Firmenporträt: Vom Tischler zum Bestatter

»Einer Berufung gefolgt«

Volker Schmitt aus Dillenburg in Hessen hat sich vor rund zehn Jahren dazu entschieden, seine Tischlerei aufzugeben, um sich ganz der Arbeit als Bestatter zu widmen. Julian Hoffmann zeichnet den Wandel eines Familienunternehmens nach.

Julian Hoffmann, Fachverband Leben Raum Gestaltung Hessen/Rheinland-Pfalz

Ein vorbeifahrendes Auto mit Anhänger sei es gewesen, das vor rund 20 Jahren etwas in ihm ausgelöst habe: Ein Auto mit Anhänger, genauer, in dem ein Bestatter einen Verstorbenen transportierte. Der Anhänger sei durch die Spurrillen über die Straße gehüpft. Dieses Bild habe ihn ergriffen – in negativer Weise. Volker Schmitt hatte etwa zwei Jahre zuvor als junger Meister die Bau- und Möbelschreinerei seines Vaters übernommen, die sich traditionell nebenher auch um Bestattungen im Ort kümmerte. Und auch er selbst holte die Verstorbenen mit einem Anhänger ab – bis zu diesem Tag. »Entweder höre ich jetzt mit den Bestattungen auf oder kaufe einen Bestattungswagen«, ging es ihm durch den Kopf. Die Transporte sollten würdevoller werden. So kaufte Volker Schmitt eine speziell ausgestattete Limousine und richtete die Schreinerei immer mehr auf Bestattungen aus. »Mein Vater konnte das erst nicht verstehen«, blickt er heute zurück: Der Betrieb war vom Großvater im Jahr 1948 gegründet worden und stand mit der ursprünglichen Ausrichtung nun am Anfang der dritten Generation. Volker Schmitt hat bei seinem Vater Tischler gelernt. Bestattungen zählten mit etwa zehn Begräbnissen im Jahr nur in geringem Umfang zu den Aufträgen, man teilte sich diese Arbeit mit anderen Schreinern.

Eine Idee nimmt Gestalt an

Volker Schmitt hat dieses Geschäftsfeld dann immer weiter ausgebaut: Er nahm an Bestatterschulungen beim Deutschen Institut für Bestattungskultur (DIB) in Bad Wildungen teil, kaufte Särge und präsentierte sie in einer Ausstellung in der Garage. Im Jahr 2004 wurde ein Wohn- und Bestattungshaus mit größerer Sargausstellung und Beratungszimmer gebaut. In der Nähe lief noch die Schreinerwerkstatt weiter, in die auch Sohn Manuel als Geselle einsteigen sollte. Doch es kam anders: Bei Manuel wurde eine Allergie gegen Holzstaub festgestellt. Das habe er dann als Zeichen verstanden, ganz auf Bestattungen umzustellen, so der Vater. Und so wurde es gemacht: Die Schreinerei übernahm ein Kollege aus der Region, Sohn Manuel schloss die Fortbildung zum Geprüften Bestatter im DIB ab. Rund um die Uhr sind Vater und Sohn nun für die Angehörigen Verstorbener ansprechbar.

Das »Haus der Bestattungen Schmitt« entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem erfolgreichen Unternehmen. 2012 wurde ein eigenes Gebäude für das Bestattungshaus errichtet, da zunehmend Platz benötigt wurde, der im Wohnhaus nicht ausreichend zur Verfügung stand. Das neue Haus bietet nun eine Kapelle, einen Abschiedsraum, eine Ausstellung von Särgen und Urnen sowie einen Hygieneraum für die hygienische Versorgung der Verstorbenen. Hier sind auch Rekonstruktionen an den Körpern von Unfallopfern möglich. »Das machen wir alles selbst«, erklärt Volker Schmitt. Auch wenn er mit seinem Sohn viele Arbeiten beim Neubau des Bestattungshauses selbst übernommen hat, vermisst er die Schreinerei nicht. Vor einiger Zeit hat nun sein Nachfolger die einstiege elterliche Werkstatt aufgegeben. »Jetzt ist es schon ein bisschen komisch«, gibt Schmitt zu.

Übergangszeit einkalkulieren

Am Beruf des Bestatters gefällt Vater und Sohn die persönliche Rückmeldung der Menschen – etwa im Trauergespräch. Als Tischler müsse man sich oft selbst auf die Schulter klopfen, da komme nicht viel zurück. Auch Manuels Ehefrau Magdalena Schmitt empfindet die große Dankbarkeit der Angehörigen. Sie arbeitet als Bestattungsfachkraft im Betrieb mit. Außerdem gehört noch ein Auszubildender dazu, der Bürokaufmann werden will. 200 Bestattungen im Jahr organisieren Volker Schmitt und seine Mitarbeiter mittlerweile. Viele liegen in einem Radius von etwa 25 km um das Haus der Bestattungen, aber es gibt auch Anfragen von weiter außerhalb.

Erst einige Zeit, nachdem der Schwerpunkt in der Schreinerei geändert worden war, stellte sich auch der unternehmerische Erfolg ein. »Einfach den Hebel umzulegen, ist schon schwer«, blickt Volker Schmitt zurück. Es gab Jahre, in denen aus Zeitgründen kein Familienurlaub möglich war. Seit etwa zwei Jahren können sich Vater und Sohn die Arbeit so aufteilen, dass man abwechselnd auch mal verschnaufen kann. Die Schreinerei hatte am Anfang finanziell noch das Bestattungsunternehmen getragen. Ein Restrisiko war aber immer da, sagt Volker Schmitt. Er habe den Wechsel mit vielen Marketingmaßnahmen geschafft. Bestattungen sind Vertrauenssache und dieses Vertrauen muss langfristig in der Region aufgebaut werden.

Besonders in eher ländlichen Gegenden widmen sich Tischler wie Volker Schmitt häufig auch den Bestattungen. Diese Dienstleistung als Tischler anzubieten, hat sich historisch daraus entwickelt, dass der Hersteller des Sarges auch die Bestattung ausführte. Auch wenn heute Särge bei Zulieferern eingekauft werden, übernehmen neben reinen Bestattern auch weiterhin Tischler Beisetzungen. Ihr Angebot hat sich sogar vergrößert: Sie helfen bei allen behördlichen Formalitäten, überführen Verstorbene, auch aus dem Ausland, und organisieren Trauerfeiern.

Fachliche Unterstützung

Die enge Verbindung des Tischlerhandwerks mit dem Bestattungswesen wird auch dadurch deutlich, dass der Bundesverband Holz und Kunststoff als Bundesinnungsverband die Bundesfachgruppe Bestatter gebildet hat und so die Interessen von Tischlern und Bestattern unter einem Dach vertritt. Auch in Hessen, wo Volker Schmitt arbeitet, ist diese Verbindung sichtbar: Die Landesinnungsverbände für das Tischler- und Bestattungsgewerbe, Hessen Tischler und Hessen Bestatter, werden von Hermann Hubing als Geschäftsführer geleitet. »Wir haben der historischen Entwicklung Rechnung getragen und bündeln das Wissen beider Fachbereiche in einer Geschäftsstelle in Bad Wildungen«, so Hubing. »Hier bieten wir nicht nur Interessenvertretung an, sondern kümmern uns auch um die Fortbildung der Bestatter.« Dafür wurde das Deutsche Institut für Bestattungskultur (DIB) als eine bundesweite Servicegesellschaft gegründet. Wer im Bestattungswesen tätig sein oder sich weiterbilden will, kann sich hier in Schulungen qualifizieren.

Volker Schmitt beteiligt sich auch an DIB-Gruppen, in denen Bestatter zum Austausch von Erfahrungen zusammenkommen: Sie besuchen einzelne Betriebe, analysieren auf kollegialer Ebene innerbetriebliche Schwachstellen und erläutern aktuelle Fragen, um von ihren Erkenntnissen gegenseitig zu profitieren. »Wir stellen immer wieder fest, dass das Fachwissen zum Bestattungswesen in Tischlereien innerhalb der Inhaberfamilien weitergegeben wird«, sagt Hermann Hubing, der auch Geschäftsführer des DIB ist. »Den Unternehmen wollen wir ein starker Partner sein und mit umfassender Branchenkenntnis helfen, wenn Angebote innerhalb eines Betriebes erweitert oder verändert werden sollen.«

Volker Schmitt ist mit seiner Berufsentscheidung einer inneren Berufung gefolgt. Bestatter ist jedoch kein Beruf für jedermann, stellt Hermann Hubing klar, sondern setzt eine persönliche Eignung voraus (vgl. Interview Seite 91).


Partner für Fortbildung und Bestattungsvorsorge

Das Deutsche Institut für Bestattungskultur DIB ist eine Dienstleistungsgesellschaft des Landesinnungsverbandes für das hessische Bestattungsgewerbe und bietet Aus- und Weiterbildungen zum geprüften Bestatter und Bestattermeister an. Diese Kurse stehen bundesweit Interessierten offen, die als Bestatter tätig sein wollen oder bereits tätig sind. Darüber hinaus bietet das DIB in Zusammenarbeit mit der Volksbank Mittelhessen Treuhandkonten an, auf die Kunden einen individuell kalkulierten Betrag zur Finanzierung ihrer Bestattung einzahlen: Mit einem Bestatter ihrer Wahl schließen die Kunden einen sogenannten Bestattungsvorsorgevertrag ab, in dem die Einzelheiten der gewünschten Bestattung aufgeführt sind. Dieser Vertrag kann zum Beispiel auch den Kauf einer Grabstätte und die längerfristige Grabpflege regeln. Stirbt der Kunde, erhält der Bestatter bei Vorlage der Sterbeurkunde das abgezinste Treuhandvermögen zur Finanzierung der Bestattungskosten und rechnet dies mit den Erben ab. Eine Kündigung des Bestattungsvorsorgevertrages sowie des Treuhandvertrages mit dem DIB ist durch den Kunden mit einem Vorlauf von sechs Monaten möglich.

www.dib-bestattungskultur.de

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