Die Kunst des Einfachen

Fast 4 m lange massive Eichenlamellen dominieren das Treppenhaus einer Schule in Ulm. Der Entwurf des Architekten war holztechnisch eine Herausforderung. Die Schreinerei Burghart aus Günzburg hatte Gelegenheit, die Stärken des Handwerks unter Beweis zu stellen.

Für den Neubau eines Schulgebäudes hatte das Architekturbüro Mühlich, Fink & Partner ein Treppenhaus entworfen, in dem vertikale Stahlstäbe den Raum strukturieren. Die Profile sollten, zusammen mit der Treppe, an eine Harfe erinnern. Sie sollten über drei Stockwerke reichen, nur unten und oben
fixiert. Doch die Stahlharfe, das war die Befürchtung des Bauherrn, hätte emotional zu kalt gewirkt mit viel Beton und weißen Wänden. Um eine wohnlichere Ausstrahlung zu erreichen, musste die Materialwahl revidiert werden. Holz sollte es sein, Eichenholz, wie der geplante Boden und die Treppenstufen. Doch am Entwurf und der Konstruktion sollte sich möglichst wenig ändern, so die Vorgabe der Ausschreibung: »Einfach nur das Ganze in Holz«.

Materialwissen vom Schreiner

Massive Eiche, über 3 m lang – eine schöne Idee, doch im Ohr des Schreiners löste sie Alarm aus. Die Stäbe mit einem Querschnitt von 10 x 300 mm würden sich verwerfen und aus der Harfenharmonie würde schnell eine Katzenmusik. Andererseits – unmöglich war die Sache nicht, wenn man nur das richtige Holz dafür auftreiben könnte. Die Schreinerei Burghart aus Günzburg erhielt den Auftrag und konnte mit Klöpfer Holz einen Händler finden, der astfreies Eichenholz mit über 80 Prozent stehenden Jahrringen liefern konnte – zu einem vertretbaren Preis.

Entscheidend für das Gelingen des Projekts war die konstruktive Zusammenarbeit mit dem Architekten. Die Herausforderung bestand darin, die Schlichtheit des Entwurfs elegant und fachgerecht umzusetzen. Dazu drei Beispiele: Holzlamellen lassen sich auf 3 m Länge von Hand so weit auseinanderbiegen, dass
der Höchstabstand für Geländerstäbe überschritten
wird – eine Stange mit Abstandhaltern wurde durch die Bretter geführt. Die Lamellen sollten unsichtbar befestigt sein – Flachstahlprofile an den Stirnseiten und Stahlschwerter am Treppenauge halten das Holz. Die Lamellen sollten den Handlauf tragen – ins harte Eichenholz wurden Gewinde für eigens geschweißte Edelstahlkonsolen geschnitten.

Bei Aufträgen wie diesem können Schreiner ihre Professionalität beweisen: Details, die vom Standard abweichen, bleiben in Projekten oft ungeklärt, bis es fast zu spät ist. Plötzlich muss alles so schnell gehen, dass für Experimente keine Zeit bleibt. Dann muss der Schreiner liefern, und er hat einen Versuch. -HN

Die Halteschwerter sitzen in gelaserten Nuten der stählernen Treppenaugenverkleidung und sind von der Rückseite verschweißt
Zeichnung: Burghart
Bis zu 3,5 m lang sind die Lamellen des Harfengeländers, sie sind jederzeit demontierbar, beispielsweise zur Ausbesserung von Oberflächenschäden
Zeichnung: Burghart