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Co-Working-Space als Nachfolgeregelung für Tischlerei

Tischlerei in Münster wird mit neuem Modell fortgeführt
Nachfolgeregelung als Co-Working-Space

Aus der eigenen, gut laufenden Tischlerei einen Co-Working-Space zu machen, klingt zunächst gewagt. Doch es waren familiäre Schicksalsschläge, die Sandra und Christoph Stratmann zu der Überlegung geführt haben, beruflich etwas kürzer zu treten. Die junge Familie soll mehr Raum bekommen, der Senior entlastet werden und die Traditionswerkstatt dennoch erhalten bleiben.

Kaufinteressenten hatte es gegeben, aber damit wäre der renommierte Name der Tischlerei Haverkamp verschwunden und die Zukunft der Mitarbeiter ungewiss. Also musste ein nachhaltigerer Ansatz her. Eine Lösung für die Inhaberfamilie heißt Co-Working-Space. Was bei Designern oder Programmierern vielerorts Alltag ist, begegnet einem im Handwerk selten. Und so liefen Sandra und Christoph Stratmann, die beide die Meisterprüfung im Tischlergewerk abgelegt haben, bei Innung und Handwerkskammer Münster offene Türen ein. »Als Innungsvorstand muss man vorweggehen«, beschreibt Sandra Stratmann ihr berufliches Selbstverständnis. Den Posten hatte schon ihr Vater Ralf Arnold inne, er war selbst viele Jahre Obermeister. In Zukunft wird er die Rolle des Verwalters einnehmen. Statt Möbelproduktion und Objektgeschäft verwaltet er dann die bis zu sechs Klein(st)betriebe in seiner Werkstatt. Auf rund 1000 m² waren zu Spitzenzeiten bis zu 25 Mitarbeiter/-innen beschäftigt. »Das bedeutet Vollstress, rund um die Uhr«, bestätigt Christoph Stratmann, der in den Betrieb eingeheiratet hat.

Meister im eigenen Co-Working-Space

Zuletzt hat er die Montage und den Reparaturbereich des Unternehmens geleitet. Diese Tätigkeiten werden die Stratmanns nun auch fortführen, zusammen mit einem Gesellen, einem Auszubildenden und einer Bürokraft. Dann sind sie Mieter, als gleiche unter gleichen. Christoph Stratmann ist zuversichtlich, dass das funktioniert: »Der erste Mieter ist unser ehemaliger Werkstattmeister. Er hat zwei unserer Gesellen übernommen und er wird auch das CNC-Bearbeitungszentrum alleine pachten und bedienen.« Alle anderen Maschinen werden geteilt. Lange Warteschlangen sind nicht zu erwarten: Es gibt allein zwei Formatkreissägen und auch sonst ist das neue Zentrum bestens ausgestattet, inklusive Oberflächenabteilung. »Handmaschinen teilen wir nicht«, betont Stratmann. »Als Meister hat man in der Regel ohnehin schon den Keller voller Werkzeug – das Problem sind die Großmaschinen.« Seine Frau ergänzt: »Um sich selbstständig zu machen, ist eine Werkstatt erforderlich. Oft spielen bei diesen Investitionen die Banken nicht mit.«

Know-how ohne Extrakosten

Ohne umfangreichen, modernen Maschinenpark geht es nicht, der Kunde erwartet Effizienz und Qualität. Die geteilte Werkstatt schließt genau diese Lücke. Die jungen Selbstständigen mieten eine Fläche von 30 bis 130 m², je nach Bedarf und Geschäftsmodell. Alle Gemeinkosten teilen sie sich anteilig entsprechend der Quadratmeter. Zusätzliche Maschinenstunden fallen nicht an: alles ist inklusive! Dieses Konzept wurde zusammen mit Steuerberater und Handwerkskammer entwickelt und berücksichtigt insbesondere die begrenzten finanziellen Möglichkeiten der Gründer.

Und es gibt noch weitere, unbezahlbare Vorteile für Start-ups: Zum einen steht Ralf Arnold, der erfahrene Meister, jedem Mieter mit Rat und Tat zur Seite, zum anderen reichen die Stratmanns Möbelanfragen, die von Seiten ihres großen Privatkundenstamms nach wie vor eingehen, an die Gründer weiter. »Aufträge gibt es derzeit genug. Münster ist eine Stadt mit wohlhabender Bürgerschaft, die das Handwerk schätzt«, betont Sandra Stratmann. Mit ihrem Unternehmen fokussiert sie sich nun ganz auf Reparaturdienstleistungen. Mit den großen Immobilienbetreibern der 315.000 Einwohner zählenden Großstadt in Westfalen sind entsprechende Vereinbarungen getroffen.

Nachfolge auf Nachhaltigkeit gesetzt

Stratmann betont die Nachhaltigkeit des Co-Working-Space-Konzepts: »Diejenigen, die sich heute als Tischler für die Selbständigkeit entscheiden, legen Wert auf einen ökologischen Fußabdruck.« Ökostrom und optimierte Abfallentsorgung werden vorausgesetzt, und dass Heizkosten und umbauter Raum geteilt werden, sind weitere Aspekte, die nicht nur dem Portemonnaie guttun, sondern auch der Umwelt nützen. Büroflächen können ebenfalls angemietet werden. »Die meisten Gründer erledigen die kaufmännische Arbeit sowie die Arbeitsvorbereitung aber lieber im Homeoffice«, so Christoph Stratmann. Es wäre natürlich toll, wenn die Unternehmen dann von hier aus wachsen und sich weiterentwickeln. Dass die Räumlichkeiten dann leerstehen könnten, befürchten die Stratmanns nicht. Und wer weiß: Ihr Töchterchen ist gerade sechs Monate alt. Wenn sich die Familiensituation in 20 Jahren ändert, steht immer noch die eigene Tischlerei für dann wieder neue Pläne zur Verfügung. Die Arbeit passt sich den Lebensphasen an. Nicht umgekehrt.

Tischlerei Haverkamp GmbH
www.tischlerei-haverkamp.de

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