Fachkräftemangel

Altlehrlinge werden gebraucht

»Spätberufene« Azubis gelten als schwierig. In Zeiten des Fachkräftemangels gewinnen sie jedoch an Wert, denn sie bringen Lebenserfahrung und Motivation mit. dds-Autor Klaus Mergel hat einen Altlehrling in dessen Ausbildungsbetrieb besucht.

Klaus Mergel, Epfach

Gelegentlich einen Blick aufs Gesellenstück werfen, dafür nimmt sich ein guter Lehrherr Zeit. »Verleimst du heute?«, fragt Johann Eglhofer, 63. Er gibt Carolin Polzer noch ein paar Tipps für die Anbringung der Türbänder. Und fährt mit der Hand über die gebürstete Korpusoberfläche. Man sieht ihm an, wie sehr ihm das Gesellenstück seiner Auszubildenden gefällt: ein Schrank in Lärchenfurnier mit dem Titel »Wundernehmend«. Innen Spiegelelemente mit Blattgold, die Griffe aus Stirnholzscheiben. Der Schreinermeister erkennt viele handwerkliche Details: »Ich hoffe, wir haben ihr alles Handwerkliche beigebracht, was sie auf ihrem Weg braucht.«

Es ist keine Seltenheit mehr, dass eine Frau das Schreinerhandwerk erlernt. Aber ungewöhnlich, dass sie dabei fast 30 Jahre alt ist. Polzer ist ein »Altlehrling«: Die Ausbildung, die sie im September 2017 in Eglhofers Betrieb im oberbayrischen Epfach begann, ist bereits ihre zweite: Polzer hat Fachabitur und ist Glas- und Porzellanmalerin.

Ausbildungsstart mit 29

Altlehrlinge wie Polzer sind noch Exoten im Handwerk. Manche Betriebsinhaber hegen Vorbehalte: Vor allem Studienabbrecher gelten als »nicht formbar«. Denn: Auch wenn Azubis lernen sollen – Werkstatt kehren gehört nun mal dazu. Ein 15-Jähriger akzeptiere das, so das Vorurteil, ein Erwachsener nicht. Polzer jedoch schnappt sich nach Feierabend den Besen: »Das macht der Lehrling, und das bin ich.« Polzers Lehrherr Johann Eglhofer schätzt ihre Einstellung. »Carolin hat viel Geschick und ist genau. Das ist entscheidend im Handwerk. Und sie arbeitet mit Leidenschaft.« Eglhofer, der viele Jahre als stellvertretender Obermeister der Innung Oberland den Nachwuchs im Blick hatte, weiß um die Vorzüge von Altlehrlingen. »Die wissen, was sie wollen, und lernen gerne.«

Studienabbrecher ins Handwerk?

Der Fachkräftemangel ist spürbar. Noch dazu lockt die Industrie den Nachwuchs mit Geld weg: Im Ort der Schreinerei Eglhofer haben auch in diesem Jahr die meisten Schulabgänger bei Umformtechnik Hirschvogel, dem größten Arbeitgeber der Region, angefangen.

Auch das Bundesbildungsministerium erkennt in den nicht mehr ganz jungen Erwachsenen Potenzial: Regionale Programme wie »Umschalten« oder »Your turn« lockt Studienabbrecher mit verkürzten Lehrzeiten in Richtung Handwerk. Mit Erfolg: Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (2017) starteten 43 Prozent aller Studienabbrecher innerhalb von sechs Monaten eine Ausbildung. »Das Handwerk ist daran interessiert, möglichst alle Ausbildungspotenziale auszuschöpfen und auch jene Älteren zu einem vollqualifizierenden Abschluss zu führen, die sich erst später für den Weg ins Handwerk entscheiden«, so der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH).

Altlehrlinge gewinnen an Bedeutung

Laut Statistischem Bundesamt hat sich die Zahl der Azubis im Alter von mindestens 24 Jahren von 2013 bis 2017 um mehr als 1680 auf knapp 15 000 pro Jahr erhöht. Mag sein, dass in dieser Zahl Kandidaten mit Fluchthintergrund enthalten sind, die spät eine Ausbildung beginnen. Dennoch ist der Trend erkennbar. Lag das Durchschnittsalter der Lehrlinge im deutschen Handwerk 2007 noch bei 18,6, liegt es 2016 bereits bei 19,3 Jahren. Bei »Spätstartern«, die erst mit 50 Jahren lernen, erhöhte sich die Zahl von 2007 bis 2013 von 600 auf 2000. »Senior-Stifte« spielen also eine wachsende Rolle.

»Es wird in Zukunft wahrscheinlicher, auf Menschen zu treffen, die jenseits des klassischen Ausbildungsalters noch einmal von vorn anfangen«, sagt Hilmar Schneider vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit. Neben dem Fachkräftemangel spielt ein weiterer Faktor mit: die steigende Lebensarbeitszeit. Diese erreicht, realistisch gesehen, bald das 70. Lebensjahr.

Finanzielle Unterstützung möglich

Vom Rentenalter ist die Auszubildende Polzer weit entfernt. Sie selbst versteht ihre Lehrstelle als Glücksfall. In ihrem alten Beruf gab es wenig Arbeitsplatzsicherheit: »Da hat es nur befristete Stellen.« Sie kündigte ihre alte Arbeitsstelle in Miltenberg und meldete sich auf eigene Faust für das Berufsgrundschuljahr an. Nebenbei kellnerte sie und arbeitete in einer Zinngießerei, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Als es darum ging, einen Praktikumsplatz zu finden, empfahl ihr ein Lehrer die Schreinerei Eglhofer. Polzer fragte an, Eglhofer willigte ein – das Praktikum wurde ein Erfolg.

In der Ausbildung muss Polzer jeden Euro umdrehen: Sie bekommt rund 550 Euro netto – nicht viel für eine junge Erwachsene. Unterstützung seitens der Agentur für Arbeit (BA) ist möglich, wenn man eine Neuorientierung erwägt. Die finanzielle Zuwendung richtet sich nach dem Gehalt im Job zuvor. Dafür braucht es zwei Voraussetzungen: Entweder man kann den Erstberuf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben oder es gibt keine Jobs im alten Beruf. Die Agentur für Arbeit kann, muss aber keinesfalls eine Umschulung finanzieren. Und: »Wer umgeschult werden möchte, muss arbeitslos gemeldet sein«, erklärt BA-Pressereferentin Vanessa Thalhammer.

Die Mühe wird belohnt

Carolin Polzer hat ihre Ausbildung mittlerweile beendet und wurde von der Schreinerei Eglhofer übernommen. Die frischgebackene Gesellin bekam einen Staatspreis, weil sie die Note 1,1 im Zeugnis erhielt. Und mit ihrem Gesellenstück machte sie beim Wettbewerb »Die gute Form« den ersten Platz im Landkreis Landsberg. Am landesweiten Wettbewerb durfte sie jedoch nicht teilnehmen: Die Altersgrenze von 27 Jahren lässt keine Altlehrlinge zu. Noch nicht.


Carolin Polzer begann mit 29 eine Schreinerlehre

»Werkstatt fegen? Das macht der Lehrling, und das bin ich!«


Johann Eglhofer, Betriebsinhaber

»Altlehrlinge wissen, was sie wollen und sie kämpfen dafür«

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