Gesellenstücke

Hessen zieht an

Die zum Landeswettbewerb Gute Form in Hessen eingereichten Gesellenstücke zeigen 2016 eine gestalterische Auseinandersetzung auf hohem Niveau.

Sie standen in angemessener Umgebung beim Gießener Autohaus Neils & Kraft: Die Gesellenstücke von 20 Jungtischlern aus ganz Hessen und Fahrzeuge der Oberklasse beeindruckten sowohl für sich wie in der ungewöhnlichen Kombination. Thematisch sind drei Richtungen ablesbar: Auseinandersetzung mit Ergonomie und Funktion, Gliederung von Volumen und Flächen sowie das Begreifen eines Möbelstücks als architektonischer Körper. Letzteren Aspekt zeigt Christian Reul an einem sehr kleinen Objekt, das in seiner Außenform gleichwohl Baukörper sein könnte: um ein Vielfaches vergrößert erinnert der Polyeder an anthroposophische Architektur. Seine Rostoberfläche legt sich wie ein Mantel über den aus 18 Dreiecken auf Gehrung verbundenen Außenkorpus. Was könnte sich hinter dem abgewinkelten Türchen verbergen? Ein kunstvoll im freien Raum geführter Schubkasten oder ein in der Formensprache korrespondierendes Kästchen? Nur mit einem weiteren Möbelstück hätte man nicht gerechnet! Man gewinnt beim Lesen der Stückbeschreibung den Eindruck, das Schränkchen im Inneren werde als eigentliches Möbel angesehen und die fantastische Außenform, prosaisch »Schürze« genannt, als kunstvolle Verpackung. Die Jury hat sich nicht davon beirren lassen: Die Schürze ist das Stück und hat das vergleichsweise langweilige Kleinmöbel im Inneren für jeden sichtbar souverän überwunden. Was für ein Gesellenstück! –JN