Meisterstück Flurmöbel

Doppelte Retrospektive

Das Meisterstück von Andreas Leubner ist formal und im Entwurfsansatz eines Systemmöbels eine gelungene Hommage an die 1960er- und 1970er-Jahre.

Mit konisch zulaufenden Füssen erinnert das Meisterstück von Andreas Leubner, wie er selbst schreibt, an die 1960er- und 1970er-Jahre. Aber nicht nur in formaler Hinsicht darf es als retrospektive Hommage gesehen werden, sondern mehr noch des Entwurfsansatzes wegen. Dieser atmet etwas von dem Geist der Ulmer Hochschule für Gestaltung um Max Bill, dessen Pendant im Osten etwa zur selben Zeit die Burg Giebichenstein in Halle war, die noch als »Hochschule für industrielle Formgestaltung« diese konsequente Form des Rationalismus pflegte.

Das Designverständnis war maßgeblich von Rudolf Horn geprägt, dessen Entwürfe von den Deutschen Werkstätten Hellerau in Dresden produziert wurden. So war etwa das legendäre MDW-Möbelprogramm ein System-Möbel aus Komponenten, die in einem ausgeklügelten Raster mit- und ineinander aufgebaut werden konnten und Menschen so dynamisch durch unterschiedliche Lebensphasen begleiteten.

Ein solches wohldurchdachtes Setting ist auch dem jungen Meister Andreas Leubner gelungen. Es macht Veränderungen von Sitzhöhen möglich, etwa für ganz Alte und ganz Junge, bietet nach Bedarf mehr oder weniger Sitzplätze für eine Familie, die sich in ihrer Zusammensetzung verändert und interpretiert den Alltag der Gegenwart mit Augenzwinkern in Form einer USB-Ladestation. Ein Arrangement, das sehr flexibel ist und im Gegensatz zu anderen, die das auch sind, Möbel aus einem Guss zeigt, ohne dabei überladen oder zusammengewürfelt zu wirken.

Gelungen ist Leubner auch die Wahl der Farben und Materialien: Die hellen Noten im europäischen
Nussbaum werden durch Kombination mit Kupfer und dem entsprechenden Ton des Leders raffiniert aufgenommen, sodass die dunklen Holzanteile den Duktus einer Zeichnung erhalten. Diese Interversion verleiht dem Ganzen eine wohltuende Frische, ohne dass es dabei aus der Ruhe kommt. Ein Meisterstück in vielerlei Hinsicht – Bravo!

Vertikalschnitt: Stollenbank mit Füllungen. Furnierter Schrankaufsatz mit Front aus schräg angeschnittenen Hirnholzklötzchen
Vertikalschnitt: Stumpf aufschlagende Tür, der Fachboden ist als Rahmen mit Lederfüllung ausgeführt
Horizontalschnitt: Anschlag der Rahmentür mit aufwendiger Staubleiste

Prof. Axel Müller-Schöll lehrt an der
Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle
Innenarchitektur und Ausbaukonstruktion.
dds und dem Tischlerhandwerk ist er seit vielen Jahren beratend und als Autor verbunden.