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E-Transporter im Praxistest

Elektrofahrzeuge im Handwerk
Elektrisierend gut

Jens und Patricia Fritzsche prüfen, was die neuen Elektrofahrzeuge für Handwerker können. Den Anfang macht der E-Scudo von Fiat. Weitere Kleintransporter stellen die beiden in einer tabellarischen Übersicht vor. Die größeren Modelle folgen in den kommenden dds-Ausgaben.

Redaktionsbüro Fritzsche, Frankfurt/Main

Elektromobilität ist in aller Munde. Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht ein neues Elektrofahrzeug vorgestellt oder Innovationen in der Batteriezellenforschung bekannt werden. Die emissionsfreien Fahrzeuge sollen zur Klimawende und damit zur Reduzierung der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern maßgeblich beitragen. Grund genug, um einmal genauer hinzuschauen, detaillierter die Fahrzeuge unter die Lupe zu nehmen und auf Rahmenbedingungen und den aktuellen Einsatz zu schauen.

Wir starten mit einer Marktübersicht von acht Modellen der beliebten »Bulli-Klasse«. Gerade im Stadtverkehr spielen die kompakten Transporter mit ihrer Wendigkeit und geringer Höhe bei gleichzeitig großem Platzangebot ihre Stärken aus. Passend dazu haben wir alles, was im neuen Fiat E-Scudo steckt, zwei Wochen lang getestet.

Was sich bei acht Transportern erst mal nach großer Vielfalt anhört, entpuppt sich bei genauerem Hinschauen fast als Trickkiste: Fünf der acht Modelle basieren auf der EMP2-Plattform des PSA-Konzerns. Neben dem Citroën ë-Jumpy, dem Opel Vivaro-e und Peugeot e-Expert dient die modulare Plattform auch beim Kooperationspartner Toyota Proace Electric und dem neusten Mitglied im PSA-Konzern, Fiat E-Scudo, als Basis für die E-Transporter.

Dass diese vordergründige Eintönigkeit aber gar nicht schlecht sein muss, merken wir im Praxistest. Als weiterer Transporter vervollständigt der VW ID.Buzz Cargo, der ab Herbst 2022 erhältlich ist, die Marktübersicht. Dazu kommen ein neuer Rivale, der Maxus eDeliver3 vom chinesischen Automobilkonzern SAIC Motor, sowie der einzige nicht rein elektrisch fahrende Ford Transit Custom PHEV.

Unterwegs mit dem Fiat E-Scudo

Mit einem 136 PS starken E-Motor und einer Batterie mit 75 kWh weist unser Testwagen laut WLTP eine Reichweite von 330 km auf. Zu unserer Überraschung fährt er auch so weit und legt sogar noch über zehn Kilometer obendrauf. Das gelingt allerdings nur, wenn man den E-Scudo fast ausschließlich im Eco-Modus bewegt. Dann verbraucht er maximal 21 kWh pro 100 km.

Neben dem Eco-Modus, in dem sowohl Leistung als auch Klimatisierung reduziert werden, besitzt der Fiat noch zwei weitere Fahrmodi: Normal und Power. Diese sind gut, wenn der Fiat voll beladen ist, man schnell überholen will oder die Strecke sehr hügelig ist. An den Fahrleistungen gibt es insgesamt nichts zu kritisieren. Leise surrend schnurrt der Transporter vor sich hin.

Einzelradaufhängung vorne und hinten sowie adaptive Stoßdämpfer garantieren eine souveräne Straßenlage. Auch voll beladen bleibt der Italiener stets gut zu beherrschen. Das Be- und Entladen funktioniert problemlos. Dank niedriger Ladekanten und breiter Türen ist der Zustieg in den Laderaum mühelos. Er bietet, je nach Ausführung, bis maximal 6,1 m³ Stauraum und knapp über 900 kg Zuladung.

Die Variabilität ist übrigens Fiats größter Trumpf. Kein anderer E-Transporter dieser Klasse bietet diese Anzahl an Varianten: Kastenwagen, Multicab, Fahrgestell mit Flachboden sowie Kombi und das Ganze in verschiedenen Längen. Das Cockpit ist aufgeräumt und besitzt eine Vielzahl an kleinen und großen Ablagen. Die Tasten und Schalter sind alle einfach für den Fahrer zu erreichen und das Infotainment ist sehr intuitiv zu bedienen. Ebenfalls gut und bequem sind die Sitze für höchstens drei Personen.

Deshalb gibt es von uns einen klaren Daumen hoch für den Fiat E-Scudo. Nach zwei Wochen Testzeit haben wir nur ein Manko gefunden: Der Fiat startet immer im Normal-Modus und merkt sich leider nicht, welchen Modus der Fahrer zuletzt ausgewählt hatte. Als Ergänzung sei noch zu erwähnen: Alle baugleichen Modelle von Citroën, Fiat, Opel, Peugeot und Toyota werden optional mit einer 50 kWh großen Batterie angeboten. Sie bietet nach WLTP eine Reichweite von 230 km.

Ladeinfrastruktur ist entscheidend

Den Daumen runter gibt es für die öffentliche Ladeinfrastruktur. Diese ist weiterhin ausbaufähig. Zwar gibt es inzwischen laut der Bundesnetzagentur über 63 000 öffentliche Ladepunkte – davon fast 10 000, die schnell laden – aber in der täglichen Nutzung kommt man immer wieder an Grenzen. Wir mussten im Test zweimal mit einer Kundenhotline sprechen und haben häufig mehrere Versuche benötigt, bis die Ladesäule endlich freigeschaltet war.

Ganz abgesehen von defekten Ladepunkten. Immerhin kann man inzwischen oft mit Kredit- oder EC-Karte bezahlen, ohne dafür verschiedene Systemkarten zu benötigen. Eine Herausforderung für E-Transporter stellen zu kleine Parkplätze an den Stromtankstellen dar. Mit unserem Testfahrzeug im Bulli-Format hatten wir da aber kein Problem. Trotzdem beim Kauf eines Elektrofahrzeuges besser gleich eine Wallbox installieren!

E-Transporter beim Schreiner

Die Qualität des E-Scudo hat uns im Test überzeugt. Aber wie schlägt er sich im Schreineralltag? Bei einer Umfrage mit zwölf Betrieben in Frankfurt am Main – und damit einem typischen Einsatzgebiet für die E-Mobilität – bekamen wir ein klares Meinungsbild. Es zeigt, dass das aktuelle Angebot der Hersteller zwar interessant ist, aber heute noch kein einziger Betrieb einen Elektrotransporter im eigenen Fuhrpark nutzt. Die Gründe dafür lauteten unterschiedlich:

  • Bei vielen Befragten stand in den letzten Jahren ohnehin keine Neuanschaffung im Fuhrpark an.
  • Ohne eigenen Parkplatz oder Betriebshof fehlen einigen Betrieben die Lademöglichkeiten vor Ort.
  • Für einen Unternehmer waren die Kosten trotz Innovationsprämie noch zu hoch.

Diese Argumente bestätigt im Grundsatz auch Dr. Carsten Benke, zuständig für die Mobilitätspolitik im Zentralverband Deutsches Handwerk (ZDH): »Gerade in den Innenstädten können die Handwerksbetriebe teilweise keine privaten Wallboxen installieren, weil ihnen die baulichen Gegebenheiten fehlen. Zudem lassen sich kleine und mittlere Schreinereien oder Innenausbauer häufig individuelle Fahrzeugeinrichtung in die Laderäume ihrer Transporter einbauen.

Diese zusätzlichen Kosten sind zusammen mit den noch höheren Kaufpreisen für die Elektrotransporter aktuell ein Hindernis in der Anschaffung.« Andererseits sieht der Mobilitätsexperte großes Potential und erwartet einen Nachfrageschub. »Die Modelloffensive der Hersteller hat in letzter Zeit einige interessante Fahrzeuge für den städtischen Bereich und das Umland hervorgebracht.

Handwerker mit kalkulierbaren Routen bis 250 km am Tag können schon heute ihre betriebliche Mobilität und den eigenen Fuhrpark mit E-Transportern optimieren. Zahlreiche Gewerke haben mit E-Fahrzeugen sehr gute Erfahrungen gemacht. Die höheren Investitionen amortisieren sich über den Lebenszyklus durch geringere Verbrauchs- und Wartungskosten sowie die Befreiung von der Kfz-Steuer. Viele Handwerkskammern und Fachverbände beraten die Betriebe vor Ort bei diesem Modernisierungsprozess.«

Zwar noch keine E-Transporter, dafür mehrere Elektro-Pkw, hat die Schreinerei Anton Brum & Sohn GmbH im Einsatz. Der auf Türen, Fenster und den Innenausbau spezialisierte Betrieb verfügt über mehr als 115 Jahre Tradition in Frankfurt am Main. Dabei stand auch immer die technische Entwicklung im Vordergrund, was sich beispielsweise in der umweltfreundlichen Nutzung der Holzspäne zum Heizen zeigt. Darüber hinaus hat die Schreinerei eine Solaranlage auf dem Dach, die einen Großteil des täglichen Strombedarfs produziert.

»Wir nutzen in unserer Schreinerei zwei E-Pkw – einen Mini und einen Renault Kangoo – sowie einen Hyundai mit Plug-in-Hybrid. Diese laden wir überwiegend mit unserem selbst erzeugten Solarstrom. Das ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern spart uns auch Kosten. Mit dem Sonnenstrom betreiben wir sogar unsere Produktionsmaschinen. Damit arbeiten wir bei viel Sonne fast autark.

Die Autos laden wir über unsere Wallbox und können dort einstellen, dass nur geladen wird, wenn wir Solarstrom produzieren. Momentan benötigen wir keine weiteren Fahrzeuge. In Zukunft denken wir aber über einen E-Transporter nach, wenn dieser preislich passt«, so Hilli Brum, Geschäftsführung der Schreinerei Anton Brum & Sohn.

AC, DC und die Ladekarten

Ab 2023 soll die Bezahlung mit Kredit- oder EC-Karten an allen öffentlichen Ladesäulen möglich sein. Bis dahin und an privaten Säulen muss man entweder eine Vielzahl an Ladekarten dabeihaben oder eine Karte von einem Verbund nutzen. Dabei schließen sich verschiedene Stadtwerke und Netzbetreiber zusammen, um eine größere Reichweite sowie einheitliche Tarife deutschland- oder teilweise europaweit zu bieten.

So bedient die ADAC e-Charge-Karte etwa 300 000 Ladestationen in 16 europäischen Ländern. Zudem punktet die Karte mit null Euro Grundgebühr und transparenten Ladepreisen ab 38 Cent/kWh für AC- und 48 Cent/kWh für DC-Ladung. AC beutet dabei das Laden mit Wechselstrom, das vergleichbar mit dem normalen Haushaltsstrom ist und meistens mit maximal 22 kW lädt.

Diese Art eignet sich vor allem für das langsame Laden, zum Beispiel über Nacht. Eine höhere Ladeleistung von 100 kW und mehr erfolgt mit Gleichstrom beim DC-Laden. Damit können die Batterien in kurzer Zeit aufgeladen werden. Aus diesem Grund sind Schnellladestationen
an Standorten zu finden, an denen E-Autos nur kurz verweilen, wie Raststätten an Autobahnen.

Als Fazit lässt sich festhalten: Die Zukunft verspricht, elektrisch zu werden. Aktuell spielt jedoch die E-Mobilität im Schreiner-/Tischler- und Innenausbaugewerbe noch keine dominierende Rolle. Notwendig sind weiterhin eine bessere Ladeinfrastruktur und zudem höhere Reichweiten der E-Transporter, um auch die ländlichen Regionen abzudecken.

Marktübersicht kleine E-Transporter 09/2022

Die tabellarische Marktübersicht leichte E-Transporter ist als zweiseitiges PDF abrufbar.

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