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Barrierefrei Bauen und Wohnen

Marketing & Betriebsführung
Barrierefrei Bauen und Wohnen

In dieser neuen dds-Serie erfahren Tischler und Schreiner alles, was sie über das barrierefreie Bauen und Wohnen wissen müssen. Teil 1: Einführung und rechtlich-planerische Grundlagen

Michael Klingseisen

Leben ist ein Prozess. Dieser Prozess spiegelt sich auch in Wohngewohnheiten und Wohnungseinrichtungen wider. Privileg der Jugend ist es, eine Matratze auf den Boden legen zu können, um dort zu schlafen. Dies ist vielen älteren Menschen versagt, sie kämen beim Aufstehen nicht mehr auf die Beine. So muss die Wohnung, aber auch die Einrichtung der Wohnung auf das jeweilige Alter abgestimmt sein. Im Idealfall erlaubt eine Wohnung ein Verbleiben bis in das hohe Alter.
Wohnen erhält einen neuen Stellenwert
Oft genug ist es aber die Wohnung und ihre Einrichtung, die die veränderten Anforderungen eines Bewohners nicht mehr erfüllt und ihn zwingt, sie zu verlassen. Dies bedeutet meist auch den Verlust einer gewohnten Wohnumgebung und die Aufgabe von gewachsenen sozialen Beziehungen.
Die Wohnung ist der Lebensmittelpunkt des Menschen, die Qualität von Wohnen, Wohnumfeld und Wohnquartier ist wichtig. Wenn durch das allmähliche Verschwinden der traditionellen Familienstrukturen und die Aufgabe des Berufes im Alter zwei wesentliche soziale Integrationsmechanismen wegfallen, dann bekommt Wohnen einen neuen, besonderen Stellenwert.
Wo wohnen alte Menschen? Viele haben in der Familiengründungsphase ein Eigenheim bezogen, in dem sie nach dem Auszug der Kinder geblieben sind. Dies bedeutet meist eine überdurchschnittliche Ausstattung, eine grosse Wohnfläche und die Möglichkeit der Gartenbenützung. Nicht selten kehren sich diese Vorteile aber ins Gegenteil, wenn die Treppe zu steil, die Pflege des Gartens zur Last und die Versorgung des Haushaltes schwierig wird. In innerstädtischen Wohnquartieren ist die Versorgung durch die kürzeren Wege zu den Einkaufsmöglichkeiten besser, aber hier wird die Bewältigung der Treppe zum Problem, wenn sich die Wohnung im 3. oder 4. Stockwerk befindet. Die Wohnsiedlungen der Wiederaufbauphase weisen gelegentlich enge Aufzüge auf; hier sind es oft die minimierten Badgrundrisse, die den Bewohnern zunehmend Schwierigkeiten bereiten.
Allen gemeinsam ist der Wunsch, in der gewohnten Wohnung und dem vertrauten Quartier zu verbleiben. Mit dem Alter nimmt auch der Anteil der zu Hause verbrachten Zeit zu.
Lebensqualität erhalten
Das Alter geht einher mit einem Leistungsabfall in den Bereichen Mobilität und Sensorik. Entsprechende Maßnahmen sind zu treffen. Gesucht wird eine Wohnraumgestaltung, die verlorengegangene körperliche Leistungsfähigkeit möglichst ausgleicht und andererseits den Einsatz der noch vorhandenen Fähigkeiten einfordert und fördert. Eine intelligente und auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmte Einrichtung kann den durch das Alter bedingten Defiziten entgegenwirken und damit zum Erhalt der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit beitragen. Wichtig ist es, frühzeitig auf eventuelle Defizite zu achten und Veränderungen im Wohnbereich einzuleiten.
Was die Zukunft bringt
Es gibt bereits eine große Anzahl von alten, kranken und behinderten Menschen, die große Schwierigkeiten mit unserer gebauten Umwelt haben, die sich nur schwer helfen können, deren Fähigkeiten – in unterschiedlichem Maß und aus unterschiedlichen Gründen – eingeschränkt sind. Ihre Anzahl steigt noch. Nach Angaben des Bayerischen Landesamtes für Statistik und Datenverarbeitung vom Juli 2002 gab es am 31.12.2001 in Bayern 973387 Schwerbehinderte, wovon etwas mehr als die Hälfte über 65 Jahre alt sind.
Rein statistisch betrachtet ist etwa jeder zwölfte Einwohner Bayerns als Schwerbehinderter registriert. Mit steigendem Alter nimmt der Anteil schwerbehinderter Menschen an der Bevölkerung zu. In der Altersgruppe ab 65 Jahren ist jeder dritte Mann und jede fünfte Frau schwerbehindert.
Was das bedeutet, wird ersichtlich, wenn man sich die demographische Entwicklung vor Augen führt: Heute sind etwa 20 Prozent der Menschen in Deutschland über 60 Jahre alt, in 20 Jahren sind es bereits 25, in 50 Jahren dürften es 35 Prozent sein. Der Anteil der über Achtzigjährigen erhöht sich im gleichen Zeitraum von 3,8 auf 6,4 Prozent.
Unsere Wohnungen: nur für Gesunde?
Betrachtet man unsere gebaute Umwelt und die Wohnungen, in denen wir leben, so muss festgestellt werden, dass diese nur für junge und gesunde Menschen errichtet wurden: Überall Hindernisse in Form von Stufen oder zu engen Türen, hohe Schwellen zum Balkon, schlecht beleuchtete Treppenhäuser, zu enge Badezimmer. Ein zweiter Handlauf an der Treppe ist meist nicht zu finden, oft bleiben die Füße an den Trittstufen hängen, die Fensteroliven und Türdrücker sitzen zu hoch, und die Fensterbrüstungen sind so hoch, dass man aus einer sitzenden Position nur den Himmel sieht. In den Küchen gibt es keine Möglichkeit, auch im Sitzen zu arbeiten, die Oberkante der Betten liegt zu tief, um bequem aufstehen zu können, die oberen Fächer des Schlafzimmerschrankes sind nicht mehr erreichbar. All dies sind Details, doch sie entscheiden oft über die Benutzbarkeit und damit über die Lebensqualität.
Die Realisierung von barrierefreien Bauten stößt oft auf den Vorbehalt, die Projekte seien mit hohen Mehrkosten verbunden. Untersuchungen von in den neunziger Jahren gebauten Pilotprojekten lassen jedoch die Aussage zu, dass dieses Bauen nicht grundsätzlich teurer ist. Die meisten Maßnahmen sind kostenneutral zu verwirklichen, durch manche entstehen tatsächlich Mehrkosten, wie z.B. durch den notwendigen Aufzug. Diesen Kosten sollte man allerdings die lange Standzeit von Wohngebäuden, die bequemere Nutzung, den Verbleib in der Wohnung bei Behinderung, die dauerhafte Vermietbarkeit, die Vermeidung von kostenträchtigen Umbauten und die volkswirtschaftlichen Kosteneinsparungen gegenüberhalten.
Zudem ist eine barrierefreie Bauweise ein Zugewinn an Komfort für uns alle. Eltern mit Kinderwagen und Gepäck freuen sich ebenso über einen schwellenlosen Zugang zum Haus wie ein älterer Mensch mit einer Gehbehinderung.
Vorgaben des Gesetzgebers
Barrierefreies Bauen wird definiert durch die DIN-Normen 18025, Teil 1 und 2, und durch die DIN 18024, Teil 1 und Teil 2 (siehe Kasten). Die wichtigste Forderung, die sich aus diesen Normen ergibt, lautet: Alles muss für alle Menschen gleichermaßen und ohne fremde Hilfe nutz- und benutzbar sein. Werden diese Normen systematisch umgesetzt, dann ist gewährleistet, dass auch alte Menschen und Menschen mit Behinderungen sich weitgehend selbstständig und selbstbestimmt bewegen können.
Mitte der neunziger Jahre wurde dem Artikel 3 des Grundgesetzes der Satz beigefügt: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Und auch in den Verfassungen der Länder finden sich solche Zusätze.
Der Paradigmenwechsel im Umgang mit Menschen mit Behinderungen – weg von der Heimversorgung und hin zum selbstständigen Wohnen – fand 2002 seinen Niederschlag im Bundesgleichstellungsgesetz. Durch dieses Gesetz soll die Benachteiligung von behinderten Menschen beseitigt und die gleichwertige Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft gewährleistet werden. So verpflichtet sich der Bund, in Zukunft alle seine Bauten behindertengerecht herzustellen; für Umbauten gilt dies ebenso. In Folge dieses Bundesgesetzes haben bereits einige Länder eigene Gleichstellungsgesetze auf den Weg gebracht. Dies wurde notwendig, weil das Bauen in die Kompetenz der Länder fällt. So hat z.B. Bayern 2003 ein solches Gesetz verabschiedet, in dem auch die Bauordnung entsprechend verändert wurde. Seitdem sind nun zwei Handläufe an den Treppen vorgeschrieben, und die Treppen selbst müssen Setzstufen aufweisen.
Im nächsten Teil dieser Serie (dds 9/04) beschreibt Dr. Hildebrand von Hundt von der Kooperation Barrierefrei Leben, wie Tischler und Schreiner sich diesen Markt strategisch erschließen.

Alles, was man wissen muss
In welchen Normen die erforderlichen Planungsgrundlagen stehen und wo Sie weitere nützliche Informationen finden.
DIN 18025, Teil 2: barrierefreie Wohnungen
Wenn hier mit dem Teil 2 dieser Norm begonnen wird, so deshalb, weil darin die Grundlagen für die allgemein barrierefreie Wohnung definiert werden. Werden diese Grundlagen umgesetzt, so ist garantiert, dass ein Mensch bis in das hohe Alter in der Wohnung verbleiben kann, auch wenn er in seiner Mobilität oder Sensorik eingeschränkt ist.
DIN 18025, Teil 1: rollstuhlgerechte Wohnungen
Teil 1 stimmt weitgehend mit Teil 2 überein. Nur Bad, Küche und Schlafzimmer verlangen größere Bewegungsflächen und breitere Türen.
DIN 18024, Teil 2: öffentlich zugängige Gebäude und Arbeitsstätten
Darunter sind alle Gebäude zu verstehen, die nicht Wohnzwecken dienen, mit Ausnahme von Krankenhäusern; dort sind noch einmal andere Anforderungen wie z.B. der Liegendtransport von Patienten zu berücksichtigen.
DIN 18025, Teil 1: Straßen, Plätze, Wege, öffentliche Verkehrs- und Grünanlagen sowie Spielplätze
Behandelt die Anforderungen an den öffentlichen Raum.

dds-Serie Barrierefrei leben
„Barrierfrei Bauen“ ist in aller Munde. dds fragt nach, was dahinter steckt und welche Relevanz das Thema für Tischler und Schreiner hat. Insbesondere wird der Aspekt beleuchtet, wie sich Handwerker dieses Betätigungsfeld professionell erschließen können. Autoren sind u.a. der Architekt Michael Klingseisen, der Geschäftsführer der Kooperation Barrierfrei Leben Hildebrand von Hundt und die Schreinermeister Wilfried Berger und Sabine Zöller.

Der Autor
Michael Klingseisen ist fachlicher Leiter der Beratungsstelle für barrierefreies Bauen bei der bayerischen Architektenkammer in München

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