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Interview mit Dr. Carsten Benke vom ZDH

Mobilität im Handwerk
Elektromobilität – ja oder nein?

Verbrennungsmotoren sollen ab 2035 für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge weitgehend nicht mehr neu zugelassen werden, so will es die EU. Grund genug, sich schon jetzt mit Alternativen zu beschäftigen. ZDH-Experte Dr. Carsten Benke erläutert im Gespräch mit dds-Chefredakteur Christian Gahle die Bedeutung der Elektromobilität.

An der Elektromobilität führt derzeit kein Weg vorbei. Fahrzeughersteller passen ihre Modellpaletten entsprechend an und bringen ganz eigene, zu 100 Prozent akkubetriebene Elektrofahrzeugreihen auf den Markt. Dr. Carsten Benke, Referatsleiter für Regionalpolitik, Stadtentwicklung, Verkehr und Infrastruktur beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) sagt, warum es sinnvoll ist, sich als Tischler/Schreiner mit der Mobilität im eigenen Unternehmen zu beschäftigen.

Warum sollten Betriebsinhaber/-innen ihre Mobilität schon heute hinterfragen?

Die Mobilität, also der Fahrzeugpark, die Verbrauchskosten und das gesamte Wege- und Transportmanagement, ist ein wichtiger Teil der Preiskalkulation eines Betriebes und zentrale Voraussetzung des Geschäftsmodells im Handwerk: Selbst produzierte Waren werden zum Kunden geliefert und dort verbaut oder Wartungen und andere Baumaßnahmen durchgeführt.

In den meisten Gewerken – in jedem Fall im Bau und Ausbau – sind geordnete Betriebsabläufe nicht ohne eigene Fahrzeuge möglich. Daher ist es immer sinnvoll, das eigene Geschäftsmodell und die Kostenstruktur zu hinterfragen! Handwerk ist innovativ und anpassungsfähig. Die grundlegenden Wandlungen im Zuge der Mobilitäts- und Energiewende sowie der steigenden Treibstoffpreise unterstreichen die Notwendigkeit der Reflexion der eigenen Mobilität nochmals: Welche Fahrzeuge brauche ich? Wie setze ich sie ein?

Neben den »harten Fakten« gewinnen die Umweltauswirkungen an Bedeutung, vor allem, wenn man sich auch für natürliche Werkstoffe und nachhaltige Bauweisen interessiert. 

Klima ist schon zu einem »harten Faktor« geworden: Die Innenstädte werden umgebaut. Es entfallen Stellplätze und es gibt Einfahrtsbeschränkungen. Zudem gibt es inzwischen Parkplätze nur für E-Fahrzeuge. All dies wird sich noch mehr und in weiteren Städten und Regionen ausweiten, denn die Anforderungen zur CO2-Reduzierung sind gewaltig.

Und natürlich achten Kunden zunehmend auf nachhaltige Produkte und nachhaltige Unternehmen. Gerade für das Handwerk ist das wichtig, das sich ja mit gutem Recht als nachhaltige Branche präsentiert. Das Handwerk muss sich bei dieser Entwicklung deshalb auch als Mitgestalter zeigen: Es baut die Städte klimagerecht um, es verarbeitet nachhaltige Rohstoffe, es ist unverzichtbarer Teil der Mobilitätswende. Aber die Betriebe brauchen für diese Tätigkeit auch weiterhin Fahrzeuge.

Sie können nicht auf Bus und Bahn umsteigen und nur zu einem gewissen Teil auf Lastenräder. Das Handwerk als große Wirtschaftsmacht mit umfangreichem Fahrzeugbestand muss und wird auch in diesem Punkt Klimaverantwortung übernehmen und sich weiterentwickeln. Das kostet Anstrengung und Geld. Im Gegenzug müssen die Kommunen anerkennen, dass das Handwerk auf seine Transporter angewiesen ist und müssen entsprechend Abstellraum und Zugänge sichern: ohne Handwerk keine nachhaltige Stadtentwicklung!

Bisher war die Reichweite der akkubetriebenen Fahrzeuge (bei Transportern) ein großes Problem. Ist der Wechsel noch zu früh?

Das ist je nach Gewerk und Einsatzprofil zu entscheiden. Generell nimmt die Praxistauglichkeit zu, die Reichweiten verbessern sich. Letztlich gibt es aktuell kaum Alternativen dazu, sich mit batterieelektrischer Mobilität zu beschäftigen: Ob und wann Wasserstoff oder E-Fuels einsatzfähig sind, ist nicht absehbar. Betriebe mit vorwiegend lokalem, innerstädtischem Kundenstamm können eher umsteigen und dabei müssen sie ja auch nicht alle Fahrzeuge auf einmal austauschen, sondern können erst mal Erfahrungen sammeln, beispielsweise Pkw für die Bauleitung oder Kleintransporter für Montage-, Wartungs- und Reparaturarbeiten einsetzen.

Aber wie alle Gewerke haben auch Tischler und Schreiner sehr unterschiedliche Tätigkeitsprofile. Mal erfolgt die Arbeit mehr in der Werkstatt, mal mehr beim Kunden. Teils mit großen Objekten oder auch kleinen Transportvolumina. Für einen spezialisierten Tischler in der Innenstadt stellt sich die Frage anders als für einen großen holzverarbeitenden Betrieb im Mittelgebirgsraum. Die Profile gilt es sorgfältig zu analysieren. Der Markt entwickelt sich dynamisch. Für viele Segmente gibt es gute Angebote. Gleichwohl werden nicht für alle Anwendungsbereiche schon adäquate und bezahlbare Fahrzeuge mit alternativen Antrieben bereitstehen.

Von den leider massiv gewachsenen Lieferzeiten gar nicht zu reden. Fuhrparkerneuerung und betriebliches Mobilitätsmanagement sind Prozesse, die gut geplant sein wollen. Das Handwerk geht hier Stück für Stück voran. Die gemachten Erfahrungen sind zumeist positiv. Die Ladeinfrastruktur wird derzeit zwar ausgebaut, bleibt für die Betriebe aber ein wichtiger Faktor: Wer einen Betriebshof hat, kann dort eine Ladesäule installieren. Am besten in Kombination mit Photovoltaik auf dem Werkstattdach. Die Ladung reicht für die meisten Aufträge im Umfeld. Bei weiteren Wegen müssen dann Ladeangebote auf Baustellen oder bei Kunden genutzt werden. Aber bei Weitem nicht jeder Betrieb hat einen eigenen Hof. Dann ist er auf das Laden im Straßenraum angewiesen. Hier gibt es noch ernsthafte Probleme.

Was bringen die Fördermöglichkeiten?

Leider ist das Kostendelta bei den Handwerkerfahrzeugen zwischen konventionellen und alternativen Antrieben noch größer als bei kleineren Pkw, weshalb finanzielle Flankierungen gerade bei Klein- und Mittelbetrieben wichtig sind. Die Förderangebote sind hier aber recht unübersichtlich. Der Umweltbonus des BMWK ist ein sehr gutes Instrument, um Pkw und leichte Nutzfahrzeuge mit alternativen Antrieben fördern zu lassen: Heute sind da einschließlich Innovationsprämie im besten Fall bis zu 6000 Euro Förderung plus 3000 Euro Herstelleranteil möglich.

Bei Fahrzeugen bis 40 000 Euro, bei Fahrzeugen bis 65 000 Euro sinkt die Förderung. Leider ist zum 1. Januar 2023 schon eine deutliche Absenkung der Förderung geplant. Und zum 1. September sollen gar alle gewerblichen Nutzer aus der Förderung herausfallen. Klar, Förderungen können nicht ewig bleiben. Aber gerade bei Nutzfahrzeugen verzögert sich der Umstellungsprozess, da entsprechende Fahrzeuge erst später zur Verfügung stehen. Der ZDH setzt sich daher für eine befristete Fortsetzung der Förderung für Handwerksbetriebe ein.

Wie beurteilen Sie andere Alternativen wie die Wasserstoff-Technologie für Transporter?

Hier ist viel im Aufbau, zukünftig interessant, aber Wasserstoff ist bei Fahrzeugen und flächendeckender Infrastruktur noch weniger entwickelt, als dies für elektrisch betriebene Fahrzeuge gilt. Eine große Verbreitung im Pkw- und leichten Nutzfahrzeugbereich ist aktuell eher nicht absehbar. Die Potenziale liegen erst mal bei schwereren Fahrzeugen.

Welche Rolle spielt der ZDH in dieser Lage?

Der ZDH war schon vor mehr als zehn Jahren in wichtigen Arbeitsgruppen der Nationalen Plattform Elektromobilität vertreten und konnte bei der Gestaltung von Rahmenbedingungen mitwirken. Die handwerksinterne Abstimmung zur weiteren Marktdurchdringung und das Engagement für mittelstandsgerechte Rahmenbedingungen in Richtung Politik wird fortgesetzt. Dazu gehört auf der anderen Seite auch die Information in die Organisation hinein und die Sensibilisierung für die Thematik.

Der ZDH organisiert als Dachorganisation den Austausch innerhalb der Handwerksorganisation. Die Beratung der Mitgliedsbetriebe selbst liegt bei den Fachverbänden und Handwerkskammern. Insbesondere die HWKen der großen Städte haben die Informationen gut aufbereitet und bieten eigene Experten. Teilweise vermitteln sie sogar Fahrzeuge zur Probefahrt. Über die Mittelstandsinitiative Energiewende (MIE) besteht ein bundesweites Netzwerk von Beratern, die auch zu Mobilitätsfragen informieren.

Welche Tipps geben Sie den Handwerkern für ihre eigene Innungs- und Verbandsarbeit?

Es ist wichtig, sich modern und aufgeschlossen zu präsentieren. Das, was möglich ist, sollte man auch an die Betriebe herantragen. Dabei aber auch Skepsis ernst nehmen. Bloßes Abwarten ist genauso falsch wie überstürztes Handeln. Jedes Gewerk muss sich aus seinem Tätigkeitsfeld heraus als Gestalter einer nachhaltigen Zukunft präsentieren. Dafür haben Tischler/Schreiner beste Voraussetzungen.

Je mehr wir uns einbringen, umso erfolgreicher können wir bei der Politik notwendige Rahmenbedingungen wie Infrastruktur, Fördermöglichkeiten und handwerksgerechte Regelungen in den Städten anmahnen.


Kontakt

Zentralverband des Deutschen Handwerks e. V. (ZDH)
Mohrenstraße 20/21
10117 Berlin
Tel. +49 30 20619-0
www.zdh.de


Fördermittel

Lange noch Kfz-Steuern sparen

Elektrofahrzeuge stoßen kein CO2 aus und sind daher bis 2030 von der Kfz-Steuer befreit. Es gibt zusätzliche Anreize für Dienstwagen.

Umweltbonus und Innovationsprämie

Fahrzeughersteller und Bund teilen sich den »Umweltbonus«, einen Zuschuss für elektrische Fahrzeuge bis 4,25 t, bis Ende Dezember 2025 – oder bis die Haushaltsmittel erschöpft sind: https://www.bafa.de/DE/Energie/Energieeffizienz/Elektromobilitaet/elektromobilitaet_node.html

Eine »Innovationsprämie« ergänzt den Umweltbonus noch bis Ende 2022. Ab 2023 sollen nur Elektrofahrzeuge gefördert werden, die einen positiven Klimaeffekt nachweisen können. Für reine E-Fahrzeuge ist mit Umweltbonus und Innovationsprämie bis Ende 2022 so eine Förderung von bis zu 9000 Euro möglich, Plug-in-Hybride erhalten eine Förderung von bis zu 6750 Euro. Ab 2023 bis Ende 2025 soll es dann wieder nur den einfachen Bundesanteil (Umweltbonus) geben. Plug-in-Hybride werden aktuell gefördert, wenn diese höchstens 50 g CO2 je km emittieren oder eine rein elektrische Mindestreichweite von 60 km haben.

Förderung von Nutzfahrzeugen

Über das Bundesamt für Güterverkehr (BaG) gewährt der Bund Zuschüsse bei der Anschaffung von leichten und schweren Nutzfahrzeugen mit alternativen, klimaschonenden Antrieben (KsN) sowie zur Errichtung und Erweiterung der dazugehörigen betrieblichen Ladeinfrastruktur (KsI). https://www.bag.bund.de/DE/Foerderprogramme/KlimaschutzundMobilitaet/KSNI/KSNI.html

Förderprogramme kombinieren

Weitere Programme zur E-Mobilität:

  • Förderrichtlinien Elektromobilität und Markthochlauf NIP2 (BMVI)
  • Klimaschutzoffensive für Unternehmen (KfW): Gefördert werden Elektrofahrzeuge in Kombination mit weiteren Maßnahmen zur eigenen Energieversorgung, zum Beispiel PV-Anlage oder Stromspeicher.

Hinzu kommen regionale Förderprogramme der Bundesländer und Kommunen sowie Aktionen von Fahrzeughändlern und Energieanbietern.


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