strich klappt es für sie mit Familie und Beruf: »Wir sind auch in dieser Hinsicht ein echtes Familienunternehmen. Mein Mann, der als IT-Projektmanager in einem Großbetrieb tätig ist, aber auch in meinem Betrieb mitarbeitet, packt zu Hause ebenfalls mit an. Meine Eltern unterstützen uns bei der Kinderbetreuung.« Die Selbstständigkeit vereinfache es ihr, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, sagt die Schreinermeisterin. »Ich kann meine Arbeitszeiten flexibel einteilen und Aufgaben delegieren. In der Werkstatt bin ich aber trotzdem jeden Tag.« An einem Strang ziehen – das ist auch der Geist, der in der Firma weht. Katja Bühler ist überzeugt: »Nur im Team schaffen wir das« Ihren Führungsstil bezeichnet sie als kommunikativ und empathisch. Ihr sei es wichtig, dass die Mitarbeiter*innen Probleme offen ansprächen. Wer selbst Vereinbarkeitsherausforderungen meistert, hat auch Verständnis für das Päckchen, das die Beschäftigten im Privatleben schultern. »Wir finden dann oft individuelle Lösungen«, sagt sie.

Als Inhaberin eines seit 1949 bestehenden Familienbetriebs sieht sich Katja Bühler als Glied in einer Verantwortungskette: »Meine Aufgabe ist es, das zu erhalten, was mein Vater und mein Großvater aufgebaut haben, es weiterzuentwickeln und anschließend eventuell an die nächste Generation weiterzugeben«, sagt sie. Die Tradition begegnet ihr oft: »Für manche Familien hat schon mein Großvater Möbel gebaut«, erzählt sie. »Sie versehen noch immer ihren Dienst.« Klassische Zeitlosigkeit ist bis heute ein Qualitätsmerkmal der Bühler-Möbel: Sie sollen auch in zehn, 20 oder 30 Jahren noch gefallen.

Teil einer Verantwortungskette

Begeistert ist die Fachfrau, wenn sie ganze Räume planen und den Innenausbau koordinieren kann: »Wir sind Komplettanbieter im gehobenen Segment und denken gewerkeübergreifend. Wir erstellen den Entwurf und holen dann alle anderen Handwerker mit an Bord«. Perspektivisch plant Katja Bühler, ihre Planungsleistungen weiter auszubauen und deutlicher nach außen zu kommunizieren. Wahrscheinlich wird dann eine Architektin das Team noch verstärken. Im Moment legt sie die Grundlagen für diese Ausrichtung. »Wir sanieren das Haus, das mein Großvater errichtet hat. Wir haben dort 120 m2 für Büros und Ausstellungsflächen, die wir neu bespielen können. Zudem 300 m2 Wohnraum, der komplett von uns gestaltet wurde. Unsere Kundschaft soll hier direkt sehen und erleben, was wir für sie leisten können.«

Familienphase und Betriebsleitung

Daniela Baisch, die im schwäbischen Gammertingen einen Holzbaubetrieb leitet, machte sich nach dem Architekturstudium 1997 direkt selbstständig. Ihr Mann hatte 1994 das elterliche Unternehmen Holzbau Ott übernommen. »Dort war ich ebenfalls tätig, baute Strukturen auf und trieb die Digitalisierung voran«, berichtet sie. Als 2001 ihre Zwillinge geboren wurden, blieb Daniela Baisch zunächst zu Hause. Nach drei Jahren stieg sie bei Holzbau Ott wieder ein. Ihr Mann verlegte seinen Schwerpunkt zunehmend auf die Tätigkeit als gerichtlich bestellter Sachverständiger für Holzschutz und Holzschäden, während sie die Geschäfte führte. Seit 2011 sind sie beide offiziell in der Geschäftsführung. Faktisch arbeitet ihr Mann jedoch im Sachverständigenbüro, das sie inzwischen auch formal vom Holzbaubetrieb getrennt haben. Daniela Baisch ist Chefin des Betriebs.

Als Obermeisterin aktiv

»Nun stand ich nicht mehr in der zweiten Reihe. Ich wurde zum Gesicht des Unternehmens nach außen«, berichtet sie. Sie ist gut in diese Rolle hineingewachsen und begann, Treffen der Innung zu besuchen. »Ich habe signalisiert, dass ich mitarbeiten will. Als dann ein Obermeister gesucht wurde, hat man mich gefragt«, sagt sie. Die Zusammenarbeit mit dem Vorstand lief von Beginn an hervorragend. Der stets hilfreiche Erfahrungsaustausch mit den Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Betrieben begeistert sie.

Es gab aber auch Situationen, in denen fühlte sie sich als Obermeisterin kritisch beäugt. »Das hat sich aber immer schnell wieder gelegt«, sagt sie. »Der eine oder die andere musste sich erst daran gewöhnen, dass ein solcher Posten mit einer Frau besetzt ist. Interessanterweise waren es oft Frauen, die es scheinbar unpassend fanden, dass ich mich so profiliere.«

Gemeinsam Lösungen finden

»Mit meinen Beschäftigten spreche ich eine andere Sprache als viele Männer. Mir ist es wichtig, dass meine Gesprächspartner*innen mitdenken und ihre Meinung einbringen. Vielleicht haben sie ja eine bessere Lösung als ich«, sagt Daniela Baisch. »Daher lege ich offen, wo wir stehen und welche Ziele wir gemeinsam erreichen sollten.« Durch externe Beratung habe sie viele gute Impulse bekommen, berichtet sie. „Wir haben daraufhin Mitarbeiter*innentreffen eingeführt, in denen wir Probleme thematisieren und gemeinsam Lösungen finden. Wir arbeiten an unseren Strukturen und an eindeutigen Zuständigkeiten.«

»Für die Zukunft planen wir, unsere Geschäftsfelder stärker zu trennen. Wir sind einerseits auf das Thema Baudenkmalpflege spezialisiert, bieten aber auch den klassischen Holzbau an: Wir bauen um und an, gestalten Fassaden, sanieren Dächer, bauen Dachfenster ein oder erstellen Carports«, sagt Daniela Baisch. Im Moment würden sie in der Öffentlichkeit jedoch hauptsächlich als Restaurierungs-Fachleute wahrgenommen. Dabei mache das übrige Geschäft rund 40 Prozent des Umsatzes aus.

Für die Zusammenarbeit in der Branche hat Daniela Baisch ebenfalls eine Zukunftsvision: »Wir könnten noch viel stärker voneinander profitieren. Dazu benötigen wir eine Kultur der Kooperation. Das ist aus meiner Sicht die Zukunft.«

Kooperation und Kommunikation

Katja Bühler und Daniela Baisch teilen die Leidenschaft für ihren Beruf. Beide berichten, wie wichtig ihnen die Kommunikation mit dem Team und eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist. Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleben sie nach wie vor als Frauenthema. Beiden kommt es darauf an, sich und ihr Unternehmen weiterzuentwickeln. Sie möchten Impulse geben, um das Handwerk für Frauen attraktiver zu machen bzw. die Branche insgesamt weiterzuentwickeln. Typisch Frau? Sicherlich nicht. Unsere Gesprächspartnerinnen blicken auf andere Lebenserfahrungen zurück als ihre männlichen Kollegen. Sie bringen ihre eigene »Kultur« in ihren Beruf ein. Das Handwerk profitiert davon.


Andrea Eigel hat sich als Beraterin, Rednerin und Seminarleiterin auf die Schwerpunktthemen Marktpositionierung, Kommunikation, Mitarbeiterführung und Verkauf im Handwerk spezialisiert. www.andreaeigel.de

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