Schreinerei stellt auf CNC-Fertigung um

Ganz auf Vordermann

Zwei von 14 Mitarbeitern gingen plötzlich zwei Jahre früher in Rente als geplant – für Martin Walter war das ein ernstes Problem. Beherzt nutzte er jedoch die Chance, die Arbeitsweise seiner Schreinerei ganz auf Vordermann zu bringen.

Mit wenigen Mausklicks hat Martin Walter den Schrank konstruiert, die Konstruktionsdaten vom TrunCad-Korpusgenerator zur Kalkulation an das Branchenprogramm Pinnkalk übergeben. Oft geht er hier noch einen Schritt weiter und breitet die Konstruktion grafisch fotorealistisch auf, damit seine Privatkunden sich die neue Einrichtung besser vorstellen können. Bei diesem Auftrag ist das jedoch nicht nötig, weil der Kunde bereits bestellt hat. Für Martin Walter ist sein Part an diesem Auftrag damit gedanklich schon fast erledigt. Es fehlt noch die Rücksprache mit Sebastian Hörsting, seinem CNC-Spezialisten in der Werkstatt. Dieser hat auf seinem Rechner im Werkstattbüro ebenfalls eine TrunCad-Lizenz und greift über das Betriebsnetzwerk auf dieselben Dateien zu. Beide hatten gemeinsam eine Checkliste erarbeitet, die sie für jeden Auftrag nach dem Vieraugenprinzip gemeinsam durchgehen, damit sich Fehler oder Nachlässigkeiten nicht wiederholen. Noch vor der Mittagspause werden sich beide für fünf Minuten im Werkstattbüro zusammensetzen, die Liste durchgehen und den Auftrag zur Produktion freigeben. Danach organisiert sich die Fertigung fast wie von selbst. Der Mann an der Säge erhält optimierte Zuschnittprogramme, arbeitet diese ab und versieht jedes Werkstück mit einem Barcodeetikett, das alle Infos für das Bekanten im Klartext ausweist und später die CNC zu den für jedes Werkstück hinterlegten Bearbeitungsprogrammen verlinkt. Nach der CNC gelangen die Werkstücke samt Konstruktionszeichnung zur Montage in den Bankraum. Was einmal zugeschnitten ist, bahnt sich quasi von selbst den Weg durch die Werkstatt.

Die CNC löst künftige Rentner ab

Dass die 12-Mann-Schreinerei in Werne im südlichen Münsterland einen so fortschrittlichen Workflow hat, liegt zum einen an der Tüftelleidenschaft von Martin Walter aber auch an unverhofften Ereignissen. Als Auslöser nennt Martin Walter die Aktualisierung des Rentengesetzes in 2014. Damit können Arbeitnehmer bereits mit 63 Jahren in den Ruhestand gehen, wenn sie 40 Arbeitsjahre absolviert haben. Unverhofft fielen damit bei Walter zwei Arbeitskräfte weg, die ihre Aufträge auch ohne detaillierte Vorgaben aus der Arbeitsvorbereitung sehr selbstständig und zuverlässig erledigt hatten, und zwar mit Handmaschinen, Bohrschablonen und Tischlereimaschinen. Martin Walter wollte mit der Umstellung auf die CNC-Technik eigentlich noch zwei Jahre gewartet haben, bis diese beiden regulär in Rente gegangen wären, hat aber diesen Schritt beherzt um zwei Jahre vorgezogen. Er musste sich also schneller und damit intensiver befassen als geplant.
Das 60 Jahre alte Familienunternehmen widmet sich ausschließlich dem Privatkundengeschäft. Zum Programm gehören hauptsächlich hochpreisige aus Rohlingen selbst gefertigte Zimmertüren mit Zargen aus der eigenen Werkstatt, etwas preiswertere industriell gefertigte Zimmertüren sowie Möbel und Einrichtungen für die Küche und alle Wohnbereiche. Die 2000 m2 große Werkstatt mit angeschlossener Ausstellung für Möbel und Türen hat Martin Walter selbst gebaut. Sogar die Baugrube hat er mit dem eigenen Bagger selbst ausgehoben. Nebenbei hat er in der Nachbarschaft viele Gewerbegründstücke erschlossen, bebaut und vermietet. Walter schaltet regelmäßig Anzeigen in der Lokalzeitung. Das Angebot richtet sich sowohl an den anspruchsvollen, aber auch an den preisbewussten Endverbraucher. Die CNC sollte die Arbeit der ausscheidenden Mitarbeiter übernehmen. Bereits 2013 hat er sich auf der Ligna bei Format-4 nach einer Kantenanleimmaschine erkundigt. Nach intensiver Auseinandersetzung und dem Vergleich mit anderen Produkten hat er sich für das komplett CNC-gesteuerte Modell »Perfect 710 Emotion« entschieden. Ihm war wichtig, beliebige Kantendicken per Touchscreen einstellen zu können. Die Maschine hat ihr Versprechen gehalten. Jeder in der Werkstatt kommt damit gut zurecht. Also wandte er sich 2014 für die CNC wieder an seine Felderniederlassung im münsterländischen Greven und entschloss sich für das Modell »Profit H50«. Zunächst hat er die Maschine mit dem mitgelieferten Programmiersystem betrieben.
Als im Frühjahr 2016 der Austausch der inzwischen über 20 Jahre alt Plattensäge anstand, nutze Martin Walter schließlich die Gelegenheit, das mit den frühverrenteten Mitarbeitern abwandernde Know-how durch eine geeignete Softwarelösung zu ersetzen und fragte bei Felder nach einer Paketlösung aus Maschinen und Software nach. Felder lieferte die Plattensäge »Kappa Automatic 80«, »Flash 3D Korpus CAD« von TrunCad, sowie die Branchensoftware Pinnkalk. Um die Schnittstellenprogrammierung und das Einfahren des Systems hat sich Felder gekümmert. Damit alles weiterhin sicher läuft und Unterstützung bei schwierigen Aufgaben gewährleistet ist, hat Martin Walter mit beiden Softwarehäusern mehrjährige Wartungsverträge geschlossen.

Unkompliziert und effizient

Martin Walter ist stolz, dass sein Betrieb jetzt so schlank, unkompliziert und effizient arbeitet. Außer dem Vieraugencheck mit Sebastian Hörsting laufen alle wichtigen Infos vollautomatisch und fehlerfrei durch den Betrieb: »Die Lernphase haben wir zwar noch nicht abgeschlossen, aber 95 Prozent aller Aufgaben im Möbelbau laufen inzwischen routiniert und reibungslos. Ich bin jetzt froh, dass wir diesen Schritt um zwei Jahre vorgezogen haben.«

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dds-Redakteur Gerorg Molinski hat Martin Walter besucht. Er traf einen besonders quirligen Tischlermeister, der sowohl den Verkauf als auch sein Handwerk beherrscht. Unzählige praktische Ideen hat er in der Werkstatt umgesettzt.

Kontakt

Anwender: Walter GmbH & Co KG Küchen- und Türenfabrikation www.walter-kuechen-tueren.de
Maschinen: Format-4 A 6060 Hall in Tirol www.format-4.com
Konstruktionsoftware: TrunCAD GmbH www.truncad.de
Branchensoftware: PinnCalc GmbH www.pinncalc.de

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Martin Walter
»Das, was ich im Büro plane, durchläuft im Nu die Fertigung. Die Arbeit hat sich wirklich vereinfacht.«