Klassiker neu gedacht

Leistenakrobatik mit unerwartetem Öffnungsmodus. Alfi Provenzano erhielt für seine Kommode einen von drei Gestaltungspreisen der Münchner Meisterschule. Eckhard Heyelmann beleuchtet das unkonventionelle Möbel.

Eckhard Heyelmann, Garmisch-Partenkirchen, Innenarchitekt und Dipl.-Designer, Schulleiter a D.

Kommoden sind seit Anfang des 18. Jahrhunderts in Gebrauch und seither so wandelbar wie kaum ein Möbelstück sonst. Mit seinem Meisterstück ist Alfi Provenzano ein interessanter Ansatz zur Weiterentwicklung dieses mit Schubladen ausgestatteten Möbels gelungen. Die Bezeichnung leitet sich vom französischen commode (bequem) ab, bietet doch die (klassische) Kommode einen schnellen Überblick und Zugriff von oben auf den Inhalt. Diese Anforderungen optimiert A. Provenzano in seinem Möbel mit komfortabler Öffnungs- und Schließweise. Seine Kommode verfügt über acht Massivholzschübe, von denen sich vier aus der Vorderfront und jeweils zwei aus den Seitenfronten aufziehen lassen. Massivholzlamellen als Doppel bewirken eine differenzierte horizontale Gliederung des schlichten Körpers, er verliert an Massivität und Körperhaftigkeit. Plastizität und Leichtigkeit dagegen erhöhen sich durch die Lamellen sowie die durchlaufende Griffmulde und Fase, die die Bedienung der Schubladen ablesbar machen. Dabei erscheint mir die farbige Ablackierung der Fasen ohne Abgrenzung unter dem Gesichtspunkt des grobporigen Materials und der Nutzung fragwürdig.
Die in drei unterschiedlichen Breiten gewählten Lamellen sind gleich stark, jedoch einseitig um 7° schräg gehobelt. Sie sind in ungleichem Rhythmus mit betonten Fugen angeordnet, L-förmig auf Gehrung verbunden sowie mittels Gratleisten am Korpus oder an Schubkasten befestigt. Die Schubkasten werden auf hochwertigen Auszügen geführt. Parallel dazu wird zur Stützung und Führung des geöffneten Winkels der Beplankung eine Vollholzführung mit ausgezogen. Ob und wie sich die unterschiedlichen Laufeigenschaften und Toleranzen auswirken, wird sich im täglichen Gebrauch erweisen. Das Untergestell in Ahorn erinnert mit seinen schrägen Füßen an Vintagemöbel der 50-er/60-er Jahre. Die Farbgebung in zartem Pastell-blaugrün folgt einem gängigen Trend.
Mit seinem Meisterstück gelingt Provenzano eine horizontal betonte Frontgestaltung. Wünschenswert wäre eine konsequente, allseitig umlaufende Linienführung. Das hier vorgestellte Möbelstück ist für eine Stellung im Raum an einer Wand konzipiert, es bedarf daher seitlicher Freiheit, um die unteren Züge seitlich öffnen zu können.