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Nachhaltige Schreinerei: »Anfangen, aber wie?«

Nachhaltige Schreinerei
»Anfangen, aber wie?«

Die Schreinerei Pfisterer hat sich auf den Weg zum nachhaltigen Unternehmen gemacht. Berater Stefan Angermüller beschreibt, wie der Betrieb dabei vorgegangen ist. Teil 2 der Serie zum Zukunftsthema »Nachhaltigkeit«.

Für Rupert Pfisterer besteht kein Zweifel daran, dass der Klimawandel die größte Herausforderung der Menschheit ist. Für ihn reicht es nicht aus, das die Regierung ein Klimagesetz verabschiedet. Jeder Einzelne muss aus seiner Sicht handeln. »Als meine Brüder Stefan, Josef und ich vor 27 Jahren unsere Werkstatt bauten und die Schreinerei Pfisterer GmbH gründeten, war Nachhaltigkeit als Begriff für uns nicht relevant. Wir hatten jedoch ein gutes Gespür, was für uns Sinn macht. Zum Beispiel wollten wir nicht mit Öl unser Betriebsgebäude heizen, sondern mit den Holzabfällen aus der Schreinerei und dem eigenen Wald. Diese Entscheidung kostete uns in der Anschaffung mehr Geld, aber die laufenden Kosten waren gering.«

Bald darauf heizten Pfisterers, die einen Betrieb mit 19 Beschäftigten in Farchach am Starnberger See leiten, nicht nur das Betriebsgebäude, sondern auch zwei angrenzende Wohnhäuser mit Holzabfällen. Später folgte die eigene Photovoltaik-Anlage auf den Werkstattdächern. Die 20 000 Kilowattstunden im Jahr werden zum großen Teil selbst genutzt. In der Abfallwirtschaft, beim Energieverbrauch und bei der Verwendung umweltschonenden Materialien wurden ebenfalls Fortschritte erzielt. Was diesen durchaus sinnvollen Einzelmaßnahmen fehlte, war die Einbettung in ein übergeordnetes Konzept. Im Jahr 2020 entscheidet sich die Schreinerei Pfisterer daher, dies mit Hilfe externer Unterstützung in Angriff zu nehmen und sich auf den Weg zum nachhaltigen Unternehmen zu machen. Die wesentlichen Schritte dabei:

 Vision und Ziele des Unternehmens klären und schriftlich fixieren, Mitarbeitende ins Boot holen

 CO2-Fußabdruck des Betriebes errechnen, Maßnahmen zur Reduzierung definieren und verbleibenden Rest kompensieren

 Weitere Vorgehensweise skizzieren (Nachhaltigkeitsbericht, CO2-Fußabdruck Produkte …)

Vision und Ziele des Unternehmens

Als »nachhaltig« bezeichnet man ein Unternehmen, bei dem die Aspekte Ökonomie, Ökologie und soziale Gerechtigkeit im Einklang sind. Alle drei Aspekte bedingen sich gegenseitig, das eine ohne das andere wird zukünftig nur schwer Bestand haben. Dieser Dreiklang ist auch in der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung verankert. Vor diesem Hintergrund geht es nun darum, die Vision und Ziele eines Unternehmens zu definieren. Welche Werte sind den Inhabern persönlich wichtig und mit welchen Werten wollen sie ihren Betrieb leiten?

Danach gefragt, sind sich die Brüder Pfisterer schnell einig: Der Mensch steht ganz oben mit seiner Gesundheit. Persönliche Werte wie Anstand, Ehrlichkeit, Menschlichkeit sind wichtig und im Umgang miteinander stehen Vertrauen, Hilfsbereitschaft und Verlässlichkeit ganz oben. Rupert Pfisterer formuliert das so: »Im Mittelpunkt unseres Handelns steht der Mensch und seine Umwelt: Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sollen ohne Druck, mit Freude und einer vernünftigen Entlohnung ihrer Arbeit nachgehen. Für die Leistungen und Produkte, die wir unseren Kundinnen und Kunden bieten, soll ein angemessener Preis ein fairer Ausgleich sein. Die Herstellung und der Vertrieb unserer Produkte soll unsere Umwelt möglichst wenig belasten, damit diese für die nachfolgenden Generationen intakt bleibt.«

Diese klare Vision gibt nun den Weg zur nachhaltigen Schreinerei vor und wird die Motivation auch für die Mitarbeiter sein. Die Gestaltung der Möbel wird sich zukünftig noch stärker an umweltverträglichen Materialien orientieren, die Produktion mit minimalen CO2-Emissionen arbeiten, Recyclingmöglichkeiten sollen bei der Entwurfsplanung schon mitbedacht werden und nicht nachwachsende Rohstoffe gilt es zukünftig zu vermeiden. Schon in der Vergangenheit wurde ein Augenmerk darauf gerichtet, welche Inhaltsstoffe z. B. Oberflächenmaterialien haben. Ab jetzt werden dabei auch die CO2-Emissionen eine Rolle spielen.

Die Schreiner vom Starnberger See sehen in der jungen Generation die Kunden und Mitarbeitende der kommenden Jahre. Und diese jungen Leute fragen zunehmend nach dem ökologischen und sozialen Engagement, das hinter einem Unternehmen oder Produkt steht. Es geht nicht mehr nur darum, möglichst viel zu verdienen oder das billigste Produkt zu erwerben, sondern bewusstes Handeln steht immer häufiger im Vordergrund

Den CO2-Fußabdruck ermitteln

Im Bezug auf die ökologische Nachhaltigkeit verschafft der sog. CO2-Fußabdruck einen guten Überblick, wo man steht. Er gibt an, wie viele Tonnen CO2 pro Jahr in die Atmosphäre abgegeben werden. Er zeigt auf, wo die Emissionen entstehen und an welchen Stellen das größte Potenzial zur Reduzierung der Treibhausgase besteht. Man kann den CO2-Fußabdruck einerseits für das Unternehmen ermitteln, andererseits für die dort hergestellten Produkte. Ein guter und einfacher Einstieg in die Thematik ist zunächst die Berechnung für das Unternehmen. Welche Daten dabei zu berücksichtigen sind – wo also die »Systemgrenzen« liegen – ist auf internationaler Ebene im sog. »Greenhouse Gas Protokoll« beschrieben. Die Berechnung im Fall der Schreinerei Pfisterer wurde von Fair:moebeln mit dem Onlinetool des Dienstleisters »Klimapatenschaft« durchgeführt. Der Abschlussbericht enthält die umgerechneten Emissionswerte, die den CO2-Fußabdruck der Schreinerei darstellen.

Die direkten Emissionen aus dem Betrieb (»Scope 1«) und die zugekaufte Energie (»Scope 2«) waren verpflichtend zu erfassen. Hier ergaben sich bei Pfisterer Werte von 18,60 t bzw. 10,77 t, bezogen auf das Jahr 2019. Die Verbrauchsdaten für Heizung, Strom, Betriebsmittel, Abfall und Berufsverkehr der Mitarbeiter sind nicht immer leicht zu ermitteln. Sie schaffen jedoch Transparenz über den Verbrauch von Energie. Bei den vor- sowie nachgelagerten Prozessen (»Scope 3«) war zu entscheiden, ob die Ermittlung der relevanten CO2-Emissionen glaubhaft möglich ist. Denn nur eine transparent und schlüssig nachvollziehbare Berechnung wird in der Außenwirkung Bestand haben und erfolgreich sein. Bei der Schreinerei Pfisterer ergab sich hier ein Wert von 16,11 t. Zuzüglich eines Sicherheitszuschlages von 20 Prozent Insgesamt summierte sich also die CO2-Emission des Betriebes 2019 auf 54,58 t.

Nachhaltig wirtschaften heißt: erst vermeiden, dann reduzieren und am Ende Unvermeidbares kompensieren. Für die Kompensation der CO2-Emissionen stehen vom Humusaufbau und Moorprojekten in Deutschland bis zur Wiederaufforstung von zerstörten Regenwaldregionen zahlreiche Projekte zur Auswahl. Der Preis für eine Tonne CO2 liegt derzeit bei ca. 25 Euro. Die Gebrüder Pfisterer entschieden sich für ein Aufforstungsprojekt des Anbieters Bauminvest in Costa Rica (zertifiziert nach Gold Standard). Als weiterer Schritt bei Pfisterer steht nun der sog. Nachhaltigkeitsbericht an. Dieser Bericht dokumentiert den Status Quo und definiert die weiteren Ziele und Maßnahmen. Er ist somit die Grundlage für eine nachhaltige Weiterentwicklung. Die Vereinten Nationen haben 2016 die 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung definiert (»Sustainable Development Goals«). Diese werden der Kompass, der Leitfaden für den Nachhaltigkeitsbericht und für die Veränderungen in der Schreinerei Pfisterer sein.

Ausblick: Wie geht es weiter?

Nach außen zeigt der Nachhaltigkeitsbericht den Kunden, Lieferanten und Geldgebern, wer die Schreiner aus Farchach sind, wie sie denken, was sie bewegt und wie sie handeln. Gelebte Ziele und Werte machen die Schreinerei Pfisterer zu einem glaubwürdigen und verlässlichen Partner. Häufig regt der Bericht zu Innovationen an, die zur Zukunftsfähigkeit des Unternehmens beitragen. Durch den bewussteren Umgang mit den Ressourcen sind auch erhebliche Kosteneinsparungen möglich. Bei Pfisterer ist die Erweiterung der Photovoltaikanlage und die weitere Umrüstung des Fuhrparks auf E-Mobilität geplant. Ziel der Brüder ist es, bis 2030, vier Prozent der CO2-Emissionen pro Jahr zu reduzieren und somit die Emissionen durch Mobilität und Fremdstrom auf ein Minimum zu senken.


Stefan Angermüller ist Inhaber des Unternehmens Fair:moebeln im bayerischen Inzell. Er begleitet Betriebe aus dem Möbel- und Innenausbau wie die Schreinerei Pfisterer bei der nachhaltigen Entwicklung. www.fairmoebeln.de

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