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Campingbusse und Wohnmobile ausbauen

Campingbusse und Wohnmobile ausbauen
Ein drittes Standbein

Corona hat die Nachfrage nach Wohnmobilen mächtig befeuert. Bietet das Arbeitsfeld Fahrzeugausbau Tischlern und Schreinern zusätzliche Chancen? dds-Autor Klaus Mergel hat mit drei Kollegen gesprochen, die sich erfolgreich auf diesem Feld bewegen.

Klaus Mergel, Epfach

Die Autobranche ist in der Krise – mit einer Ausnahme: dem Wohnmobilsegment. Im Mai 2020 legten die Neuzulassungen lt. Stat. Bundesamt zum Vorjahresmonat um 29 Prozent zu, im Juni sogar um rund 65 Prozent. Corona hat, wie es scheint, einen Campingboom ausgelöst. Gebrauchte Campingbusse gehen derzeit zu Rekordpreisen weg. Auch »leere« Transporter sind begehrt – für den individuellen Ausbau. Dieses Geschäftsfeld könnte für manchen Innenausbau-Profi interessant werden.

Drei Betriebe, drei Konzepte

Dass die Coronakrise den Camping-Markt verändert, kann Thomas Kiene, der mit seinem Partner Jürgen Endress in Schwäbisch Hall Wohnkabinen für Pick-ups herstellt, bestätigen. »Zu Beginn des Lockdowns war gar nichts los. Doch nach acht Wochen kamen viele Anfragen«, sagt der 52-Jährige. »Erstmals war der Anteil an Kunden die durch das Internet auf uns aufmerksam wurden, deutlich höher als sonst durch Messen.« Messen fielen ja bekanntlich 2020 aus. Kiene konnte dennoch ein Auftragsplus verzeichnen. »Zuerst lag unsere Lieferzeit bei acht bis neun Monaten, jetzt beträgt sie ungefähr ein Jahr.«

Auch für den Freiburger Schreinermeister Achim Neub veränderte der Boom die Nachfrage. Der 35-Jährige baut und vertreibt neben der Möbelschreinerei selbst entwickelte Bettsysteme für Hochdachkombis und Kleinbusse. »Von April bis Mai kamen mehrere Anfragen und Bestellungen. So entschied ich, zusätzlich jemanden in die Schreinerei mit reinzunehmen.« Heute beschäftigt er neben zwei Azubis zwei Schreinermeister in Teilzeit. Die arbeiten überwiegend an den klassischen Schreineraufträgen. Doch mit diesem Team kann Neub auch die Bestellungen bewältigen: 2020 produzierte und verkaufte er etwa hundert Ausbauten.

Und nicht zuletzt Marco Schubert: Der 31-Jährige baut im sächsischen Peritz gelegentlich Transporter aus: In seinem Familienbetrieb läuft das Campingthema jedoch nur »nebenbei«. Der Schreinermeister bemerkte hier keine auffälligen Zuwächse. »Die Camper-Kunden wissen ziemlich genau, was sie wollen, und entscheiden meiner Meinung nach eher langfristig, was sie im Bus haben wollen.«

Mit dem eigenen Projekt gings los

Interessanterweise fing bei allen drei Kollegen, Kiene, Neub und Schubert, das Ganze mit einem privaten Projekt an. Kiene baute die erste Wohnkabine 2010 für sich selbst – und testete sie auf mehreren Reisen. Bei Schubert war es Vater Jens, der vor Jahren für sich persönlich den ersten Mercedes Sprinter ausbaute. Und Neub stellte sein erstes Einbaubett vor vier Jahren für einen befreundeter Grafiker im Tausch gegen sein Firmenlogo her. »Das gefiel mir, wie es in der Werkstatt lag. Da stellte ich es spaßeshalber auf Kleinanzeigen Ebay.« Mit Erfolg: Aufgrund der hohen Nachfrage konnte er einen marktfähigen Preis festlegen. »Ich weiß, dass es teurere Anbieter von Einbauten gibt«, sagt Neub. »Aber das ist der Preis, wo wir mit unserer Arbeit hinkommen wollen. Und wir punkten bei unseren Kunden durch Qualität und Funktion.«

Drei Handwerksbetriebe – drei Konzepte, in denen das Thema Campingbusse und Wohnmobile ausbauen eine unterschiedliche Bedeutung hat. Denn das Engagement in diesem speziellen Arbeitsfeld muss zum Betrieb passen.

Die Wohnkabine vom Schreiner

In der Schreinerei Holz & Form von Thomas Kiene in Schwäbisch Hall entwickelte sich die Wohnkabine »Thokie« in den vergangenen fünf Jahren zum Hauptprodukt. »Ich habe viel Zeit und Aufwand in Entwurf und Entwicklung investiert. Denn wir hatten nach einem großen Serienprodukt gesucht«, sagt Kiene. Thokie kann auf die Ladefläche von Pick-ups aufgesetzt und nach dem Campingurlaub problemlos wieder abgeladen werden. Neben der Kabine produzieren die Schwaben hochwertige Uhrmacher- und Goldschmiede-Tische für einen Handelspartner. Gelegentlich, so Kiene, führe man aus Gefälligkeit noch Innenausbauten für treue Altkunden aus. Ansonsten dominiert die Wohnkabine seine Werkstatt: Zehn Mitarbeiter fertigen sie in Kleinserien von etwa 30 Stück pro Jahr. Zwei CNC-Maschinen sind im Einsatz, eine für die Möbelteile, eine für die Außenhülle der Wohnkabine.

Zwischen 40 000 und 50 000 Euro kostet die Kabine – je nach Ausstattung, ob mit Solaranlage und mit wie vielen Fenstern. Das Alleinstellungsmerkmal: Sie ist in Gfk-Sandwichbauweise aus großen Teilen zusammengefügt. Es gibt also keinen Rahmen, keine Kältebrücken, kaum Verschraubungen. »Das macht die Konstruktion sehr stabil und wenig anfällig«, so Kiene. Zusätzlich verfügt Thokie über ein Unterboden-Warmluftheizungssystem. »Damit bekommen wir das Kondenswasser gut weg«, so Kiene. Ein wichtiger Aspekt, denn bei den meist innengedämmten Campern ist die Taupunktproblematik ein großes Thema.

Kiene betrachtet die fünf Jahre, die er mit seiner privaten Pick-up-Wohnkabine privat unterwegs war, als wertvolle Entwicklungszeit. Er habe über die Jahre auch Lehrgeld bezahlt. So verbaut er inzwischen statt eines starren Wasserleitungssystems Silikonleitungen. Da die lackierten Böden knarrten, wird inzwischen eine Lage Kork eingelegt.

Einbaubetten über den Webshop

Die Konstruktion des Freiburgers Achim Neub ist dagegen vergleichsweise schlicht – jedoch nicht weniger durchdacht. Seine Einbaubetten sind standardisiert für verschiedene Fahrzeugtypen von Hochdachkombis wie Skoda Roomster, VW Caddy, Opel Combo oder Renault Kangoo. Gefertigt sind die Konstruktionen aus Siebdruckplatte, Birkensperrholz und astfreier Tanne. »Unsere Kunden können das Bett in 30 Sekunden einbauen. In der selben Zeit ist es auch wieder ausgebaut«, sagt Neub. Weitere Vorteile: Das System wird werkzeuglos zusammengefügt. Und alle Sitze im Fahrzeug können – wenn man nicht im Fahrzeug schläft – genützt werden. Günstig also auch für Familien. Dennoch: Neub versteht sich in erster Linie als Möbelschreiner: »Ich bin kein Campingausstatter und will es auch gar nicht werden. In seiner Werkstatt entstehen beispielsweise Einbauküchen, vorzugsweise aus melaminbeschichteten Multiplexplatten. Daneben Massivholztische, Treppen und andere Wohnraumlösungen.

Seit vergangenem Jahr vertreibt er seine Einbaubetten über den eigenen Webshop und verschickt sie als 30-Kilo-Paket. Für die Online-Bestellungsannahme, Bezahlung und Versand hat er nun eine zusätzliche Kraft angestellt. Nach eigenen Angaben macht das Projekt inzwischen 15 bis 20 Prozent vom Jahresumsatz aus.

Für ihn praktisch: Mit den Einbaubetten kann er Phasen überbrücken: wenn etwa ein großes Projekt in Verzug ist. »Und ich muss dafür keine Beratungsgespräche führen, die Kunden informieren sich auf der Website.« Ein weiterer Aspekt, der in Zeiten von Corona Vorzüge bietet: Der Umgang mit Kunden ist kontaktlos. Neub profitierte bei seinem Einbaubett von privaten Erfahrungen als Surfer und Mountainbiker: »Ich kenne die Probleme und Bedürfnisse genau.« Für Bikefreunde entwickelt er extra eine spezielle Variante: das »Bikerbett«, das im Auto neben der Liegefläche noch Platz für ein Fahrrad bietet.

Expeditionsfahrzeuge und mehr

In der Tischlerei Schubert im sächsischen Peritz wurden bisher einige große Transporter – überwiegend Mercedes Sprinter – ausgebaut. Und auch ein Expeditionsfahrzeug auf Basis eines Mercedes: Ein schon recht luxuriöser und platzoptimierter Ausbau. »Derzeit sitzt das Fahrzeug in Argentinien fest«, sagt Schubert. »Unsere Kunden sind weniger Campingplatz-Camper, sie stehen eher frei und autark.« Derzeit ist ein VW Crafter in Arbeit. Die Leute kommen zu ihm mit einem komplett leeren Fahrzeug – und haben jedoch klare Vorstellungen. »Das sind für uns immer reine Einzelanfertigungen“, erklärt er.

Der Schreinermeister, der die Werkstatt mit seinem Vater Jens, seinem Bruder Eric und einem angestellten Schreiner betreibt, betrachtet die Ausbauten als reine Ergänzung. Er stellt klar: »Wir machen da nicht aktiv Werbung. Und wir fertigen nur die Möbel und bauen sie ein – kein Gas, kein Wasser, kein Strom.« Nur rund fünf Prozent vom Jahresumsatz macht es aus – mehr Bedeutung will er dem Thema gar nicht einräumen: »So ein Projekt nimmt viel Zeit in Anspruch. An einem einzigen Ausbau bauen zwei Leute rund zwei Monate. Das können wir sonst gar nicht stemmen.« Dennoch sei es ideal, um Leerzeiten zu überbrücken.

Und immerhin: Die Schuberts haben sich in ihrer Region einen gewissen Ruf erarbeitet. Ein Caravanhändler im Nachbarort schickt Kunden bei Reparaturen und Möbeleinbauten zu ihnen. Schubert stellte fest, dass er beim Arbeiten mit konventionellem, handwerklichem Vorgehen gut fährt. »In den Autos hast du keine einzige gerade Kante, jeder Autotyp ist anders. Wir arbeiten sehr oft mit Pappschablonen – mit CAD kommst du da nicht weit«, sagt er.

Langer Atem ist nötig

Alle drei Schreiner haben erfahren, dass sie bei ihren Kunden mit sauberem Handwerk punkten können. Denn nicht zu vergessen: Im Campingbus- und Wohnmobilmarkt tummeln sich viele Bastler. Doch nach der ersten Euphorie kommt nicht selten die Ernüchterung – und spätestens beim zweiten Projekt schlägt dann die Stunde des Profis. Und was auch alle betonen: Der Kompetenzgewinn ist immens. U. a. bei den Materialen, die ja vor allem leicht sein müssen, sowie ihrer Verbindung: »Man hat irgendwann raus, wie man etwa Pappelsperrholz schraubt und das immer noch hochstabil bleibt«, sagt Thomas Kiene.

Im Umkehrschluss bedeutet das jedoch: Die Entwicklungszeit, um in diesem Markt Fuß zu fassen, ist nicht zu unterschätzen. »Man braucht einen langen Atem«, warnt Kiene. Sein Tipp: »Erst mal ein Fahrzeug für sich selbst ausbauen und testen.« Neub sagt im Rückblick: »Es dauerte lang, bis wir so ein ausgereiftes Produkt hatten.« Es dauerte, bis er die Maße für jeden Autotyp hatte und den Schritt von der Einzelanfertigung zur Kleinserie gehen konnte. Statt sich wild ins Campinggeschäft zu stürzen empfiehlt Neub, generell auf persönliche Erfahrungen zu achten: »Indem man etwas, das industriell schlecht gelöst ist, als guter Handwerker einfach besser macht.«


Kontakte

Thomas Kiene
www.thokie-wohnkabinen.de

Achim Neub
www.schreinerei-neub.de/shop

Tischlerei Schubert

www.schubert-tischlerei.de

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