»Der Sohn oder die Tochter eines Unternehmers zu sein, qualifiziert nicht automatisch zur Übernahme des Betriebs.« Klaus Steinseifer

Betriebsübernahme im Handwerk

Einen Nachfolger zu suchen heißt, ein Lebenswerk in die Hände der nächsten Generation zu geben – Emotionen nicht ausgeschlossen. Klaus Steinseifer ist ein erfahrener Begleiter im Prozess der Betriebsübergabe und Betriebsübernahme, der damit beginnt, vieles von zwei Seiten zu betrachten.

Klaus Steinseifer, Handwerksmeister und Berater

Ein Unternehmerwechsel ist eine Chance, birgt aber auch sehr große Risiken. Jährlich müssen nach Schätzungen von Experten über 2000 Betriebe schließen, weil die Nachfolge gar nicht oder schlecht geregelt wurde. Das gilt leider auch für erfolgreiche Unternehmen mit guter Kapitalausstattung und einer ausreichenden Liquidität. Wer ein Unternehmen übergeben oder übernehmen möchte, unterschätzt oft die Komplexität dieses Themas. Es sind die vielen nicht bedachten Hürden bei der Betriebsübernahme und Betriebsübergabe, die zum Scheitern eines Nachfolgeprojektes führen können. Es sind unterschiedliche Fragen jeweils aus doppelter Perspektive zu klären: Bin ich bereit, nicht mehr Unternehmer zu sein? Bin ich Unternehmer? Passt das Unternehmen zu meinem Nachfolger? Ist das für mich ein passendes Unternehmen? Kann die Übernahme finanziert werden? Habe ich das nötige Kapital? Und wann ist dazu der richtige Zeitpunkt?
Hört man sich in Unternehmen um, wie viel Zeit für einen Generationswechsel eingeplant wird, so werden Zeiträume von einem halben bis zu einem Jahr genannt. Damit wird jeder halbwegs realistische Zeitaufwand erheblich unterboten! Schaut man in das Rating der Banken, wird erwartet, dass die ersten Gedanken zur Nachfolgereglung mit einem Alter von 45 bis 50 Jahren im Geschäftsplan stehen sollten, wenn die Nachfolge im Alter des Geschäftsinhabers von 60 bis 65 Jahren vorgesehen ist. Wir reden also mindestens von zehn Jahren, wenn die Übergabe gut geplant funktionieren soll. Dazu gehört der Aufbau eines Nachfolgers mit den notwendigen fachlichen und persönlichen unternehmerischen Kompetenzen. Das erfordert einen erheblichen Zeitaufwand. Eine Nachfolge sollte also grundsätzlich so frühzeitig wie möglich und so realistisch wie nötig geplant werden.
Nicht jeder ist ein Unternehmer
Der potenzielle Nachfolger muss sich Klarheit über seine Lebensziele verschaffen und dazu die richtigen Fragen stellen: Was sind meine Visionen und meine Wünsche? Welche Prioritäten setze ich? Wie viel Zeit erfordert das Unternehmen von mir – und wie viel Zeit bin ich bereit, dafür zur Verfügung zu stellen? Bleibt mir dabei genügend Zeit für meine Familie? Was verstehe ich unter unternehmerischem und was unter finanziellem Erfolg? Passen meine Lebensziele zu einem Unternehmeralltag?
Der Nachfolger muss besondere persönliche und fachliche Eigenschaften eines Unternehmers in eine Nachfolge mitbringen. Jeder Nachfolger sollte sich für das Unternehmen aus freien Stücken entscheiden und davon überzeugt sein, dass er der Richtige ist, um die Aufgaben zu meistern. Dieser Weg darf niemals aus Traditionsbewusstsein gegangen werden oder weil es von der die Familie erwartet wird. Sohn oder Tochter eines Unternehmers oder einer Unternehmerin zu sein, qualifiziert nicht automatisch dazu, einen Betrieb führen zu können! Das Gen zum Unternehmer wird nicht vererbt und kann nach meiner Überzeugung nicht erworben werden. Es ist besser, das Unternehmen an einen fachlich und persönlich geeigneten Mitarbeiter zu übergeben, als an der Erbfolge festzuhalten, obwohl kein geeigneter Nachfolger in der Familie bereit steht. Auch wenn das unter Umständen einen lange gehegten Lebenstraum enttäuscht, sollte diese Möglichkeit in die Gedanken des Übergebers einfließen. Jede Art der Übergabe des Unternehmens erfordert andere Vorgehensweisen und will entsprechend vorbereitet sein – es ist eben doch ein Unterschied, ob in der Familie oder an einen langjährigen Mitarbeiter, an einen Fremden oder gar einen bisherigen Mitbewerber übergeben wird.
Der Übergeber des Unternehmens muss Klarheit über sein »Leben danach« gewinnen und sich dazu ebenfalls Fragen stellen: Sind der Fortbestand des Unternehmens und damit der kontinuierliche Erfolg gesichert? Sind die Arbeitsplätze sicher und werden die Mitarbeiter vom Nachfolger übernommen? Ist die Qualität der Kundenbetreuung durch den Nachfolger sichergestellt? Bin ich finanziell abgesichert? Wird es eine entspannte Übergabe geben? Ist es gewünscht, dass ich mit dem Unternehmen über ein gewisse Zeit als Berater verbunden bleibe oder scheide ich sofort aus? Was kommt für mich danach – wie gestalte ich meine Zukunft nach dem Unternehmersein? Das Ziel einer gelungenen Übergabe und Übernahme ist eine Verteilungsgerechtigkeit auf beiden Seiten.
Was ist mein Betrieb wert?
Der Unternehmenswert und die Finanzierung sind zentrale Fragen, über die viele Illusionen bestehen. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass 99 Prozent der Unternehmen im Handwerk unverkäuflich sind und daher keinen Nachfolger finden, weil keine Marke und damit kein Wert existiert. Häufig wird ein Verkauf des Unternehmens auf allen relevanten Ebenen zu blauäugig gesehen: Es beginnt damit, welche Zahlen für Vertragsverhandlungen erforderlich sind, was die Verhandlungen, Prüfungen und Genehmigungen bei Finanzierungen für einen Zeitkorridor benötigen und wie der Unternehmenswert fundiert ermittelt werden kann. Hier ist man auf externe Berater angewiesen.
Der Kaufpreis hängt vom individuellen Profil eines Unternehmens ab: Gibt es eine starke Marke oder ein Spezialisten-Image? Welche Mitarbeiter und welche Kunden sind vorhanden? Hat der Betrieb besondere Stärken – wo sind welche Schwächen zu überwinden? Die Finanzierung ist der häufigste Hinderungsgrund bei der Übergabe und Übernahme eines Betriebes. Ein Geschäftsplan mit allen Details hilft, die Bank als Partner und Begleiter zu gewinnen. Das Konzept der Übergabe muss überzeugen. Neben Bankkrediten kommen für die Finanzierung auch Bürgschaften, Fördermittel, Unternehmerdarlehen oder auch eine Veräußerungszeitrente infrage. Je nach individueller Situation ist auch ein Mix aus diesen Optionen für die Finanzierung in Betracht zu ziehen.
Fahrplan der Übergabe
Der Übergeber des Betriebs sollte seinem Nachfolger ein Aufgabenbuch mit seinen unternehmerischen und fachlichen Aufgaben übergeben. Hierin ist genau beschrieben, wie die Geschäfte unternehmerisch und fachlich geführt werden. Es ist auch das Handbuch für die zeitliche Übergabe, für die ein konkretes, aber realistisches Datum fixiert werden muss. Wer macht was bis wann – ohne Aufgabenliste kommt man hier nicht weiter! Ganz konkret: Welche Aufgaben übernimmt der Nachfolger bis wann und welche gibt der Übergeber bis wann ab? Zu einer geplanten Übergabe und Übernahme eines Betriebes gehört ebenso die Kommunikation an Mitarbeiter und Kunden, Bankpartner, Lieferanten, Partnerunternehmen und das erweiterte private Umfeld. Wie und wann soll was kommuniziert werden, welche Unterlagen müssen dafür erstellt werden?
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in einem Betrieb der Generationswechsel für alle Beteiligten mit größten Veränderungen und Herausforderungen verbunden ist. Um die Verunsicherungen auf beiden Seiten zu minimieren, kann es deshalb sinnvoll sein, einen externen und neutralen Berater mit ins Boot zu holen. Das gilt gleichermaßen für die finanzielle Seite der Übergabe und Übernahme wie für die Begleitung der Suche nach einem geeigneten Kandidaten und dessen Aufbau für die angestrebte Aufgabe. Auch die Moderation einer Übergabe des Betriebes innerhalb der Familie durch einen externen Berater kann sehr sinnvoll sein, um folgenschwere Fehlentscheidungen und Konflikte zu vermeiden.

Was qualifiziert zum Unternehmer?
Die unternehmerische Kompetenz gliedert sich in fachliche und persönliche Kompetenzen. Nicht jeder gute Unternehmer wird alle Punkte abdecken, doch umreißt die Auflistung ein grundsätzliches Profil.
Fachlich
  Fach-, Produkt- und Systemwissen
  Praktiker, Könner und Vormacher
  Meister im Sinne von meisterlich
  Projektadministration und -organisation
  Marktfähigkeit von Produkten/Leistungen
  Womöglich ein Spezialisten-Image
  Kaufmännische Qualifikation
Persönlich
  Lebenserfahrung
  Positive Einstellung
  Eigenmotivation
  Selbstkritikfähigkeit
  Analysekompetenz
  Selbstmanagement
  Ordnungskompetenz
  Ideenmanagement
  Planungskompetenz
  Organisationskompetenz
  Verkaufskompetenz
  Führungskompetenz

Steckbrief

Klaus Steinseifer ist Bankkaufmann sowie Maler- und Lackierermeister. Heute bietet er im Schwarzwald Seminare zur Unternehmensführung und Unternehmensentwicklung an.