Gesellenstücke

Pioniere sind unbequem

Drei Auszubildende der Tischlerei Reichenberg-Weiss haben den Landeswettbewerb Gute Form in NRW als Gruppe mit ihren Gesellenstücken nach einem gemeinsam entwickelten Konzept gewonnen. Nicht nur auf Bundesebene tut man sich mit diesem Novum schwer,Widerstand kommt auch aus eigenen Reihen in NRW.

Mitte der 1980er-Jahre fuhr eine Freundin einen Honda Jazz – einen Kleinstwagen, der so innovativ war, dass ihn damals kaum jemand kaufen wollte. Das Konzept war eindeutig seiner Zeit voraus; heute bedient nahezu jede Marke dieses Segment. So kann es gehen mit innovativen Ideen: Sie bereiten etwas vor, dessen Zeit noch nicht gekommen ist. Dass sich drei Gesellen aus einem Betrieb gemeinsam an etwas ganz Neues heranwagten und angetrieben von ihrem innovationsfreudigen Lehrmeister eine flexible Haut aus mit Leinen kaschiertem Federstahl entwickelten, die magnetisch am Möbelkorpus haftet, ist sicherlich nicht die Norm – normal ist, für sein Gesellenstück aus dem bereits Bekannten zu schöpfen und überdies sich weitgehend selbst überlassen zu sein. Dass diese drei eine Idee gemeinsam so weit vorangetrieben und sie dann jeweils bei ihren Gesellenstücken umgesetzt haben, ist auch nicht normal, sondern mindestens so innovativ wie die Möbelhülle aus Federstahl selbst: Normal wäre, dass jeder der eigenen Idee folgt undandere eher als Konkurrenten ansieht. Eine weitere Innovation ist, dass die Arbeiten zur Guten Form auf Innungsebene Wesel als Gruppe prämiert wurden: Normal wäre gewesen, nur Einzelbeiträge zuzulassen. Dass sich die Landesjury NRW gegen Bedenken aus dem eigenen Fachverband dafür aussprach, ebenso die ganze Gruppe zu prämieren statt stellvertretend nur eine der Arbeiten, ist die nächste und bisher auch die letzte Innovation in dieser Geschichte, denn zum Bundeswettbewerb ist die Gruppe nicht als regulärer Teilnehmer zugelassen. Warum nicht? Im Sinne der Chancengleichheit, so heißt es, hätte schon lange vor dem Wettbewerb die prinzipielle Möglichkeit einer Gruppenarbeit kommuniziert werden müssen, damit jeder theoretisch die Möglichkeit gehabt hätte, sich dafür zu entscheiden. Eine solche Sonderform ohne diesen Vorlauf zuzulassen, benachteilige andere. Mir fällt schwer, dieser Logik zu folgen – erstens hat eine Gruppenarbeit ja gar nicht prinzipiell die besseren Chancen im Wettbewerb, zweitens hat bisher einfach noch niemand danach gefragt! Das zweite Argument wiegt schwerer und scheint der eigentliche Stein des Anstoßes zu sein: Die Arbeiten seien unter der Regie des entwurfsstarken Ausbilders Jochem Reichenberg entstanden und könnten daher nicht mit normalen Gesellenstücken verglichen werden. Soll man also das Engagement eines Ausbilders reglementieren, weil sich andere sonst benachteiligt fühlen? Die Kollegen aus Bayern haben einen ähnlichen Fall gelöst, indem sie den Schulen für Holz und Gestaltung Garmisch-Partenkirchen bei der Guten Form den Status einer Innung zubilligten. So treten die Gesellenstücke aus der gestaltungsstarken Berufsfachschule nicht mehr auf Innungsebene Oberland gegen die Gesellenstücke aus »normalen« Ausbildungsbetrieben an, sondern erst auf Landesebene. Dass die Favoriten nicht immer die Sieger sind, zeigte der jüngste Landeswettbewerb in Bayern, bei dem ein Gesellenstück aus der Innung Oberland das Rennen machte.

Auf dem Bundeswettbewerb Gute Form sind die drei Gesellenstücke aus dem Betrieb Reichenberg-Weiss nach dem aktuellen Stand der Dinge wohl auf einer Sonderfläche abseits der eigentlichen Ausstellung zu sehen und nehmen nicht an der offiziellen Wertung teil. Der Kompromiss zeigt, dass Veränderungen auch bei TSD einen Vorlauf brauchen, bietet aber auch die Chance, dass der von Reichenberg-Weiss angeregte Vorstoß nun öffentlich diskutiert wird. Widerstand aus NRW gegen die reguläre Teilnahme der Gruppe am Bundeswettbewerb betrachte ich als Innovationsbremse: Ein Zugpferd aufzuhalten ist nicht förderlich. Denn schlimmer wäre ja, gar keins zu haben – auch im Großen: Wenn ein Landesverband Neues wagt, kann das letztlich alle voranbringen.

dds-Redakteur Johannes Niestrath betrachtet den Einfluss Jochem Reichenbergs auf die Gesellenstücke seiner Auszubildenden als einen kraftvollen Impuls für die Formgebung in unserer Branche, den man nicht ausbremsen sollte.

Hintergrund

Drei Auszubildende aus einem Betrieb belegten gemeinsam den ersten Platz bei der Guten Form in NRW 2016: Konstantin Weber, Andreas Keysers und Alexander Hinze aus der Tischlerei Reichenberg-Weiss in Neukirchen-Vluyn haben die innovative Konstruktion ihrer Gesellenstücke gemeinsam erarbeitet. Da Gruppenarbeiten bei der Guten Form aber ein Novum sind, wird die Gruppe voraussichtlich nicht als regulärer Teilnehmer am Bundeswettbewerb zugelassen. Die engagierte Unterstützung durch den Ausbilder im Gestaltungsprozess ist ein weiterer Streitpunkt.