Gesellenstücke der Tischler an der Max-Bill-Schule Berlin, Sommer 2019

Retro bleibt angesagt

Aus den geometrischen Grundelementen Linie und Kreis lassen sich unzählige Formen ableiten, doch greifen wir immer wieder auf bekannte Kombinationen zurück – das bestätigen ausgewählte Gesellenstücke der Sommerprüfung 2019 an der Max-Bill-Schule Berlin.

Kaum ein Trend erscheint mir bei den jungen Tischlerinnen und Tischlern aktuell beständiger als eine Retrospektive auf die 1960er- und 1970er-Jahre. Sie könnten vom Lebensalter her meine Kinder sein und bauen Möbel im Stil der Wohnzimmermöbel meiner Eltern. Nicht, dass diese Stücke geschmacklos oder minderwertig wären, ganz im Gegenteil, sie sind handwerklich enorm anspruchsvoll und atmen die Zeitlosigkeit der Möbelklassiker aus Skandinavien. Doch woran liegt es, dass heutige Möbel nicht anders aussehen? Grundsätzlich erlaubt das Gesellenstück der Tischler und Schreiner die Auseinandersetzung mit eigenen Ausdrucksformen. In der Regel würde man annehmen, dass es die Ausdrucksformen der Gegenwart sind: Jung, nicht jung geblieben oder gar von vorgestern. Prägt die Gegenwart keinen eigenen Formenkanon, sondern bezieht sich auf die jüngere Vergangenheit? Im kommerziellen Möbeldesign ist das tatsächlich der Fall, Avantgarde findet hier nur am Rande statt. Ausnahmen stellen die Experimente mit neuen Werkstoffen und Fertigungsmethoden dar.

Ohne es bewerten zu müssen, darf man durchaus unterscheiden, ob ein Möbelstück mehr oder weniger ein Vorbild kopiert oder aus bekannten Elementen etwas Neues kreiert. Der Begriff der Zeitlosigkeit hat sich in der Möbelgestaltung weitaus stärker etabliert, als in anderen Bereichen gestaltenden Handwerks. Das mag zum einen an der Langlebigkeit hochwertiger Möbel liegen, sicher aber auch daran, dass Ikonen moderner Architektur, wozu die Möbelgestaltung im weiteren Sinne zählt, gar nicht Gegenwart markieren, sondern ihrer Zeit voraus sind. In diesem Jahr feiern wir 100 Jahre Bauhaus. Sind wir mit dem Mainstream bei der Kühnheit der Bauhausarchitektur überhaupt schon angelangt? Eher kann man doch den Eindruck gewinnen, Gestaltungsimpulse brauchen Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte, um wahrgenommen, verstanden und umgesetzt zu werden. Das Bauhaus war visionär, seine gesitige Botschaft kommt immer noch an. Architektur, die 100 Jahre Geburtstag feiert, ist gerade erst geboren, wird noch lange stilbildend und stilprägend sein. »Retrostil« ist in diesem Sinne nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart.


dds-Redakteur Johannes Niestrath fühlt sich in das Wohnzimmer seiner Eltern versetzt, wenn er Gesellenstücke im Stil der 1960er- und 1970er-Jahre betrachtet, wie sie aktuell gern gebaut werden – eine Zeitreise!

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