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Dekorativ versus praktisch - dds – Das Magazin für Möbel und Ausbau

Meisterstücke
Dekorativ versus praktisch

Michael Mai, Meisterschule München, hat sich mit dem Thema Truhe befasst. Der kunsthandwerklich anmutende, perfekt gearbeitete Korpus mag ansprechen oder nicht. Doch wie steht es um die Alltagstauglichkeit?

Prof. Axel Müller-Schöll, Burg Giebichenstein, Hochschule für Kunst und Design Halle

Die Seitenwände einer Truhe, in der vermutlich Textilien aufbewahrt werden, leicht zu krümmen, ist keine funktionale, sondern eine künstlerische Entscheidung, die hier nicht zur Disposition steht. Ich nehme an, dass es zur gestalterischen Absicht von Michael Mai gehört, seinem Möbel eine kompakte, ja monolithische Wirkung zu verleihen, und er daher die Klappe auch nicht stumpf, sondern mit einer Gehrung auf den Korpus legt – mit einem Scharnier, dessen Drehpunkt nach außen verlegt ist. Aber warum wurden die Abdeckscheiben nicht wie der Griff flächenbündig eingelassen?
Um die Klappe im geöffneten Zustand zu halten, transformiert Michael Mai das Prinzip eines Beschlages, den man in Metall ausgeführt kennt, in ein recht massives Holzbauteil. Auch das ist vielleicht Geschmacksache. Aber kann man bei einer Bauteillänge von fast einem Meter wirklich nur an einer Seite die Klappenhalterung vorsehen? Eine zusätzliche Befestigung an der Außenseite der Truhe hätte deren Krümmung erschwert. Aber hätte die Meisterlichkeit an dieser Stelle nicht gerade in einer Vereinfachung der Lösung bestanden?
Gelungen ist die Auswahl des Haselnussfurniers, das mit seiner Zeichnung visuell eine Bandwirkung entfaltet, die sich wie ein Gürtel um den Korpus legt. Der Truhe verleiht dies eine spannungsreiche, edle Anmutung – die allerdings dadurch beeinträchtigt wird, wie das Möbel auf dem Boden aufsitzt! Denn die untere Kante wird ja nicht nur durch Unebenheiten des Fußbodens strapaziert, sondern auch durch die ständig wiederkehrende Einwirkung von Besen, Schuhen und Staubsauger. Ein Sockel hätte auch das Anheben des Möbels erleichtert – Transportabilität gehört ja ursprünglich zu den Primärfunktionen einer Truhe!
»Bei Truhen ist Transportabilität eigentlich eine Primärfunktion.« Axel Müller-Schöll

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