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»Immer mit der Ruhe …«

Traditioneller Holz-Bootsbau im Libanon
»Immer mit der Ruhe …«

Nur mit dieser Lebenshaltung gelingt der Alltag im heutigen Libanon als Holzverarbeiter. Der 60-jährige Bootsbauer Elias Barbour setzt die Tradition seines Großvaters Maroun fort und baut traditionelle Holzboote, so wie die Urväter des Bootsbaus vor 3000 Jahren.

Erzähle ich Freunden und Bekannten von meinen Reportagereisen in den Libanon, kommt meist erst mal folgende Frage: »Ist das nicht gefährlich?« Ist es nicht, aber das kleine, exotische Mittelmeerland knabbert immer noch an seinem Imageverlust, seit Ende des Bürgerkrieges im Jahr 1990. Der aktuelle Syrienkrieg bescherte dem Libanon über eine Million Geflüchtete aus dem Nachbarland, auch das hört sich aus der Ferne bedrohlich an.

Aber der Libanon wäre nicht der Libanon, wenn seine Bewohner dabei unruhig würden. Schließlich lebt man am Mittelmeer und die mediterane Mentalität ist nun mal entspannt, so wie der träge Rauch aus den beliebten Shishas, der überall zu sehen ist, oder das oft gehörte »schwey, schwey«, was so viel bedeutet wie »immer mit der Ruhe«.

Locker geht es auch vor der Werkstatt von Elias Barbour im südlichen Küstenort Tyros zu. Der 60-jährige Bootsbauer setzt die Tradition seines Großvaters Maroun fort. Der hat den Betrieb vor einhundert Jahren gegründet, einen Steinwurf vom Wasser entfernt, an der heutigen kleinen Marina des Ortes. Kunden und Freunde passieren den überdachten Vorplatz seiner Werkstatt, bleiben auf ein Schwätzchen stehen, oder ruhen sich auf den Baumstämmen aus, die auf ihre Verarbeitung warten.

Iroko heißt dieses Holz, das Elias aus Abidjan, der Hauptstadt der Elfenbeinküste, bezieht. In Afrika gehört es zu den am weitesten verbreiteten Holzarten und wegen seiner Härte ist es vor allem auch für den Bootsbau geeignet. Der hat hier in Tyros im Südlibanon eine lange Tradition: Der Ort war einer der wichtigsten Häfen der Phönizier und von hier aus segelte man schon 1000 Jahre vor Christus nach Afrika, um Geschäfte zu machen. Allerdings wurden die Schiffe damals aus dem Holz der Libanonzeder gebaut, die bis heute die Flagge des Landes schmückt. Leider sind die Zedernwaldbestände dramatisch geschrumpft, als Folge des historischen Bootsbaus damals und des Klimawandels heute.

Aber Bootsbauer Elias denkt praktisch und setzt die Tradition der phönizischen Schiffe eben mit dem Holz des Irokobaumes fort. Hier hat er nämlich neben dem normalen Schiffsbau, also vor allem Segelboote, seine Nische gefunden. Er und sein Bruder Michael gelten weltweit als Spezialisten für den Bau historischer Phönizierschiffe, von denen die beiden bereits drei gebaut haben. Eines davon gehört ihnen und liegt in Zypern vor Anker. Im Sommer segelt Michael für Touristen Kreuzfahrten auf dem Schiff.

Sieben Monate brauchen die Brüder, zusammen mit einem Helfer, um eines dieser Schiffe zu bauen. Zwischen 70 und 80 0000 US-Dollar zahlen die Kunden dafür. Bisher haben Elias und Michael zwei dieser Schiffe im Auftrag gebaut: eines für einen Mann aus Jordanien und das andere im Auftrag eines Museums in Portugal im Jahr 1987. »Das wurde damals in fünf Einzelteilen von uns gebaut und in Containern nach Portugal gebracht«, erinnert sich Elias. »Dieses Schiff war nicht wirklich schwimmfähig.«

Der Entwurf aus dem Handgelenk

Geduldig skizziert Elias eines seiner Schiffe mit dem dicken Schreinerbleistift ins Notizbuch. »Das Besondere an dieser Konstruktion ist, dass man ca. 20 Zentimeter dicke Stämme braucht, um zwölf Zentimeter dicke, flexible Bohlen für die Planken zu schneiden«, erzählt er. Eine weitere Eigenheit sei der Unterwasser-Rammsporn am Bug, mit dem feindliche Schiffe beschädigt wurden. Auch die Gallionsfiguren seien ungewöhnlich: Oft waren es Enten oder Pferdeköpfe, die die Schiffe vorne zierten. Als der Bootsbauer das so erzählt, glänzen seine dunklen Augen.

Der Schiffsbaueralltag sieht nüchterner aus: Die Brüder arbeiten an einem Fünfzehn-Meter-Boot, das drei Schlafzimmer haben wird. Es ist keine Auftragsarbeit und sie hoffen, dass sie früher oder später einen Käufer dafür finden werden. Und auch danach plant Elias immer weiterzumachen. „Ich muss einfach immer weiter machen, ansonsten werde ich früh sterben. Aber immer »schwey, schwey«.


Erol Gurian ist Fotograf, Fotojournalist und Dozent. Er unterrichtet an der renommierten Deutschen Journalistenschule und ist Dozent an der Universität Hildesheim. Für dds richtet er den Blick auf alles rund um das Thema Holz.


Libanon – Engagement

Mehr als eine Million syrischer Flüchtlinge sind im Libanon untergekommen – bei nur vier Millionen Libanesen. Im Auftrag der Deutschen Welle Akademie hält Erol Gurian Fotojournalismus-Kurse für libanesische, palästinensische und syrische Nachwuchsjournalisten. Von der letzten Reise hat er für dds die Reportage über Bootsbauer Elias mitgebracht. www.gurian.de
www.ourvoice.media
Das Video zu Elias:
https://bit.ly/2R7bY9M

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