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Ergonomie am Finger

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Ergonomie am Finger

Matthias Thomas fertigt und verkauft Trauringe der besonderen Art – abseits aller Kundenwege in einem Idyll zwischen Schwäbisch Hall und Aalen. Wir sprachen mit dem Goldschmied über seine Erfolgsgeschichte.

Wer zu Ihnen aufs Land kommt, nimmt einen weiten Weg auf sich. Was bieten Sie dem Kunden?

Ein Produkt das funktioniert! Meine Trauringe lösen eine regelrechten Aha-Effekt beim ersten Probieren aus. Außerdem bekommt man bei mir ehrliche Arbeit für ehrliches Geld. Wer bei mir kauft, kauft direkt beim Handwerker, ohne die übliche Handelsspanne bezahlen zu müssen.
Was ist so besonders an Ihren Trauringen?
Meine Ringe sind ergonomisch an die Hand angepasst. Das heißt, ich fertige sie speziell für den Ringfinger der rechten oder linken Hand. Und zwar in dem Winkel, den die Hand, die den Ring ein Leben lang tragen soll, vorgibt. Das sind je nach dem 12 bis 15 Grad. Durch diese Schrägstellung passen die Ringe perfekt und erhalten eine einzigartige Optik.
Wie kamen Sie auf die Idee, schräge Ringe zu machen?
Das war ein Prozess: Vor meiner Ausbildung zum Goldschmied habe ich eine Augenoptiker- lehre absolviert. Vielleicht kommt daher das Bewusstsein, dass Dinge, die man am Körper trägt, angepasst werden müssen. Der erste Ring, den ich ergonomisch gefertigt habe, war ein Schmuckring aus Olivenholz. Das war ein echtes Zufallsprodukt! Meine Frau hatte in einem Kundengespräch den Entwurf eines Rings gezeichnet und ich habe ihre Zeichnung falsch gedeutet …
Falsch gedeutet?
Ja, mir erschien es irgendwie logisch, einen schrägen Ring zu machen. Die Kundin trägt den Ring heute noch! Diesem Ring folgte der eigentliche Prototyp, sozusagen der ergonomische Urring. Erst habe ich nur ergonomische Schmuckringe gemacht, bis ein Brautpaar kam, dass ebenso bequeme Ringe als Trauringe haben wollte. Seither mache ich nur noch Ergotrauringe, ohne Kompromiss. Ringe für den Mittelfinger muss meine Frau machen.
Woher wissen die Leute, dass es hier am Ende der Welt Ringe gibt, die passen?
Wir stecken zehn Prozent unseres Umsatzes in die Werbung. Dazu gehören Anzeigen in regionalen Blättern, unsere Internetseite (www.ergotrauringe.de) und vorallem Messeauftritte. Zwischen November und März besuchen wir als Aussteller fünf bis sechs Hochzeitsmessen in größeren Städten: Schwäbisch Gmünd, Heilbronn, Stuttgart, Ulm, Nürnberg. Dazu kommen noch eine regionale Ausstellung und die Designmesse Blickfang in Stuttgart.
Wo kommen Ihre Kunden her?
Ein Drittel unserer Kunden kommt aus der Region. Unser Einzugsgebiet liegt im Umkreis von 200 km, vereinzelt auch weit darüber hinaus. Deshalb vereinbaren wir gerne Termine für die eingehende Beratung. Wir nehmen uns richtig Zeit für das Paar, auch gerne samstags und am Abend in der Woche. Diese Zeit braucht man einfach, um alle Ringideen durchzugehen, das richtige Metall, die optimale Dimension und die Ringgröße. Wird ein Brillant gewünscht, sucht sich der Kunde seinen Stein aus. Für das auf diese Weise gemeinsam erarbeitete »Wunschringpaar« erstelle ich dann ein Angebot.
Können Sie davon Leben?
In der Zwischenzeit ja. Wir hatten das Glück, dass wir zu Beginn unserer Selbstständigkeit Auftragsarbeiten ausführen konnten. Heute fertigen wir nur noch eigene Aufträge, meine Frau Schmuck und ich die Ergotrauringe. Wir dachten am Anfang, dass wir von Aufträgen hier am Ort leben können. Dazu müssten wir in jedem Verein sein. Zum Glück sind wir davon nicht abhängig. Das haben mir schon meine Eltern vorgelebt: Die hatten auch einen Laden für Schmuck, Uhren und Optik auf dem Dorf im Rheinland, ohne mit jedem gut Freund sein zu müssen.
Was bringt den größten Umsatz?
Zirka 70 Prozent verdienen wir mit Ergotrauringen. Im letzten Jahr kamen 50 Brautpaare zu uns. In diesem Jahr erwarte ich schon 60 Paare und vielleicht werden es 2008 nochmals zehn mehr. Ein Trauring kostet zwischen 1000 und 3000 Euro, je nach Beschaffenheit und Ausführung.
Wie war der Rücklauf von Ihrem ersten Messeauftritt?
Erstaunlich! Im ersten Moment war ich enttäuscht, denn auf der Messe hat keiner gesagt er will kaufen. Nachher kamen dann 15 Paare zu uns! Meine Erfahrung ist, dass ein Drittel der Interessierten wieder kommen.
Wie begeistern Sie die Leute auf der Messe für Ihr Produkt?
Bei der Präsentation ist wichtig, dass der Ring so schnell wie möglich an die Hand kommt. Die Leute probieren den Ring und es fühlt sich anders an. Das setzt sich im Kopf fest. Dass diese Ringe Ergotrauringe heißen, daran erinnern sich nur noch wenige, aber schon an dieses angenehme Tragegefühl. Von diesem Aha-Effekt leben wir.
Was planen Sie für die Zukunft?
Ich habe jetzt angefangen, Ringe am Computer mit CAD zu gestalten, auch wenn meine Frau anfangs davon gar nichts hielt. »Da bröckelt jetzt der Handwerker, das hat doch mit Goldschmieden nicht mehr viel zu tun«, sagt sie. Ich sehe das anders.
Was versprechen Sie sich davon?
Zu jedem Ring mache ich ein Wachsmodell, aus dem dann der Metallrohling entsteht. Wenn ich dieses Modell am PC konstruiere, wird es einfach perfekt und das begeistert mich. Wenn ich das CAD-Modell wegschicke, bekomme ich nach einer Woche von der Gießerei den Rohling. Damit wird der Ring natürlich auch reproduzierbar.
Was sagt der Kunde, wenn Sie Ringe am Computer zeigen?
Bisher trete ich noch als konventioneller Handwerker auf. Manche Kunden wären vielleicht enttäuscht, andere sind von der Technologie begeistert. Ich denke, was mich überzeugt, kann ich auch meinem Kunden verkaufen. Vielleicht geht man dann auch mal freier an das Modellieren heran, wenn man auf Knopfdruck Formen verändern kann. Wenn ich konventionell mit Wachs und Feile modelliere, habe ich eventuell nur einen Versuch. Durch das CAD sind aber auch Dinge vorstellbar, die in Handarbeit absolut nicht mehr machbar sind. Zum Beispiel erhabene Schrift. Irgendwann taucht dafür ein Kunde auf, dann sag ich ja, dass geht.
Gibt es auch Risiken?
Klar, dass war zum Beispiel erst mal eine große Investition in die Software. Ich habe ein Paar richtig teure Ringe verkauft und die 5000 Euro investiert. Es hätte auch sein können, dass ich das Programm kaufe und merke, es ist nichts für mich. Natürlich besteht auch die Gefahr, dass man Sachen macht, die man nicht machen würde, wenn der Computer einem die Möglichkeit dazu nicht geben würde. Bis jetzt habe ich aber noch nichts konstruiert, was man nicht fertigen kann …
Wovon träumen Sie?
Momentan sind wir mit unserer »Goldschmiede im Fabrikle« zufrieden. Aber ich habe einige Ideen, die man in Angriff nehmen könnte, wenn die Kinder mal aus dem Haus sind. Inteview: AG
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