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Zuhause auf Zeit

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Zuhause auf Zeit

»Innenarchitektur ist keine Frage der Ausstattung, sondern der persönlichen Erfahrung. Folglich auch keine Frage der Kosten, sondern der guten Ideen.« Seine These belegt Peter Daler beispielhaft an der Einrichtung des Alex-Hotels in Berlin, entworfen von Juliane Bardtholdt und Torsten Klocke.

Eine Großstadt ist Lebensraum für ganz unterschiedliche Menschen mit den verschiedensten Zeitbudgets, die sie für ihr Leben in der Stadt vorhalten. Insofern ist der Reisende, der Tourist, der Handelsvertreter, der Kleinkunstdarsteller usw. ein wesentliches Moment im Gemeinwesen der Stadt – er ist Nutzer und Gast zugleich. Entsprechend bildeten sich im Laufe der Zeit unterschiedliche Formate für die Beherbergung dieser Gäste heraus. Ein temporäres Zuhause – mal um einen Moment die Illusion einer anderen, besseren Welt zu genießen (und sich vor diesem Hintergrund von anderen wahrnehmen zu lassen), mal um ein paar Stunden Ruhe zu finden. Heute, in Zeiten forcierter Mobilität, ist das Angebot größer und differenzierter denn je. Sortiert wird nach dem Preis, aber nach wie vor auch nach Lage und Ausstattung, wobei das Stichwort nicht Sterne, sondern Authentizität ist, der wahre persönliche Luxus gefühlter Zuneigung. Insofern ist das Alex-Hotel in Berlin wirklich etwas Besonderes.

Das Möblierungskonzept
Offensichtlich haben die Entwerfer im Vorfeld Reisende und ihre Gewohnheiten scharf beobachtet. Sie erkennen, dass Schränke »in den meisten Fällen unbenutzte Raumfresser sind, die dann genau jene Zonen blockieren, an denen man praktischerweise gerne einfach nur sein Reisegepäck abstellen würde« (Bardtholdt/Klocke). Ihre Lösung für das Alex-Hotel ist ein offener Würfel mit einer Kantenlänge von knapp 40 cm und einem wandseitig befestigten Rückwand-Doppel. Diese Montageplatte hilft bei der exakten Justierung und schafft Spielraum, in der maroden Altbauwand griffigen Bohrgrund für die anvisierten Bohrlöcher zu finden.
Diese Kuben dienen dem Gast mal als offenes Fach, mal als Kleiderhaken oder Lastaufnahme für eine Kleiderstange. Mit einem Schuss Theaterdonner finden die Bett-Kopfteile ihre Form: Türblattrohlinge nehmen jeweils eine Wandlampe auf und verweisen mit reduzierten formalen Mitteln, dennoch selbstbewusst und beherzt, auf den Ort, um den es bei einem Gästezimmer vordergründig geht: das Bett.
Sparsam ergänzt wird die Möblierung durch eine Kofferbank, durch den fast schon zum Klassiker gewordenen Ikea-Hocker Benjamin und eine Lampe, die schwer nach einem Sottsass-Entwurf aussieht – allerdings ein Fundstück auf einer neu installierten polnischen Möbelmesse ist.
Das Farbkonzept
Damit diese minimalen Interventionen Kraft und Zusammenhang bekommen, wurde ein fein abgestuftes Farbkonzept implementiert. Die Grundfarben, die die Designer für die aufgemalten Lamperien in dem Zimmer verwenden, sind Rosé und Babyblau. Dazu bestimmten sie eine Klaviatur von mit beiden Farben gleichermaßen harmonierenden Kontrastfarben, in denen die jeweiligen Kuben laminiert wurden. Dadurch bekommen diese nicht nur fast den Status einer modernen Plastik, sondern verleihen dem Ganzen einen wohltuenden Schuss Modernität und setzen einen dezenten Kontrast zur in Cremeweiß gestrichenen Altbauromantik.
Der Flur wird von einem freundlichen Grün sowie von einem Handlauf aus massiver Eiche bestimmt. Das Holz schließt die »Verkofferung« der Treppe elegant ab und leitet zum Foyer über. Hier ist der Blickfang ein Empfangstresen, bei dem die Farbklaviatur auf der Bauchbinde (diesmal rückseitig auf Acrylglasstreifen lackiert) auftaucht. Zwei flankierende Wandbilder entpuppen sich beim näheren Betrachten als eine Komposition der Würfelfarben aus den Zimmern auf quadratischen Leinwänden. Sitzt man beim Frühstück, hat man das Gefühl, es tauche ein Stück der vergangenen Nacht, quasi als Nachbild, wieder auf, heiter und aufgeräumt.
Das Alex ist ein wahres Designhotel. Die vielen geistreichen Einfälle, die gesunde Balance zwischen vollblutigen Gestalten und strengem Minimalismus hinterlassen einen wohltuenden Nachgeschmack. Gespart wurde an teuren Materialien, nicht aber an Ideen. Das Ergebnis ist charmant, heiter aber nicht witzig, denn das ernsthafte Bemühen um den Gast spürt man an jeder Ecke und in jedem Moment. Mit welchem Kompliment könnte man ein Hotel höher adeln? Peter Daler

Kompakt Alex-Hotel, Berlin
Das Alex-Hotel in Berlin hat 28 Zimmer und sechs Appartements auf vier Etagen. Die Innenarchitekten Juliane Bardtholdt und Torsten Klocke entwickelten ein Möbel-, Farb- und Lichtkonzept, das den unterschiedlichen Zimmerzuschnitten eine gestalterische Klammer gibt.

Service
Bauherr: Alex-Hotel, Berlin (www.alex-hotel.de) Entwurf:
Dipl.-Ing. Juliane Bardtholdt, Halle/Saale Dipl.-Ing. Torsten Klocke, Halle/Saale
Ausführung: Möbel/Ausbau: Rudolf Hohstadt, Teltow Malerarbeiten: Daniel Brauns, Bernau Leuchten: Topmet, Poznán (PL)
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