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Der Schmelztiegel - dds – Das Magazin für Möbel und Ausbau

Gesellenstücke
Der Schmelztiegel

Berlin pulsiert: Betonkünstler, Maschinenbauer, Kulissenschneider – eine Vielfalt an Biografien findet sich unter den Tischlergesellen der Hauptstadt. Von 240 Gesellenstücken haben wir zwölf Arbeiten ausgesucht. Sechs stellen wir hier vor, die weiteren folgen im Oktober.

experiementelles Berlin – nicht nur südeuropäisches Investorengeld sorgt durch das so-genannte Betongold für einen anhaltenden Bauboom in der Hauptstadt. Berlin pulsiert zurzeit wie wohl kaum eine andere europäische Metropole. Der erfrischende Reiz der Stadt, das Angesagtsein, das die Kreativen aus der IT-, Medien- und Kulturbranche gerade genießen, dieses Aufbruchgefühl scheint auf den Tischlerjahrgang des Jahres 2014 abgefärbt zu haben. Im Oberstufenzentrum für Holztechnik der Marcel-Breuer-Schule in Weißensee präsentierte die Tischlerinnung Berlin im Juli 240 Prüfungsarbeiten der angehenden Gesellen, darunter wahrhaft fulminante Stücke. Einige sind so genial entworfen, konstruiert und gebaut, dass man sich fragen möchte, was die Kollegen denn später als Meisterstück abliefern wollen! Genauere Betrachtung zeigt, dass mit Lebenserfahrung aus einem begonnenen Studium, sogar aus Brüchen im Leben, eine faszinierende Kreativität befeuert werden kann: Wer sich mit fast Dreißig bewusst auf eine Tischlerausbildung einlässt und sich gezielt einen kompetenten Ausbildungsbetrieb sucht, kann ganz anders an die Gestaltung eines Möbels herangehen als etwa ein Siebzehnjähriger, den das Jobcenter in eine weitere Schleife bei irgendeinem Bildungsträger steckt. Das ist hart gesagt – aber so eine Schlussfolgerung drängt sich dem auf, der das andere Ende der Vielfalt unter den Gesellenstücken ansieht: grausame, teils ohne jegliche Sensibilität für Form, Material und Konstruktion zusammengeschusterte Kisten. Dennoch macht der Blick aufs Ganze sehr viel Mut: Man spürt bei vielen Stücken, dass da Menschen mit Leidenschaft am Werk sind – mit Kreativität und Mumm zum Ausprobieren und Experimentieren, Menschen, die schon viel über Massivholz und Holzwerkstoffe wissen und auch über die Wahl der angemessenen Konstruktion, über Farbwirkung und haptische Oberflächen. Als Beispiel dafür kann die Anrichte von Mark Grunow stehen, der seine Ausbildung in den Werkstätten der Stiftung Oper in Berlin durchlaufen konnte. Die Anrichte fasziniert mit smaragdgrünen Füllungen. Wie ist das umgesetzt worden? In Zeiten, in denen bis zu Sieben-Achs-fräsende Bearbeitungszentren per CAD-Datei eingegebene Oberflächenmuster ausspucken, erwartet man einen profilierten, gut gefüllerten und lackierten MDF-Werkstoff. Aber weit gefehlt – das bei uns so beliebte »Sehen mit den Fingern« offenbart gefaltetes Papier, getränkt mit Epoxidharz! Eine Technik, die jeder, wenn auch etwas einfacher, schon im Kindergarten beim Bau eines Fliegers aus Papier angewandt hat. Hier macht sich der Einfluss der Theatertischler geltend, mit ihrer selbstverständlichen Nähe zu Malern, Schneidern und anderen Bühnenkünstlern, wo die Handarbeit immer noch großgeschrieben wird. Wer hier »mit den Augen stehlen geht«, kann ein Gestalterleben lang davon zehren.

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