Jeder vor seiner Tür

Einladend oder abweisend, freundlich oder unnahbar: Der Eingang in ein Gebäude kann sehr unterschiedlich wirken. Die Haustür ist in technischer Hinsicht oft der aufwendigste, in funktioneller sogar der wichtigste Teil jeder Eingangssituation.

Roger mandl

Nähern wir uns einem Gebäude, empfangen wir oft bereits deutliche Signale: Es wirkt interessant oder banal, transparent oder verschlossen, strahlt ein erhöhtes Bedürfnis nach Sicherheit aus, ist einladend oder abweisend. Man fühlt sich willkommen, neutral, geduldet oder unwillkommen. Am Eingang findet so bereits eine Klärung des Verhältnisses statt, immer vorausgesetzt man schafft es bis hierher, denn vor der Haustür gibt es womöglich Hecken, Zäune, Mauern, Tore und moderne Überwachungsanlagen.

Der Eingang trennt in der Architektur innen und außen, und hier findet ein Übergang in mehrfacher Hinsicht statt: Der klimatische Wechsel von äußerer Witterung zu konstanter Innenraumtemperatur, der Wechsel vom Öffentlichen zum Privaten oder auch zum Geschäftlichen und schließlich ein rechtlicher Übergang, denn innen herrscht das Hausrecht. Wir machen uns diese Differenzierungen nicht jedes Mal bewusst, haben sie aber verinnerlicht.

Dieser vielfache Übergang findet an der Schwelle statt, die im eigentlichen Sinn den unteren Anschlag der Haustür darstellt. Die sogenannte Schwellenangst ist die Angst vor dem Übertritt in eine andere Welt, von der wir nicht wissen, was sie für uns bereithält. Die Entwicklung in der modernen Architektur hin zu offenen, transparenten Fassaden und gut belichteten Innenräumen durch die Verwendung von immer mehr Glas, auch im Eingangsbereich, hat diese Schwellensituation immer weiter abgebaut, auch die geforderte Barrierefreiheit sorgt dafür. Haben wir die Schwelle überwunden, erwartet uns innen eine Garderobe oder Diele, ein Empfang oder Foyer, je nach Größe des Gebäudes und seiner Bestimmung. Ein Raum, der nur diesem Zweck dient, enpfängt und verabschiedet uns, er ist Teil des Erlebnisablaufes im Bauwerk.

In der Regel wird der Eingangsbereich in der Fassade entsprechend betont. Dies dient der Orientierung und der Repräsentation. Die Gestaltung des Eingangs soll darauf vorbereiten, was uns erwartet. Material und Formen spielen hier die ausschlaggebende Rolle: sachlich und schlicht, klar und geradlinig oder eher verwinkelt, gediegen oder luxuriös – die Bandbreite der Gestaltungsmöglichkeiten ist hier gegeben und liefert uns auch ein haptisches Erlebnis, schließlich fassen wir hier das Haus an. Und dann bleibt noch das akustische Erlebnis, wenn eine Haustür satt ins Schloss fällt oder lautlos hinter uns zugleitet …


Steckbrief

Roger Mandl ist Innenarchitekt und Dozent an der Fachakademie für Raum- und Objektdesign an den Schulen für Holz und Gestaltung Garmisch-Partenkirchen.
Die gezeigten Eingangssituationen sind seinem Buch »Eingänge«
entnommen, das 2010 im Verlag DVA erschienen und inzwischen leider vergriffen ist.