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Ornament und Farbe

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Ornament und Farbe

Die Emanzipation der Kante von der Oberfläche. Einblicke in das Thema Ornament und Farbigkeit von Professor Axel Venn, Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim.

Dem jahrzehntelang ausgeübten Diktat funktionell geprägter Architektengestalter und Designpuristen hat sich bis vor wenigen Jahren kaum ein Designer entgegenzustellen gewagt. Ein Grummeln gegen die Ornament-ist-Verbrechen-Metapher hat da nur wenig geändert. Ich erinnere mich noch gut an studierte Designer, die während ihres Studiums an deutschen Werkkunst- und Designschulen in den 1970er und 1980er-Jahren acht oder zehn Semester lang ins leere Grau geblickt haben. Designcenter waren dafür bekannt, dass jede Farbe willkommen war, allerdings musste sie Grau-Anthrazit sein. Wer seine Finger in den Farbtopf steckte, war mutiger als Karl May im wilden Kurdistan. Wer ein Blumendekor oder farbenfrohes Kreismuster designte, wurde für tollkühn und ziemlich altmodisch gehalten. Vergessen war die Welt nach der Raufasertapete, da sie wie Naturputz aussah und die Menschen ganz im Architektensinn den Raumkörper neu entdecken durften, ohne von zu viel Tapeten und Mustern abgelenkt zu werden. Die Flächen auf Tischen, Boards und Arbeitsebenen waren uni oder – seltener – klitzeklein gemustert. Wenn gemustert, dann also nur mikroskopisch fein und kleinteilig. Schraffuren, Raster und Strukturen wurden zu Surrogaten von Mustern ernannt. Sich mit ihnen zu beschäftigen, war nicht mehr länger ein Verbrechen. Erst mit der wachsenden Bedeutung der Oberfläche begann sich auch die Bedeutung der Kante signifikant zu etablieren. Sie war nicht mehr nur die Weiterführung der zumeist horizontalen oder auch vertikalen größeren Fläche. Mit Beginn der breiter werdenden Tisch-, Regal- und Schrankkanten wuchs ihre eigene Bedeutung und damit auch die der Farbigkeit. Sie wurde in den letzten Jahren nicht mehr nur als Kompagnon der großen Fläche erachtet, sondern auch als markanter Beginn oder starkes Ende von Silhouetten.

Häufige Töne waren neben Dunkelbraun und Dunkelrot Hellblau, Grün, Dunkelblau und Rot, aber auch ein eher angepasstes Beige, Creme, Gelb, Grau und Aubergine. Diese zum Teil gemusterten und farbkräftigen Kanten wurden auch als Kontraste, Signale und markante Flächenbegrenzer eingesetzt. Ihre autarke Prägnanz deutet auf einen Paradigmenwechsel des Gestaltungsansatzes hin. Sie folgen nicht mehr nur den Flächendesigns, sondern sind schon, wenn auch noch zum kleineren Teil, eigenständiges Objekt geworden. Die verwendeten Töne beweisen in ihrer Prägnanz durchaus Kongruenz mit bevorzugten Oberflächenfarben. Ganz allmählich beginnen sich Oberfläche und Kante zu individu-alisieren und zu emanzipieren, die Strategie von Gleichheit, Ähnlichkeit und Adaption gilt nur noch bedingt. Irgendwann purzeln dann Gewohnheiten und scheinbar festgefügte Designregeln.
Die Initialzündung zum Verlassen der vorgegebenen Gestaltungsstrukturen geht immer öfter von der Farbgebung aus. Sie ist das Schwungrad, um andere Gestaltaspekte zu verdeutlichen und damit andere Bewertungen zu generieren. Anstelle von Balance tritt Kontrast, von Schlichtheit Opulenz, anstelle von Uniformität tritt Buntheit, Zweidimensionales wird dreidimensional, ebene Strukturen erhalten topografische Attribute. Das Neue beginnt zumeist mit der neuen Farbe. Hinter dem optischen Schein verbergen sich eine Menge obsessiver Chancen. Prof. Axel Venn

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»Das Neue beginnt zumeist mit der neuen Farbe.«
Prof. Axel Venn, Lehrstuhl für Farbgestaltung und Trendscouting an der HAWK Hildesheim

Service Designgeschichte der Kante

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In Zusammenarbeit mit Gerd Ohlhauser hat Rehau das 160 Seiten starke Buch »Inspiration« konzipiert. Opulent bebildert zeigt es die Kante als autarkes Gestaltungselement am Beispiel vieler Dekore aus dem Designpool Inspiration. Expertenbeiträge wie das nebenstehende Statement von Prof. Axel Venn runden das Buch ab. www.rehau.de
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