Serie: Digitale Produktion im Holzhandwerk, Teil 5

Standard versus Flexibilität in der Arbeitsvorbereitung

Die Konstruktionsbibliothek erleichtert dem Tischler und Schreiner die Arbeit. Jedoch gilt es, die konstruktiven Vorlagen möglichst schlank und flexibel zu organisieren. Das fünfte Leistungsfeld der Serie »Fit für morgen – die digitale Produktion« widmet sich der Methodik.

Die Anforderung maximaler Kundenorientierung und Losgröße 1 nimmt stetig zu. Mit der Folge, dass die Unternehmen ihre Gemeinkosten zunehmend schwerer in den Griff bekommen. Insbesondere die Konstruktion ist davon maßgeblich betroffen. In diesem Bericht geht es darum, wie Sie es schaffen können, Ihre Konstruktionsbibliothek einzugrenzen und was Sie tun müssen, damit ihre konstruktiven Vorlagen maximalen Nutzen stiften.

Dabei geht es um Effektivität und Effizienz. Effizienz ist, die Dinge richtig zu tun und Effektivität ist, die richtigen Dinge zu tun. Ein Beispiel: Wenn Sie sich den schnellsten Weg von Frankfurt nach München überlegen, ist eine hohe Effizienz die Folge. Sofern Ihr Ziel jedoch Hamburg ist, geht Ihre Effektivität gegen null. Dann lieber zu Fuß nach Norden gehen, als mit 200 km/h (hohe zeitliche Effizienz) in die falsche Richtung, nach Süden fahren. Das Ob ist die Effektivität, das Wie ist die Effizienz. Effektivität kommt immer vor Effizienz. Auf dem richtigen Weg zu sein, bringt nichts, wenn die Richtung nicht stimmt. Wir sollten uns, bezogen auf unsere Konstruktionsbibliothek, immer erst die Frage stellen, ob eine Vorlage sinnvoll ist, bevor wir uns überlegen, wie wir diese aufbauen.

Zunächst die Frage nach dem Sinn

Fakt ist: Erfolgreiche Unternehmen haben eine um 40 Prozent schlankere Konstruktionsbibliothek als erfolglose. Die Frage ist »Wie kann ich es schaffen, meine Bibliothek ebenfalls nachhaltig zu reduzieren«. Eigentlich ist es ganz einfach. Wir brauchen einen Filter, der uns die Entscheidung für das Ob abnimmt. Dieser Filter sollte immer fakten- und niemals emotionsgesteuert sein. Für den Projektverantwortlichen ist seine Vorlage stets absolut notwendig. Der Konstruktionsadministrator sieht die Sache deutlich sachlicher und weniger durch die Projektbrille. Reibereien sind vorprogrammiert. Um diesen Konflikt zu vermeiden, sollte immer mit Zahlen argumentiert werden. Stellen Sie sich deshalb immer drei Fragen:

  • Wie oft glaube ich, die angedachte Vorlage in den nächsten 24 Monaten verwenden zu können? (von einem längeren zeitlichen Horizont würde ich abraten).
  • Wie lange dauert das Erstellen dieser Vorlage? (Erstellzeit in Minuten)
  • Und wie hoch ist die Einsparung (in Minuten pro Anwendung), wenn Sie diese Vorlage zukünftig fachgerecht verwenden?

Mit diesen drei Zahlen können Sie die Amortisationszeit Ihrer Vorlage errechnen. Das ist die Zeitspanne die notwendige ist, bis sich Ihre Vorlage rentiert, sprich bis Sie mit dieser Vorlage Geld verdienen. Das können Sie entweder bezogen auf Stückzahlen berechnen, oder noch besser bezogen auf Monate. Die Formel lautet: (Erstellzeit/Ersparnis)/(Jahresbedarf/12)=Amortisationszeit in Monaten

Sie müssen jetzt noch die Schwelle festlegen, ab wann eine neue Vorlage generell angelegt wird. Nehmen wir mal an, als Ergebnis Ihrer Rechnung erhalten Sie 4,8 Monate und Sie definieren als Schwellenwert 6 Monate. In diesem Fall bedeutet es, anlegen. Wäre ein Wert über 6 Monate herausgekommen, hätten Sie darauf verzichtet.

Die Formel für das Ob

Mit diesem Vorgehen sparen Sie sich mühselige Diskussionen und bekommen zusätzlich auch noch eine Prioritätsreihenfolge, sofern mehrere Vorlagen gleichzeitig anzulegen sind. Im Übrigen können Sie diesen Wert auch dazu verwenden, um Ihre Bibliothek von Zeit zu Zeit zu verschlanken.

Das Ob ist somit geklärt. Jetzt geht es noch um das Wie. Hierzu ist es hilfreich zu wissen, welche grundsätzliche Konstruktionsmethodik für Ihr Unternehmen die Richtige ist. Sie sollten zwischen drei Grundtypen unterscheiden.

Wir haben zum einen Firmen, die stark erzeugnisorientiert arbeiten. In Ihrem Vorgehen setzen sie Quader in einen Raum oder eine Nische. Dann modifiziern sie die Quader zu konkreten Möbeln mit Türen und Auszügen. Die Einzelteile sind somit die Folge aus den Anforderungen eines Raums oder einer baulichen Situation.

Als Gegenpol gibt es die stark einzelteilorientierten Innenausbauer, sogenannte Systemhersteller, die eher nach dem Puzzle-Prinzip vorgehen. Sie haben unterschiedlichste Bauteile und Halbfertigprodukte, die in verschiedenen Dimensionen und Ausführungen zur Verfügung stehen und ineinander verschachtelt werden können. In der Folge entsteht das Produkt. Der Blickwinkel geht vom Einzelteil aus. Man versucht also, die Anforderungen an das Produkt über eine Zusammensetzung von Bauteilen zu erreichen. Dazwischen gibt es noch den häufig anzufindenden Jedoch-Schreiner. Der Jedoch-Schreiner ist derjenige, der ein Produkt hat, es jedoch immer wieder entsprechend anpassen muss. Das heißt, es gleicht zu 90 Prozent einem bereits verbauten Produkt, jedoch mit einer individuell angepassten Lösung an die bauliche Situation oder einem exklusiven Kundenwunsch.

Der erzeugnisorientierte Schreiner beginnt die Konstruktion eines Produkts immer bei nahezu null, während der bauteilorientierte nach der Variantenkonstruktion arbeitet. In der Variantenkonstruktion liegt der Schwerpunkt bei Konfigurationen, modulare Systeme, Maß- und Materialvariabeln, die mit Regeln gut definier- und steuerbar sind. Der Jedoch-Schreiner bewegt sich irgendwo dazwischen. Sofern Sie sich jetzt nicht zu 100 Prozent in einem der drei Grundtypen wiederfinden, ist das nicht weiter schlimm, sondern eher die Regel. Teilen Sie Ihr Unternehmen einfach prozentual in die drei Bereiche ein.

Die Arbeitsweise bestimmt das Wie

Bezogen auf Ihre Konstruktionsbibliothek bedeutet das: Der erzeugnisorientierte Hersteller braucht Vorlagen, die eine maximale Flexibilität bereitstellen. Seine Vorlagen müssen sich über Geometrien, sprich über Bauräume definieren lassen. Beispiel: Ausgehend von den lichten Maßen des Korpusmöbels, konstruiert sich über die passende Vorlage automatisch der dazugehörende Schubkasten in den geforderten Dimensionen.

Der bauteilorientierte Hersteller braucht hingegen Vorlagen, die deutlich mehr Führung geben, deutlich mehr regelgesteuert sind und einem gewissen Raster folgen. Es gibt zum Beispiel fünf verschiedene Schubkastengrößen, die modular in den verschiedenen Produkten eingebaut werden können. Der Jedoch-Schreiner benötigt ein gesundes Mittelmaß, wobei der Fokus hier in der Duplizierbarkeit sowie der freien Konstruktion liegt.

Im letzten Schritt möchte ich Ihnen zurufen, den Einsatz Ihrer Konstruktionsbibliothek über Richtlinien zu festigen. Mit dem Ziel, Ihre Fertigung stets mit gleichen Daten und Informationen zu versorgen. Sofern ein Konstrukteur beispielsweise den firmeninternen, standardisierten Sockelaufbau ignoriert und anderweitig aufbaut, müssen Gründe vorliegen, die diese Vorgehensweise rechtfertigen.

In vielen Firmen kann die Fertigung an der Art und Weise wie etwas geplant wurde erkennen, wer die Planung übernommen hat. Der Konstrukteur hinterlässt quasi einen Art Fingerabdruck. Die Folgen für die Fertigung werden dabei oftmals stark unterschätzt. Stellen Sie sich vor, ein Sachse, ein Schwabe und ein Bayer unterhalten sich – jeder mit breitem Dialekt. Eigentlich sprechen alle deutsch und grundsätzlich klappt auch die Verständigung, doch es gibt kleine Sprachbarrieren. Ein gewisser Prozentsatz an Information kommt beim Gesprächspartner einfach nicht oder nur nach mehrmaligem Nachfragen an. Genauso geht es Ihrer Fertigung, wenn Sie das individuelle Vorgehen Ihrer Konstrukteure interpretieren muss. Das führt zu Reibungsverlusten und kostet Sie bares Geld.

Ohne Richtlinien geht es nicht

Wenn Sie auch zukünftig eine maximale Kundenorientierung bieten und Ihre Gemeinkosten im Griff haben wollen, bedarf es einer sauberen über Richtlinien dokumentierten Konstruktionsmethodik.

Wenn Sie zum Leistungsfeld Methodik noch mehr erfahren möchten, machen Sie unsere kostenlose Unternehmensanalyse TimeAV (www.av-line-consulting.de). Finden Sie unter anderem heraus, ob Sie Änderungen sauber genug nachverfolgen und inwieweit Ihre Ressourcen richtig geplant werden.

Im nächsten Bericht geht es um die Ergebnisse. Sie erfahren dort, warum es so wichtig ist, mit Kennzahlen zu arbeiten und was wir dabei von Sportlern lernen können.


Ob Yachtausbau oder Büromöbel – schlanke und saubere Konstruktionsbibliotheken sind für Markus Faust ein Muss. Sein Unternehmen
AV-Line Consulting berät Tischler und Schreiner in Fragen der AV, www.av-line-consulting.de.


30-Minuten-Selbsttest

Wo stehe ich mit meiner AV und meinem Betrieb derzeit? Wo ist Handeln angesagt? Antwort gibt ein 30-Minuten-Selbsttest. AV-Line stellt diesen für die Leser dieses Beitrags auf ihrer Homepage zum Download zur Verfügung:
www.av-line-consulting.de

Jede Folge dieser Serie beleuchtet ein möglicherweise vom Test benanntes Handlungsfeld.