Meisterstücke

Sorgt für Gesprächsstoff

Einen Schreibtisch mit Mühlrad hat auch ein viel gereister Gestalter wie Axel Müller-Schöll noch nicht gesehen: Jan Thies hat den Drehkörper als Alternative zum Rollcontainer entwickelt. Gedanken über ein Möbelstück, das sich aus der Masse hervorhebt.

Prof. Axel Müller-Schöll Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

Vor einiger Zeit bat mich ein Bauherr, ihm für sein Büro ein großes Bild zu besorgen. Auf meinen Einwand, dass ich seinen Kunstgeschmack ja gar nicht kenne, ließ er mich wissen: »Nicht so wichtig, mich interessiert, dass man über das Bild sprechen kann; am besten ganz Unterschiedliches, sodass ich mit Besuchern zum Auftakt nicht immer über das Wetter oder die beschwerliche Anfahrt reden muss.« Ich halte das für ein relevantes Argument, und man kann diese kommunikative Eigenschaft durchaus auch für Beispiele aus dem Bereich des Möbeldesigns anführen. Das »Stauraumrad« mag den einen an den Wiener Prater, den anderen an ein Mühlrad oder auch ein Tagebauwerkzeug erinnern – schon ist man im nächsten Satz beim Material des Lagers, der Welle oder Ähnlichem.
Aber auch ohne das interessant aus der Fläche herausgearbeitete Radgespeiche bliebe ein Möbel übrig, das sich sehr geschickt und gefällig mit der Anmutung seines Materials (massive Esche) und einer dazu passenden Unifarbe mitteilt. Mit dem warmen Anthrazitton codiert Jan Thies alles, was kein Massivholz ist: die mit Linoleum belegte Platte, die Speichen und einzelne Gondeln sowie die für den Drehkörper notwendigen Beschläge. Dadurch werden die an und für sich sehr zurückhaltenden und unaufgeregt, aber sehr durchdacht gefügten Holzpartien in ihrer Wirkung erhöht. Man will zuerst nicht glauben, dass mit derart reduzierten Querschnitten ein so großer Arbeitstisch in Holz zu fertigen ist. Die Werkzeichnungen offenbaren eine Leichtbauweise, die erst mit der rechnergestützten Genauigkeit in dieser Form sinnvoll umzusetzen ist. Ein Meisterstück von einer beeindruckenden Fertigungskompetenz, das zudem ahnen lässt, welche Gestaltungspotenziale in den modernen Bearbeitungstechnologien schlummern.

Axel Müller-Schöll

3688580

»Eigenschaft eines Möbels kann auch sein, Fantasie anzuregen!«

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