Schreibtisch im Retro-Stil der 1960er-Jahre

Interessenkonflikt

Konkurrierende technische und dekorative Ideen überformen die harmonische Gestalt dieses im Stil des skandinavischen Möbeldesigns der 1960er-Jahre gestalteten Schreibtisches.

Ein konisches Gestell umgreift den Korpus des Schreibtisches in Rüster und Linoleum, dessen Hinterbeine oben stark eingerückt und durch eine Kröpfung dynamisch ausgestellt sind. Der an diesen Beinansatz anschließende hintere Korpusteil ist als großer Installationsraum ausgebildet und so belüftet, dass darin auch Ladegeräte und Netzteile betrieben werden können. Die Stromzuführung erfolgt über ein Textilkabel. Zugänglich ist dieser Raum über eine in die Tischplatte eingelassene Klappe. Bündig eingelassen ist auch ein Messingprofil mit Bürstendichtung als Führungsschiene für einen verschiebbaren Aufsatz, der hier mit USB-Steckdosen, Vasenhalter und Ablage für ein Smartphone ausgestattet ist. Dieser Aufsatz wiederholt Materialkombination und Konstruktion der Platte des Schreibtisches in kleinem Maßstab. Der Dekorationsimpuls und technische Anforderungen treten dabei miteinander in Konkurrenz: Universelle Anschlussmöglichkeiten sind im Installationsraum gegeben – wozu USB-Buchsen in den beweglichen Aufsatz integrieren? Für diesen wäre eine zierlichere und auch im Material deutlich vom Tisch abgesetzte Form vorteilhafter. Elektrische Anschlüsse müsste es gar keine geben – Kabel von Geräten, die ohnehin auf dem Schreibtisch liegen, ließen sich ebenso gut direkt durch das Bürstenprofil führen, selbst eine induktive Ladefläche für das Smartphone muss nicht auf dem Möbel beweglich sein. Ein beweglicher Aufsatz ohne sichtbare Stromzuführung wäre aber durchaus für eine schlanke Tischleuchte aus Metall interessant!

Der vorn auf Gehrung und hinten stumpf gestoßen ausgebildete Rahmen der Tischplatte um die Einlage aus Linoleum erinnert an die Wandbündigkeit eines Einbaumöbels. Auch die in die Hinterzarge gefrästen Lüftungsschlitze definieren eine klare Rückseite. Eine solche Festlegung wäre nicht zwingend notwendig, zumal der für das Meisterstück als Vorbild dienende Möbeltypus frei im Raum stehen kann. Auch die nicht über die volle Breite durchlaufende Griffleiste an der Unterkante der Schubkastendoppel gibt Rätsel auf: Sie schafft eine unterbrochene Verbindung auf Höhe der in die Stollen eingeklinkten Zargen. Als Zierleiste mit Grifffunktion würde man sie höher setzen! Der Blick auf den Vertikalschnitt zeigt diese Griffleiste als Weiterführung der Zarge, die unterhalb der Schübe die Stollen verbindet. Diese Zuordnung entzieht sich dem Betrachter dadurch, dass in der Vorderansicht die Verbindung zur Zarge fehlt, in welche die äußeren Doppel einschlagen. Konsequenter hätte man diese Griffleiste über die gesamte Breite ziehen oder höher setzen und die Doppel oberhalb einer frontbündigen Querzarge einschlagen lassen können. Formal noch stringenter wäre, auf die Griffleiste zu verzichten und die drei aufschlagenden Schubkastendoppel an ihrer unteren Schmalfläche als Griffprofil zu kehlen. Weitere Schreibtische als Gesellen- oder Meisterstück

Vertikalschnitt: Installationsraum mit Klappe und Schiene. Die Griffleiste am Schubkastendoppel erscheint hier als die Fortsetzung der dünnen Querzarge

Eckhard Heyelmann, Garmisch-Partenkirchen, Innenarchitekt und Dipl.-Designer. Von 1990 bis 2001 hat er als Leiter der Schulen für Holz und Gestaltung in Garmisch-Partenkirchen auch die Entwicklung der Meisterstücke betreut.

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