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Die Gesellenstücke aus Berlin, Teil 2

Die Gesellenstücke aus Berlin, Teil 2
Große Vorbilder

Mit einer weiteren Fotoserie über die Gesellenstücken Berlin aus der Max-Bill-Schule knüpfen wir an unseren Beitrag Möbel für Feinschmecker in der Märzausgabe an. Im Mittelpunkt stehen der Entwurfsansatz und seine Verwirklichung.

Der schlanke Bücherschrank von David Keogh entstand in Anlehnung an Werke des Möbeltischlers James Krenov (1920 bis 2009), der eine wohltuend schlichte Ästhetik im Möbelbau geprägt und damit Tischler und Schreiner in aller Welt inspiriert hat. Beeindruckt von dem harmonischen Zusammenspiel geschwungener Linien im Bootsbau soll er einmal gesagt haben: „Die Leute denken, dass rechte Winkel Harmonie erzeugen, aber das stimmt nicht. Sie erzeugen Schlaf.“ Ein beliebter Möbeltypus bei Krenov waren sogenannte Kabinettschränkchen, deren einfache und klare Gestalt durch feine Schwünge und durchgestaltete Übergänge sowie eine künstlerisch sensible Holzauswahl belebt war. Wenn der Bücherschrank von David Keogh auch streng im rechten Winkel konstruiert ist, hat er von seinem großen Vorbild doch das Bewusstsein für die Wirkung der Holzauswahl und die Schönheit der klaren Gestalt übernommen!

Buchstäblich im Mittelpunkt der mobilen Werkbank von Raphael Rodriguez Leiva steht eine Handoberfräse, die auf diese Weise stationär genutzt werden kann. Der Entwurf lebt vom Gegensatz des gewichtigen, fast übergewichtigen Schubladenkorpus in den beiden filigranen Stahlrahmen und der frechen Akzentfarbe des Aufsatzes.

Leon Kränzl zelebriert mit seinem Gesellenstück Möbelbau auf einem Niveau, das seinesgleichen sucht. Er steht damit ganz in der Tradition seines Ausbildungsbetriebes: Materialauswahl, selbst entwickelte Funktionalität und Ästhetik bedingen einander. Ein überzeugendes Beispiel für das erfolgreiche Zusammenwirken von Begabung und versierter Ausbildung.

Klassische Gestaltungselemente

Camilla Schlief hat den Typus der sogenannten Wiener Bank aus den 1950er-Jahren aufgegriffen. Ihre gediegene Schlafcouch in Rüster wirkt auf sympathische Weise aus der Zeit gefallen! Beim Fotoshooting in Berlin diente sie uns nicht zuletzt als willkommene Kulisse für einen Post auf Instagram.

Auf der Front seines Hängeschränkchens entwickelt Mike Raßeck die Proportionen des Möbels im Goldenen Schnitt sichtbar aus der nach ihrem Entdecker benannten Fibunacci-Spirale. Sie ist heute in der gestalterischen Praxis fast in Vergessenheit geraten, inspiriert aber immer wieder werdende Gesellen und Meister in ihrer Beschäftigung mit den Grundlagen der Proportion.

Franz-Fridolin Martens hat in seiner Gesellenstückbeschreibung den kreativen Prozess nachgezeichnet, an dessen Ende das hier dokumentierte Möbelstück steht. Colorierte Skizzen zeigen die ursprüngliche Entwurfsabsicht für ein Systemmöbel, das in spielerischer Leichtigkeit den Raum ergreift. Nach der konstruktiven Verdichtung des Entwurfs siegte dann aber doch die orthogonale Geometrie. Es entstand ein variabler Raumteiler als kunstvolles Rahmenwerk, das die dynamische Leichtigkeit des Entwurfs entbehrt. Martens erlebt die Gestaltwerdung seiner Idee als Verlust und ringt mit Grenzen und Möglichkeiten, authentisch umzusetzen, was auf dem Skizzenblock leicht und frei erscheint. Das illustriert anschaulich den alten Konflikt zwischen dem Höhenflug des Entwerfens und der Notwendigkeiten des Konstruierens: Ein Gestalter ohne die Fähigkeit, konstruktive Details zu entwickeln, schwebt in luftigen Höhen und taugt nicht für die Verwirklichung seiner Ideen. In diesem Sinne ist der Prozess, den Franz-Fridolin Martens so anschaulich schildert, eine Notwendigkeit und adelt ihn als Gestalter und Praktiker zugleich.


dds-Redakteur Johannes Niestrath war mit Fotograf Markus Hilbich im Februar 2022 an der Max-Bill-Schule vor Ort, um die Gesellenstücke Berlin in Augenschein zu nehmen. Eine Auswahl der Sommerstücke 2021 hatten wir in der Märzausgabe vorgestellt.


Steckbrief

Gesellenstücke der Tischler gibt es an der Max-Bill-Schule Berlin zweimal im Jahr zu sehen. Hier zeigen wir eine Auswahl der Winterstücke, die wir im Februar 2022 fotografiert haben. In der  vergangenen Ausgabe haben wir Sommerstücke aus dem vergangenen Jahr vorgestellt. Leider  konnten beide Ausstellungen nur intern ohne Publikum stattfinden.


Max-Bill-Schule, Oberstufenzentrum Planen Bauen Gestalten
13086 Berlin
Tel.: +49 30 912052-175
www.max-bill-schule.de

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