Gesellenstücke Gute Form NRW 2017

Künstler, Tüftler, Dekorateure

Der Landeswettbewerb Gute Form in NRW zeigte 2017 eine erfreuliche gestalterische Vielfalt, aus der die prämierten und belobigten Arbeiten naturgemäß nur einen kleinen Ausschnitt abbilden können. Wir wollen im Rahmen unserer Möglichkeiten einen etwas erweiterten Einblick in das kreative Potenzial um Rhein und Ruhr geben.

Gestalterisches Experimentieren und kreatives Potenzial fördern und aufrufen – das ist das Ziel des Gestaltungswettbewerbes Die Gute Form. Seit über 30 Jahren zeigt das Tischlerhandwerk in NRW mit dem Wettbewerb und einer Ausstellung der auf Innungsebene prämierten Gesellenstücke, wie gestalterisch begabt die Nachwuchskräfte sind. Die Landessieger dürfen sich über stolze Geldpreise von 750, 600 und 500 Euro freuen. Die Gesellenstücke der ersten beiden Preisträger werden im März 2018 beim Bundeswettbewerb im Rahmen der Internationalen Handwerksmesse in München an den Start gehen.

Zur Landesjury NRW gehörten 2017 Judith Reitz, Professorin für Innenarchitektur und Grundlagen des Entwerfens an der PBSA Düsseldorf, Tischlermeister Franz Klein-Wiele, Leiter der Modellbauwerkstatt der PBSA, Tischlermeister Thomas Klode, Raumkonzepte Thomas Klode, Düsseldorf, Architekt Jurek M. Slapa, SOP Architekten Düsseldorf, Hans Christoph Bittner, Formgebungsberater Tischler NRW und dds-Redakteur Johannes Niestrath.

Wie immer lebt die Jury vom streitbaren Diskurs um die Gewichtung einzelner Arbeiten. Dem voran geht ein gemeinsamer Überblick. Experimente sind unter den Gesellenstücken in NRW oft vertreten und gern gesehen, auch wenn sie bei der Preisvergabe nicht immer honoriert werden. Eine Hochburg des Experiments ist traditionell die Innung Köln, auch die Innung Bergisches Land zeigt häufig Gesellenstücke abseits der gewohnten Pfade. Rückenwind gibt es hier auch von den Berufskollegs Ulrepforte in Köln und Bergisch Gladbach, wenn es um den gestalterischen Prozess, fertigungstechnische Finessen oder einfach den Mut geht, etwas Neues zu wagen. Manch einer ist auf sich allein gestellt und macht vermeidbare Fehler, die jedoch nicht auf die gegebene Unerfahrenheit sondern eher auf mangelnde Unterstützung verbucht werden müssten. Wichtig ist, das Gesellenstück als Steilvorlage für grundlegende Erfahrungen mit dem Thema Möbelgestaltung zu erkennen und zu nutzen. Hier kann man vielen NRW-Innungssiegern und den Ausbildern im Hintergrund großen Respekt zollen für den Erfindergeist und die Gestaltungsfreude!


dds-Redakteur Johannes Niestrath ist im jährlichen Wechsel mit Kollege Heinz Fink vom Fachmagazin BM Mitglied der Landesjury NRW. Der Slogan »Ein starkes Stück Deutschland« gilt auch für die hiesigen Gesellenstücke.


Die Gute Form

Nordrhein-Westfalen ist das Mutterland der Guten Form im Tischlerhandwerk: Der Wettbewerb geht auf die Initiative des Kölner Tischlermeisters Karl Wenzler im Jahr 1983 zurück. Heute findet mit Ausnahme des Saarlandes in allen Bundesländern der dreistufige Gestaltungswettbewerb statt. Der Bundesentscheid 2017 steht kurz bevor: Auf der Internationalen Handwerksmesse in München vom 7. bis 13. März 2018 treten alle Landessieger mit ihren Gesellenstücken an. In der Aprilausgabe wissen wir mehr!


Faszinierender Auftritt
Vertikale Stäbe, durch Mitnehmer verbunden, öffnen sich bei diesem Gesellenstück mit der Präzision einer Klaviermechanik: Unten in einer Ebene gelagert, folgen sie oben der eingerückten Kontur der Aluminiumauflage. Wird der am tiefsten Punkt angelegte Stab nach vorn bewegt, fächert sich die Front wie eine Reihe fallender Dominosteine auf. Ein optischer und akustischer Genuss – wobei sich der Name des Sideboards »Forte« durchaus auf den Gesamtauftritt beziehen darf: Ein Kabinett, das mit dem faszinierenden Öffnungsmechanismus in einer spannungsvollen Gestalt ein Ausrufezeichen setzt. Immanuel Lang, Janvier+Link Möbelwerkstätten, Bergisch Gladbach. Belobigung Gute Form NRW

Dreiklang auf den zweiten Blick
Das kühne, dekonstruktivistisch anmutende Stahlgestell hebt den schweren Sideboardkorpus wie eine Feder in die Leichtigkeit. Der Korpus zeigt eine symmetrische Aufteilung in Koffertüren, abgewinkelte Klappe und Schubkästen mit einer Auskleidung aus zu kristallinen Mustern gefügtem Palisanderfurnier. Das setzt einen Kontrapunkt zum ruhigen Olivgrün der perfekt ausgeführten Mattlackoberfläche. Orthogonale Schattenfugen und zu flachen Griffprofilen erweiterte Adern gliedern subtil das stattliche Korpusvolumen. Ein heimliches Meisterstück! Florian Hesselmann, Tischlerei Raum-Design, Sundern

Charmanter Prototyp
Das minimalistisch anmutende Wandbord für Schmuck haben wir bereits im September 2017 im Zuge des Kölner Innungswettbewerbs Gute Form vorgestellt. Gefertigt aus Weißtanne und dem stabilen Filzwerkstoff Lanisor beeindruckte es auch die Landesjury durch den unkonventionellen Gestaltungsansatz, die Hülle aus einem ursprünglich weichen Material zu verdichten. Hannah Prinz, Tischlerei Dreiviertelholz und Tischlerei Möbelphantasie, Bergisch Gladbach. Erster Preis Gute Form NRW

Souveräner Freistil
Makassar, Linoleum, CDF, Bronze-Echtmeltalllack auf Stahlprofil und dazu noch angekohlte Kiefer sind hier meisterhaft zu einem Ganzen gefügt, das spielerisch mit konstruktiven Gewohnheiten bricht. Das Stahlgestell geht etwa in den randbündigen Belag der Platte über und wird für das Auge dort flächenhaft, wo normalerweise eine Last aufliegt. Versteckte Details und elektrisch unterstützte Öffnungsfunktionen zeigen ausgeprägte Entwicklungskompetenz und Freude an den technischen Möglichkeiten.Nikolas Miranda, Tischlerei Fabri, Meschede. Belobigung Gute Form NRW

Dekorativer Ansatz
Spitzwinklige Dreiecke aus unterschiedlichen Furnieren kleiden den Korpus in Plattenbauweise in ein retrospektives Gewand. Das Möbel dient der Zubereitung von Mokka und zeigt auch verwandte Materialbezüge: So sind etwa die Beschläge und das Gestell in mattem Messing gehalten, aus dem noch heute traditionelle Mokka-Kännchen hergestellt werden. Bei so viel Authentizität wundert es nicht, dass die Gesellin türkische Wurzeln hat und selbst gern Mokka genießt! Kader Arslan, Droste Werkstätten Gelsenkirchen. Zweiter Preis Gute Form NRW

Zeitlos gültig
Das klassisch aus Zargen und Stollen aufgebaute Gestell ist in seiner Dimension maximal reduziert – schmaler kann eine Zarge mit integriertem Schubkasten kaum ausgeführt werden. Die stark überzeichnete Zuspitzung der Beine verleihen dem Schreibtisch zusammen mit der randbündig aufgelegten Platte Spannung und eine wache Härte, die der Materialkontrast von hellem Ahorn mit anthratzitfarbenem Linoleum unterstützt. Jakob Emundts, Schreinerei Brammertz, Aachen. Dritter Preis Gute Form NRW

Geschickt ausbalanciert
Der Schreibtisch in amerikanischem Nussbaum steht grazil auf zwei schemelartig ausgestellten, ungleich hohen Beinpaaren. Der Korpus ergibt sich als Teil einer mäandernden Platte, deren Kontur von der feststehenden Front ausgesetzt erscheint. So wirkt der Korpus weniger schwer, die Asymmetrie wird geschickt aufgefangen. Die Klappe öffnet auf Druck (Tip-on) und ist mit Zapfenbändern angeschlagen. Im Korpus läuft eine Schiebelade. Saskia Erken, Claßen Innenausbau, Erkelenz

Unkonventionell gegliedert
Als gefaltetes Endlosband durchdringt das Gestell aus schwarz gebeizter Esche drei in Nussbaum furnierte Volumen. Sie erscheinen wie an das Gestell angegliedert und erhalten dadurch eine gewisse Autonomie. Ein asymmetrisch gesetzter Zwischenraum trennt die Platte von zwei Korpuselementen, die als Stauraum erschlossen sind: oben mit einer seitlich angeschlagenen Klappe und unten als Schubkasten. Das Möbel ist als Laptoparbeitsplatz gedacht. Moritz Hübbers, Holzbau Buekers, Goch

Stilisierter Torso
Wie eine Schneiderpuppe scheint das kaum gezähmte Nussbaumbrett auf einem Fußgestell zu balancieren. Doch das Stativ steht frei und stützt die wandhängend abklappbare Arbeitsfläche, auf der man feine Stoffe allerdings ungern entlang der schroffen Waldkante führen möchte! Kern des Stückes ist ein liebevoll organisiertes Magazin für die Nähmaschine, Garne und Zubehör. Der dekorative Ansatz überzeugt mehr als die praktische Eignung und technische Ausführung. Annabelle Huhle, Möbeltischlerei Fabry, Hille. Belobigung Gute Form NRW