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Vordenker in Sachen Flüssigholz

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Vordenker in Sachen Flüssigholz

„Man muss an Visionen glauben.“ Davon ist Hermann J. Kleine überzeugt. Der gelernte Schreiner hat sich noch im fortgeschrittenen Alter den thermoplastischen Faserstoffen verschrieben.

Als der Siegener Unternehmer an diesem Mittwoch pünktlich um 14 Uhr sein Fahrzeug auf dem Firmenparkplatz abstellt, hat er praktisch schon einen ganzen Arbeitstag hinter sich: Morgens um sechs Uhr ist er losgefahren, um Industriepartner in Iserlohn, Werl und anderswo in Westfalen von den Vorteilen des Werkstoffs Flüssigholz zu überzeugen. Doch die Strapazen sind ihm nicht anzumerken. Temperamentvoll berichtet er seinem Besucher von erfolgreichen Gesprächen und künftigen Plänen. Kaum vorstellbar, dass Kleine demnächst seinen 78. Geburtstag feiert.

Der gebürtige Siegener stammt aus einem alten, renommierten Einrichtungshaus; vor 300 Jahren sind seine Vorfahren aus Tirol hierher eingewandert. Nach dem Krieg absolvierte er nach dem höheren Schulabschluss seine Ausbildung als Schreiner und Kaufmann. Es folgten rund vier Jahrzehnte als erfolgreicher Möbel- und Innenausbauer – immer auf der Suche nach neuen Lösungen. So zeigte er z.B. Ende der 60-er Jahre bei der Kölner Möbelmesse als erster Möbel aus Stahlblech. Daraus entwickelten sich zahlreiche Großaufträge für die Olympische Spiele 1972 in München. Zu seinen anspruchsvollen Aufträgen gehörte viele Jahre lang die Gestaltung der Sonderausstellungen des Berliner KaDeWe (Kaufhaus des Westens).
Schon früh entfernte sich Kleine von dem Werkstoff Holz: Kunststoff und vor allem Stahl waren für ihn wichtiger. „30 Jahre lang bin ich fremdgegangen“, erinnert er sich heute lachend. Doch Ende der neunziger Jahre, damals schon fast siebzig, kehrte er zurück zum Werkstoff Holz, allerdings wieder als Erneuerer. Der Impuls kam aus Südafrika. Ein Kunde aus Kapstadt berichtete von der österreichischen Firma Cincinnati, die mit Flüssigholz experimentierte, das im Möbelbau Verwendung finden sollte. Kleine wurde neugierig, nahm Verbindung auf – und entdeckte das Thema, das seinem Leben noch einmal eine andere Wendung gab.
Produkte aus Flüssigholz kann man später genauso recyceln wie Holz
Fasziniert hat ihn vor allem die Umweltfreundlichkeit des neuen Holzwerkstoffs: Thermoplastische Faserstoffe bestehen bis zu ca. 90 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen, z.B. Holzspänen („da brauchen wir endlich nicht mehr nach Erdöl zu bohren!“). Als Bindemittel dienen stärkehaltige Erzeugnisse wie Mais und Soja; hinzu kommen Naturharze oder biologisch abbaubare Kunststoffe. Produkte aus diesem Werkstoff sind später einmal problemlos zu recyceln, indem man sie nach dem Zerkleinern durch Erhitzen wieder „in Form bringt“, oder sie werden thermisch verwertet.
Werkstoffe aus Flüssigholz kann man wie normales Holz und Holzwerkstoffe sägen, fräsen, schleifen, hobeln, bohren und stanzen. Sie lassen sich foliieren, furnieren und bedrucken. Dass man sie auch durchfärben kann, eröffnet reizvolle Gestaltungsmöglichkeiten. Sie werden wie Kunststoffe verarbeitet, und vor allem weitgehend auf denselben Spritzgussmaschinen. Das macht Kleine besonders glücklich, weiß er doch, das es beispielsweise allein in den Landkreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe ca. 120 kunststoffverarbeitende Betriebe gibt; für sie könnten Extrusion und Spritzguss von Flüssigholz in schwieriger wirtschaftlicher Lage eine interessante Perspektive bieten, zumal dafür keine neuen Maschinen angeschafft werden müssten. Nicht zuletzt ist der nachwachsende Rohstoff Holz hierzulande reichlich vorhanden, sein Potenzial noch keinswegs ausgeschöpft.
Kleines Firma wurde rasch zum Ideen- Umschlagplatz in Sachen Flüssigholz
Kleine hatte schnell Feuer gefangen – jetzt wollte er dem neuartigen Werkstoff unbedingt zum Durchbruch verhelfen. Er verkaufte sein Unternehmen „Kleine Wohntechnik“ an seine Mitarbeiter und gründete die Kleine Wood & Fibre-Hightech GmbH (www.kleine-wood-fibre.de). Er entwickelte, experimentiere, probierte, verfeinerte und optimierte. Er telefonierte und reiste, gründete Arbeitskreise, hielt Vorträge und organisierte Workshops und Symposien. Mehr und mehr wurde seine Firma zur Drehscheibe, zum Ideen-Umschlagplatz in Sachen Flüssigholz.
Heute präsentiert Kleine dem Besucher in seinen Räumen in überquellenden Regalen, was sich inzwischen aus thermoplastischen Faserstoffen alles machen lässt: im Extrusionsbereich z.B. Fassadenprofile und Fensterbänke, Leisten aller Art, Kabelknanäle, Treppenstufenprofile, Schalungslemente, Fensterneben- und -hauptprofile, Bodenplatten etc; im Spritzgussverfahren u.a. Energieführungsketten (!), Sitzschalen, Kleiderbügel, Lenkräder, Handyschalen, Flaschenkisten und Spielzeug.
Gemeinsam mit dem regionalen Netzwerk Forst und Holz, mit Fachhochschulen, Universitäten und Fraunhofer-Instituten arbeitet Kleine unermüdlich an der Umsetzung seiner Vision. Für die Industrie ist der Unruheständler der wichtigste Vordenker in Sachen Flüssigholz . Zu seinen weiteren Partnern gehören die BWS GmbH in Bad Berleburg (mit ihr entwickelte er „Recoflex“, eine elastische Spanplatte aus Holzfasern, Latex, Kork und Polyurethan), der Faserstoff-Spezialist Rettenmaier und die Formholz-Experten von Holz in Form-Niedermaier, Lang Formholz-Service und Eltec. Möbel mit Rundungen sind ein alter Traum von Kleine – vielleicht ein Erbe des Vaters, der vor dem ersten Weltkrieg und in den Zwanzigern konkave und konvexe Möbel gestaltete.
Die Entwicklung der thermoplastischen Faserstoffe steht für ihn noch am Anfang. Ein starker Impuls dürfte von der Entdeckung ausgehen, dass man dafür neben Holz auch andere cellulosehaltige Naturprodukte wie Flachs, Kokos, Reis, Bambus, Stroh oder Hanf verwenden kann. Er selbst hat zusammen mit Oskar Meyer (AgroSys) und Resopal eine Möbelplatte aus Hanf entwickelt.
Wohin der Weg auch führen wird, eines ist sicher: Wenn Sie irgendwo einmal Hermann J. Kleine begegnen sollten – er hat garantiert ein halbes Dutzend ungewöhnlicher Ideen zum Thema Flüssigholz parat. HWW
„Da brauchen wir
endlich nicht mehr nach Erdöl
zu bohren!“
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