Gesellenstücke

Endpunkte einer Entwicklung

Im Gestaltungswettbewerb »Die gute Form« werden oft über mehrere Jahre hinweg ähnliche Entwürfe aus derselben Möbelgattung prämiert. Das ist nur sinnvoll, solange noch eine Entwicklung ablesbar ist. Die bayerische Landesauswahl stelle die Jury im November 2016 vor die Herausforderung, eine Entscheidung mit Perspektive zu fällen.

Nicht immer geht die »Gute Form« so aus, dass alle ausgereiften Gesellenstücke eine Auszeichnung erhalten. Manchmal muss die Jury den Mut haben, hervorragende Stücke nicht auszuzeichnen, weil sie in ähnlicher Art bereits ausgezeichnet wurden oder erkennbare Vorbilder haben. Das ist bitter für alle, die zwar eine hervorragende Arbeit abgeliefert haben, aber beim Wettbewerb trotzdem leer ausgehen. Vor allem bei den direkt Beteiligten wirft das verständlicherweise Fragen auf: Wie kann ein womöglich weniger ausgereiftes Stück einen Preis gewinnen, das eigene aber gar nicht weiter bedacht werden, obwohl es doch offensichtlich ebenso auf der Höhe des gestalterischen Diskurses steht?

Solche Auseinandersetzung muss die Jury aushalten. Die Gute Form soll die Entwicklung gestalterischer Qualität fördern und muss dazu immer wieder neue Signale setzen. Das Thema Tisch zum Beispiel wurde nun mehrfach hervorragend gespielt, es ist auf breiter Ebene angekommen. Ein großer Erfolg der Guten Form und ihrer Trendsetter, die oftmals auch aus den gestalterisch aktiven Meisterschulen stammen – über Veröffentlichungen und Ausstellungen werden die Stücke wahrgenommen und inspirieren die werdenden Gesellenstücke. Mehr kann man sich gar nicht wünschen! Es können nun weiter großartige Tische gebaut werden, die vielleicht einmal an den Meisterschulen in Garmisch oder München Vorbilder hatten. Aber man wird danach Ausschau halten müssen, wo etwas Neues entsteht, sonst verliert der Wettbewerb seine Ausrichtung in Richtung Zukunft. Ähnlich musste man vor einigen Jahren aufhören, immer wieder die puristische Stele zu prämieren und davor immer wieder Sideboards, weil irgendwann nur noch Stelen und Sideboards in der Ausstellung standen. Das ist auch für die jeweilige Jury schmerzlich – einfacher wäre es, sich im Erfolg zu sonnen: endlich werden an breiter Front Stücke gebaut, die vor wenigen Jahren noch die Ausnahme waren. Gut so, jetzt aber weiter! Der langjährige Formgebungsberater im Fachverband Tischler NRW, Manfred Kiepe, wurde einst bereits Sideboard-Kiepe genannt, weil man meinte, diese Möbelgattung habe bei der Guten Form nach mehreren ersten Preisen nun dauerhaft den Sieg sicher. Manfred Kiepe selbst setzte sich dafür ein, den Kurs zu verändern. Ich zolle ihm noch heute Respekt dafür.
Die Jury soll Neues entdecken, dort hinschauen, wo etwas besonders wach ist, neue Lösungen findet, vielleicht auch Bekanntes aufgreift, aber ein Thema weiterdreht. Das gelingt zugegebenermaßen nicht immer – doch bietet jede Jurierung der Wettbewerbe zur Guten Form eine neue Gelegenheit dazu.

dds-Redakteur Johannes Niestrath verfolgt seit 15 Jahren als Jurymitglied im Wettbewerb Gute Form auf Landes- und Bundesebene die gestalterische Entwicklung der Gesellenstücke im Tischler- und Schreinerhandwerk.