Aus der Praxis

Ladenbau für die Gastronomie: die Technikversteher

»Data-Space«, ein SAP-Labor für Start-Ups in Berlin, besitzt mit »Data-Kitchen« ein weltweit einmaliges Digitalrestaurant. Per App ordert der Kunde sein Gericht – auf Sternekochniveau. Die Tischler von Artis beamten die Idee aus der Datenwolke in die Gastro-Realität.

SAP, Europas letzter großer IT-Player, ist enorm aktiv, um für die weltweit kreativsten Köpfe interessant zu sein. Am Stammsitz im badischen Walldorf entstanden auf dem Campus Büros mit »urban Picknick« im urbanen Park (dds 07-2016). In Potsdam lockt die Denkfabrik »Innovation Center 2.0« die digitalen Zukunftsgestalter an. Doch für die internationalen Kreativdenker scheint das pulsierende Leben direkt in Berlin Mitte spannender als jeder Campus auf der grünen Wiese zu wirken.

»Data Space ist SAPs neue Hauptstadtrepräsentanz und ein Ort, an dem wir inspirierenden Menschen Raum für inspirierende Ideen bieten.« wirbt SAP auf seiner Webseite www.dataspace-berlin.com. Im Data-Space soll in einer innovativen Umgebung genetzwerkt, gemeinsam gearbeitet und gegessen werden. Zusammenkommen sollen hier alle, die sich für digitale Transformation interessieren: Data-Space ist der Name für den gesamten neuen Standort und vereint unter seinem Dach die Bereiche: »Data-Hall«, »Data-Kitchen«, Data-Hub« und »Data-Room.
Beim Ausbau all dieser Bereiche war die Berliner Tischlerei Artis als Generalunternehmer beteiligt. Wobei Tischlerei in der Berliner hippen Welt wenig abgespaced klingt – der »Tagesspiegel« schreibt über Artis als »Designmöbel Manufaktur Artisengineering«. Das »Artisengineering« trifft dabei sehr gut das Profil der Tischler um die beiden Geschäftsführer Wolf Deiß und Holger Meyer. Beschäftigt man sich näher mit der »Foodwall« im Gastrobereich Data- Kitchen wird deutlich, dass echte Ingenieursleistung hinter der Entwicklung dieses Möbels steckt. Entstanden ist das Konzept in der Zusammenarbeit der Gestalterin Tina Steffan, der Innenarchitektin Laura V. Rave, dem transdisziplinären Medialabor »Ars Electronica Futurelab« und fürs Konkret werden: Artis.
So wie das Data-Kitchen-Konzept vorsieht, dass der Kunde seine Essen digital per App auf einen definierten Abholtermin hin ordert, kann nur per freigeschalteter Dateninfo das Mahl aus der Foodwall entnommen werden. Die Wall besteht aus 20 Boxen auf deren Fronten, die aus aufschwenkbaren 20-Zoll-Monitoren bestehen, ein grafisches Gesamtkunstwerk wirkt. Ist das Gericht rückseitig von der Küche eingestellt, wird über einen Sensor die Box hell erleuchtet, der Monitor wird so durchscheinend und gibt den Blick auf das Gericht frei. Zugleich erscheint auf der Monitorfront der Gerichtname und ein auf den Kunden zugeordneter Avatar – der Kunde hat Zugang auf sein Gericht per App-Signal. Damit auf engem Raum fünf Boxen mit genug Innenraum sich nebeneinander reihen können, wählte Artis 12 mm dünnen Corianwerkstoff als Material. Unzählige Sensoren für Gericht-Vorhanden-Signale, Monitorklappe auf/zu, Rückfronttür auf/zu und Lichtsteuerung wurden verbaut und mussten kabeltechnisch angefahren werden. Das Monitorklappenöffnen geschieht über einen pneumatischen Festo-Zylinder. Die Drucklufterzeugung erfolgt über einen kleinen Kompressor, der über den 20 Boxen untergebracht ist. Das Anfahren jeder Box mit Druckluftschlauch, Strom und Sensorenverkabelung geschieht im beengten 12-mm-Fugenraum zwischen den einzelnen Boxen – eine echte Herausforderung für die Artis-Konstrukteure.
Slow Food fast
Weshalb eigentlich der ganze Aufwand? SAP hat für die Datakitchen einen renommierten Gastronomen verpflichtet. Gereizt hat den die Idee, alle Prozesse digital umzusetzen und damit ein einmaliges Restauranterlebnis zu schaffen. Es gibt Selbstbedienung auf höchstem Niveau und doch ist es kein Fast Food, sondern es sind frische, gesunde und regionale Speisen, zubereitet von Alexander Brosin, der jahrelang im Sternerestaurant Margaux gearbeitet hat.

dds-Redakteur Hubert Neumann, langjähriger Entwerfer im Ladenbau, ist von technischen Lösungen fasziniert. Dennoch zieht er einen echten Kellner mit der »Trinkscht du Ouzo von Haus?«-Frage einem hippen App-Lokal vor.

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Wolf Deiß, Geschäftsführer Artis GmbH
»Es bedarf viel Vertrauen in sich und sein Team, um unorthodoxe Aufgaben anzugehen«