Meisterstück: Stehpult von Kevin Gerstmeier

Gelungene Hommage

Das Meisterstück Stehpult von Kevin Gerstmeier kann als hervorragende Reminiszenz an die Klassische Moderne betrachtet werden – beginnend beim Bauhaus, über die HFG Ulm bis zu seinem großen Vorbild Dieter Rams, einem prägenden Gestalter unserer Zeit.

Der Steharbeitsplatz von Kevin Gerstmeier zeigt eine eigenständige und teilweise spielerische Auseinandersetzung mit der Klassischen Moderne. Das Fußgestell aus endlos geführtem, verchromtem Stahlrohr erinnert an die Tische und Schreibtische der 1930er-Jahre von Marcel Breuer für Thonet.

Die rundum ausgewogene Proportion des Korpus im Zusammenspiel mit dem Gestell lässt eine sichere Anwendung des Goldenen Schnittes erkennen. Das in sich ruhende Fußteil betont die Leichtigkeit in der Vertikalen von unten. Der vermeintlich schwebend aufgesetzte Schubladenkorpus ist durch die schräge Verjüngung in seiner Wuchtigkeit abgemildert und verleiht dem gegensätzlichen Anspruch von Leichte und Schwere eine heitere Note. Die nur angedeuteten Griffmulden, die auf Druck die Schubladen öffnen, das feine Fugenbild an der Schubladenfront und die ausgewogene Abstufung der Schubladen nach oben unterstützen die ruhige Ausstrahlung.

Handwerklich ist das Möbel im Detail durchdacht und präzise ausgearbeitet. Hervorzuheben sind die feinen Schwalbenschwänze am Korpus und an den innen trichterförmig ausgebildeten Schubladen, ihre Holzkulissenführungen sowie die herausnehmbare Stiftschatulle.

Ist dieser Möbeltypus einem Steharbeitsplatz oder eher einer Kommode zuzuordnen? Das Stehen an der Rückseite des Korpus mit dem daraus resultierenden Arbeitsablauf ist gewöhnungsbedürftig. Auch die in unserer Zeit digital ausgerichtete Arbeitswelt findet keine Berücksichtigung. Dafür unterstützt das Möbel Augenblicke der Besinnung, skizzierend Gedanken aufs Papier zu bringen, und dafür ist es gemacht.

Im Gesamtbild zeigt diese Arbeit eine hervorragende formale Ästhetik und einen hohen handwerklichen und praktischen Anspruch. Sie belegt, wie intensive Beschäftigung mit Vorbildern und ihr analytisches Hinterfragen inspirieren und zu einer eigenständigen Interpretation anregen kann.

Vertikalschnitt: Schubladenkorpus mit abgestufter Rückwand und bündig einschlagenden Doppeln
Frontalschnitt: Unterflur auf Holzkulissen geführte Schubkästen mit innen umlaufend konisch ausgebildeten Seiten

Prof. Peter Litzlbauer, Architekt, Innenarchitekt und Tischlermeister, hat bis Sommer 2017 Grundlagen des Konstruierens/Raum, Möbel, Material an der Staatl. Akademie der Bildenden Künste Stuttgart gelehrt.