Startseite » Ausbildung »

Zu Gast im Land der Mitte

Workshop Bambusstuhl
Zu Gast im Land der Mitte

An der Zhejiang University of Technology in Hangzhou, China, entwickelten Studierende im Fachbereich Industrial Design einen Bambusstuhl. Peter Litzlbauer, emeritierter Professor der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, hat den Workshop geleitet.

Kooperationen der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart mit bedeutenden Hochschulen Chinas reichen bereits bis in die 1990er-Jahre zurück und wurden in den Bereichen Architektur, Design und Kunst ab 2003 intensiviert. Workshops, Exkursionen sowie der Austausch von Studierenden und Hochschullehrern geben Einblick in tradiertes Wissen sowie aktuelle Arbeitsweisen des Landes und sind eine Basis für neue Entwicklungen.

Im Frühjahr fand ein Workshop im Fachbereich Industrial Design der Zhejiang University of Technology Hangzhou statt, eine der ganz großen namhaften Universitäten Chinas. Industrial Design genießt hier eine hohe Reputation. Es liegt nahe, sich im Land des Bambus auch mit diesem Material auseinanderzu- setzen! Im Workshop war das Thema Stuhl schnell gefunden: Der klassische chinesische Bambusstuhl verweist auf eine sehr lange handwerkliche Tradition und wird nach wie vor in gleicher Weise hergestellt. Aus den spezifischen Eigenschaften von Bambus wie hoher Biegsamkeit sowie Zug- und Druckfestigkeit sollte zunächst experimentell ein neuer konstruktiver Ansatz entwickelt werden.

Freude am Experiment

Bambus ist als Bambusrohr, in verleimter Plattenform und als Bambusleiste in unterschiedlichen Breiten und Dicken im Handel erhältlich. Wir haben uns auf Leisten der Dimension 2000 x 20 x 3 mm festgelegt. Das sich im Wind wiegende Bambusrohr vor Augen, sollten Biegefähigkeit und Elastizität des Materials im Entwurf genutzt werden. Wie lässt sich Bambus am einfachsten biegen und beständig in Form bringen? Die Studierenden Xie Bingyao, Li Yuqi und Xue Jiayu gingen mit Elan ans Werk. Nach vielen Versuchen durch Wässern und Erhitzen des Bambus zeigte sich, dass direktes Erhitzen und gleichzeitiges Biegen der Leisten die besten Ergebnisse erzielt und selbst enge Radien ermöglicht. Hier wurde viel Lehrgeld gezahlt! Immer wieder brach der Bambus an seinen dichten Stellen, die sich aus der Wachstumsstruktur erklären: Das Bambusrohr gliedert sich in Kammern, Knoten und Trennwände. Durch Spalten des Rohrs entstehen Leisten, die in größeren Abständen die Knoten als dichte Stellen zeigen.

Elastische Konstruktion

Von diesen Erkenntnissen ausgehend, entwickelte sich die Form des Stuhles: Ergonomisch sollte die Lehne den Rücken unterstützen und sich gleichzeitig der Körperbewegung anpassen. Die Sitzschale setzt sich aus dreischichtig verleimten Streifen zusammen. Jeder zweite Streifen verjüngt sich bis auf eine Lage und durchdringt die Rückenlehne in einer S-Form. Die vorgefertigten Streifen sind in der Sitzfläche und an der oberen Kante der Rückenlehne miteinander verbunden. Die S-Form bleibt in dem Gefüge frei und dient als federnde Rückenstütze. Das Stuhlgestell ist aus U-förmigen Bügeln in unterschiedlicher Größe zusammengesetzt und an statisch wichtigen Stellen in gleicher Formensprache verstärkt. Die kreuzförmig diagonal ausgebildete horizontale Aussteifung gibt dem Stuhl Festigkeit in jeder Richtung. Das anmutige und leichte Möbelstück ist durch Elementbauweise auch für eine serielle Fertigung geeignet.


Prof. Peter Litzlbauer, Architekt, Innenarchitekt und Tischlermeister, emeritierter Professor der Staatl. Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, lehrt als Gastprofessor an der Zhejiang University of Technology in Hangzhou, China.

Aktuelles Heft
Titelbild dds - das magazin für möbel und ausbau 10
Aktuelle Ausgabe
010/2021
EINZELHEFT
ABO
dds-Zulieferforum
Grafik des Monats

Zahl der Betriebe im Tischlerhandwerk

dds auf Facebook


dds auf YouTube

Im dds-Channel auf YouTube finden Sie:
– Videos zu Beiträgen aus dds
– Kollegen stellen sich vor
– Praxistipps-Videos
– Maschinen & Werkzeuge

Abonnieren Sie dds auf YouTube »