Meisterstück: Kleiderschrank im Stil eines Allgäuer Bauernschranks

So sehen Erbstücke aus

Das Meisterstück von Max Lindenthal im Stil eines Allgäuer Bauernschrankes soll Trachten und Festtagskleidung aufbewahren. Es zeigt alle Tugenden der Massivholzverarbeitung.

Unschwer ist erkennbar, dass es sich hier um ein traditionell gestaltetes Möbel handelt, stilistisch auf die Alpenregion bezogen. In diesem Sinne beschreibt es auch der Meister als Kleiderschrank für Trachten und Festtagskleidung. Es lohnt sich, alle Feinheiten zu betrachten: die fein gestreifte massive Fichte in Tonholzqualität, der mit Fingerzinken verbundene Korpus, der gegratete Hutboden, der Gestellrahmen mit Schlitz und Zapfen und durchgezapften Füßen, die oben sichtbar verkeilt sind, die Rahmentüren auf Gehrung mit Schlitz und Zapfen und überblatteten Kreuzsprossen, aufgeteilt im Goldenen Schnitt. Den oberen Abschluss des Möbels bildet ein Gesims mit schlichtem Profil, das auch an den Fachbodenkanten wiederkehrt. Gesims und Gestellrahmen sind durch Nutklötze gehalten. Das Schwundverhalten massiven Holzes wurde konsequent berücksichtigt.

Dominant empfinde ich den blauen Stoff mit dem traditionellen Muster, er erinnert an Biedermeier bis Jugendstil. Die mit Stoff bezogenen Füllungen liegen in vertieften Rahmen: Der Stoff ist auf eine Lochplatte aufgeklebt und gewährleistet eine optimale Belüftung der Kleidung. Die Rahmentüren schlagen mit einem Staubfalz in den Korpus ein, um dessen Inhalt vor Staub und Motten zu schützen. Die Mittelseite ist zurückgesetzt: Fachböden und Schubkasten nehmen die reduzierte Tiefe mit einer abgeschrägten Ecke auf. Der Innenraum wirkt dadurch offener. Der versteckte Unterflurauszug des Schubkastens ist aus Ahornholz gefertigt, dessen Feinporigkeit und Härte besonders für den dauerhaften Gebrauch geeignet sind. Klug ist das eingefräste Schubstangenschloss in Kombination mit der gefälzten Schlagleiste, was die Rahmentüren gerade hält. Zu den eingelassenen Messingbändern passt auch der feine, unauffällig geformte Schlüssel aus Messing. Vieles von dem, was ich in unserem schönen Schreinerberuf gelernt habe, ist an diesem Stück verwirklicht worden – es ist eine Freude, so ein Möbel heute neu erleben zu können!

Horizontalschnitt: Rahmentüren schlagen mit einem Staubfalz in den Korpus ein
Frontalschnitt: Unterflurkulissen ermöglichen die verdeckte Führung von Schubkästen

Ursula Maier, Stuttgart, Maître Ébéniste und
Innenarchitektin BDIA. Die Unternehmerin hat
ihren Betrieb um ein Einrichtungshaus sowie ein Büro für Innenarchitektur erweitert und 2007
an die vierte Generation übergeben.

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