Meisterstück: Schreibtisch von Tobias Schauhoff

Modern, nicht modisch

Tobias Schauhoff, dds-Preisträger 2017, leiht sich einen 70 Jahre alten Schreibtisch und analysiert ihn gründlich, um ihn als Meisterstück neu zu interpretieren. Ein gelungener, zukunftsfähiger Relaunch, findet Prof. Axel Müller-Schöll.

die Art der Korrespondenz und die dafür verwendeten Medien haben sich während der sieben Jahrzehnte, die zwischen dem Vorbild und seinem Relaunch liegen, extrem verändert: Das Primat liegt heute auf der Verwendung digitaler Medien wie dem Smartphone und Tablet. Sie finden im Tisch ihren Ort, um ihren Besitzern als Sekretäre zu dienen. Auch die Akkus können hier geladen werden.

Die Buntstifte bringen einen charmanten Kontrast in die geschmeidig modellierte Stauraumebene, ein Marker-Set verbreitet augenzwinkernd einen Hauch von Cockpit-Atmosphäre. Da bei dem überwiegend digitalen Schriftwechsel kaum noch Schriftgut anfällt, das gegenständlich aufbewahrt werden muss, entfällt damit ein wesentlicher Bestandteil des klassischen Sekretärs. Übrig bleibt ein kompaktes und praktisch organisiertes Volumen, dessen Inhalt sich wenn nötig vor Blicken und Zugriff schützen lässt – die fragile Oberfläche des geschlossenen Rollladens ist leicht geneigt und beugt so einer Fehlnutzung als Ablage für dies und das vor. Bravo! Ein »zeitloses« Möbelstück, wie es Tobias Schauhoff eigentlich kreieren wollte, ist dieser Schreibtisch allerdings nicht geworden – und das ist eine der großen Qualitäten des Entwurfes!

Ein ambitioniertes Wohnmöbel spiegelt immer auch einen wesentlichen Aspekt aus der Gegenwart seiner Entstehung wider: seien es die handwerklichen Möglichkeiten, die Art seiner Nutzung oder auch eine Reminiszenz dessen, was potenziell rechts und links von dem Gegenstand platziert ist. Vielleicht werden wir in weiteren 70 Jahren wiederum völlig anders kommunizieren – mit anderen Hilfsmitteln und in anderer Geschwindigkeit. Ich bin mir sicher, dieses elegante Möbel wird das aushalten – als Zeuge einer Zeit, in der es modern war, aber nicht modisch!

Vertikalschnitt: Innenkorpus mit nach hinten geneigter Front und vorne griffartig ausgebildetem Boden als »Lehne« für Tablet und Smartphone
Horizontalschnitt: Ein Konstruktionsboden trägt die Unterflurauszüge der Platte. Dazwischen liegen herausnehmbare Kassetten

Prof. Axel Müller-Schöll lehrt an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle Innenarchitektur und Ausbaukonstruktion. dds und dem Tischlerhandwerk ist er seit vielen Jahren beratend und als Autor verbunden.