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Stimmen vom Stammtisch

Wie finden Handwerksunternehmen heute die Mitarbeiter für morgen? dds-Redakteurin Angela Gulla hat sich am Stammtisch der Handwerksjunioren in der Region Esslingen umgehört. Das Handwerk spricht vielstimmig.

Der erste Donnerstagabend im Februar 2010: Vor der Gaststätte Sportheim in Sirnau ist der Parkplatz besetzt mit Handwerkerautos. Der Stammtisch füllt sich. An diesem Abend finden sich 18 Leute ein, vom Bäcker über den KFZ-Mechaniker bis zum Werbetechniker. Alle selbstständig und zwischen Mitte zwanzig und Mitte vierzig. Man trifft sich, um Ideen und womöglich Kunden auszutauschen, auf freundschaftlicher Basis. Netzwerken in seiner Urform. Dachorganisation ist der Verein Junioren des Handwerks e.V. in Berlin. 8000 Mitglieder sind bundesweit in 120 Ortsverbänden organisiert. Näher kann man der Vielfalt des Handwerks nicht sein, das nicht mit einer Stimme spricht. Strategien, um gute Mitarbeiter zu gewinnen, bewegen sich zwischen Ausbilden und Abwerben.

Der demografische Wandel ist noch nicht in den Betrieben angekommen. Aber man könne sich schon vorstellen, dass der Nachwuchs knapp wird, so ein Metallverarbeiter mit zehn Mitarbeitern. Kürzlich hat er eine junge technische Sachbearbeiterin eingestellt und dafür 150 Bewerbungen gesichtet. Diese Flut kam über das Arbeitsamt und eine Anzeige in der regionalen Zeitung. Acht Kandidaten wurden eingeladen. »Wir wollten jemand junges, alt werden wir selber früh genug.« Diese Meinung ist kein Einzelfall am Tisch, doch die Konsequenzen sind unterschiedlich.
»Wir sind alle um die 40 Jahre alt und wollen mit einem jungen Kollegen den Anschluss schaffen« bestätigt ein Werbetechniker mit zwei Mitarbeitern. »Je älter wir werden, desto schwieriger stelle ich es mir vor, jüngere Mitarbeiter in das Team zu integrieren. Wir haben noch Glück, weil die Werbetechnik ein kreativer Bereich ist. Da gibt es immer viele Anfragen für Praktikumplätze. Das ist im Bauhandwerk anders. Außerdem sieht man bei uns schnell Ergebnisse. Was morgens angefangen wird, ist oft abends fertig. Das ist für junge Leute eine Befriedigung. Man sieht, woran man gearbeitet hat und kann sagen: Oh, sieht super aus. Das motiviert!«
Der Steinmetz am Tisch will nicht irgendjemanden, sondern den richtigen finden. Die Erfahrung hat gezeigt, dass er selbst ausbilden muss, um diesem Ideal zu folgen. »Gut ausgebildete Leute kriegen? Vergiss es.« Dabei erwartet der Handwerksmeister schon Engagement seiner Lehrlinge, bevor sie überhaupt zu ihm kommen. »Ich denke, wer einen Ausbildungsplatz sucht, der macht sich auf den Weg und sieht, wo ist ein guter Ausbildungsbetrieb. So viel erwarte ich eigentlich von jemandem, der sich für den Beruf interessiert. Aber im Moment finde ich gar keinen. Mich interessiert kein Zeugnis, mich interessiert der Mensch. Dass er die Arbeit machen will. Ein Zeugnis sagt gar nichts aus. Ich sage: Du kannst Dich innerhalb von den drei Jahren komplett wenden, wenn Dir die Arbeit Spaß macht und Du Dich rein- hängst.« Doch nicht immer geht die Rechnung auf: Aktuell habe ihm ein Kollege, den er selbst ausgebildet hat, eine gute Mitarbeiterin abgeworben. Das enttäuscht ihn.
Andere am Tisch geben offen zu: »Nur so funktioniert es. Ich gehe gezielt auf eine Person zu, wenn ich weiß, der kann was. Der soll mir aufschreiben, was er verdienen möchte. Das ist der erste Schritt. Nach einer gewissen Zeit steht der da. Der steht dann da, wenn er in seinem Betrieb unzufrieden ist. Auf diesem Weg musst Du eigentlich nur warten können bis einer kommt, den Du dann haben möchtest.« Die eigenen Leute hält der KFZ-Betrieb, der sich auf Sportwägen spezialisiert hat, durch eine überdurchschnittliche Bezahlung. »Bei uns hat man locker 600 Euro mehr in der Tasche als anderswo.«
Ein Bäcker mit 240 Angestellten hat ein großes Maßnahmenpaket geschnürt, um Mitarbeiter zu motivieren und an den Betrieb zu binden. Das reicht von der Geburtstagskarte über Familienfeste bis zum Mitarbeiterjahresgespräch. Vor allem können sich die Mitarbeiter selbst einbringen: »In unseren Theken liegen immer wieder neue Produkte. Auf dem Jahreswerbeplan steht im Dezember zum Beispiel Südseeweihnachten. Da kommen dann kreative Vorschläge von den Mitarbeitern. Erst mal spinnen und überlegen, wie kann man das umsetzen. Dann wird getestet. Und da kommt dann vielleicht heraus, dass ein Brot mit Chili nicht schmeckt. Also gut, das ist halt nichts, die Idee lassen wir fallen. Aber zuerst darf man mal spinnen.«
Nicht jeder Handwerksbetrieb hat die Möglichkeit, große Aktionen für die Mitarbeitermotivation zu stemmen. Der Chef einer kleinen Druckerei erklärt: »Ich bin durch mit dem Thema. Von 13 Mitarbeitern ist noch eine halbe Kraft im Betrieb. Als wir noch 13 Leute waren, habe ich 40 Prozent meiner Arbeitszeit nur mit Personalgeschichten verbracht. Alles was dazu gehört. Mitarbeiterkreis vorbereiten, Mitarbeiterkreis halten, was ein absolutes Muss ist, sonst geht gar nichts. Das war ein Austausch, um die Zusammenarbeit zu forcieren und das Miteinander zu stärken und jeden in die Geschäftsabläufe einzubinden. Auch Zahlen bekannt zu geben, fand ich immer wichtig.« Heute plant er einen Neustart in der Landwirtschaft. AG
»Ich bilde Nachwuchs immer selber aus. Gut ausgebildete Leute kriegen? Vergiss es!«
»Selbst ausbilden? Zu viel Stress, zu viel Theater. Gute Leute muss man abwerben.«
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