Subjektive Trends

Die IMM Cologne ist vorüber, nun werden Trends postuliert. Wenn Sie wissen wollen, ob im Schlafzimmer von Barbie und Ken rosa angesagt bleibt, lesen Sie das so ziemlich überall. Für dds-Leser filtert Dirk Schellberg die Möbelmesse nach relevanteren Themen.

Einen Konfigurator für frei geformte Möbel hatte die Firma Okinlab im vergangenen Jahr auf den Passagen angekündigt – und nun das fertige Produkt auf der »großen Messe« vorgestellt. Unter http://form.bar lassen sich vom Steckregal bis zum geschwungenen Bett eigene Möbel konfigurieren. Die Benutzeroberfläche ist einfach zu bedienen: Über Anfasser werden die einzelnen Teile geformt; es können auch genaue Maße eingegeben werden. Verschiedenste Materialien stehen zur Wahl. Das Ergebnis wird perspektivisch dargestellt, und am Ende kann man das Möbel per Klick bestellen. An seine Grenze kommt das Verfahren, wenn man eine plastische Fläche modellieren will, da alles, was als Volumen erscheinen soll, in horizontale Schichten aufgelöst wird. Als CAD-geschulter Designer fällt es mir leicht, dieses Tool zu bedienen. Aber ob das auch Benutzern ohne Vorkenntnisse möglich ist? Außerdem: Wo bleibt das Einkaufserlebnis? Zurzeit dringen ja die digitalen Produktionsprozesse in das öffentliche Bewusstsein. Möglich, dass sich eine wachsende Gruppe Pionierkonsumenten darauf einlässt, der eigene Designer zu sein. Nikolas Feth, Okinlab-Geschäftsführer, meinte auf der Messe, falls die Plattform nicht funktioniere, habe man noch eine andere Zielgruppe im Auge: Schreiner. Die Software sei durchgängig von Konfiguration über Kalkulation bis zum Fräsprogramm. Anfragen gäbe es bereits …

Von den Schafen lernen
Mehrmals begegnete mir auf der Messe das Thema Akustik. Die Ansätze sind unterschiedlich. So setzt die Firma Acoustikpearls auf synthetische Fasern. Die Schallabsorber können wandgebunden oder als raumbildende Elemente eingesetzt werden. Auf Tische aufgesetzte Trennwände oder freistehende Objekte sorgen für eine gute Akustik. Ein wichtiger Aspekt des Firmenkonzepts ist die Beratung. Wenn zu viele Elemente verwendet werden, klingt ein Raum unnatürlich schalltot. Ebenso unangenehm sind zu lange Nachhallzeiten! Die Akustik muss an die Raumnutzung angepasst sein.
Die Akustikpaneele »Woopies« besteht komplett aus Schafswolle. Die Baur Vliesstoffe GmbH und die Firma Nawarotec beziehen sie regional aus der Schweiz. Dem darbenden Berufsstand der Schäfer kann das recht sein; veganen Dogmen zum Trotz erfüllen Schafe eine wichtige ökologische Aufgabe in unserer Kulturlandschaft, warum sollten wir die Wolle nicht nutzen? Die Wollpaneele erreicht die Absorberklasse A. Potenzial liegt womöglich auch in den klimatischen Vorteilen der Wolle, die in der Feuchtigkeitsregulierung liegen.
Im Osten viel Neues
Schon länger habe ich die Massivholzmöbel aus Bosnien Herzegovina im Fokus. Die bekannten Hauptakteure Artisan und Rukotvorine stellten bisher zuverlässig jedes Jahr neue Entwürfe in Köln aus. Einen vergleichbaren Unternehmergeist und Designenthusiasmus sehe ich zurzeit weder in West- noch in Südeuropa. Ob das am Lohngefälle liegt? Rukotvorine vertreibt neuerdings unter dem Namen Zanat. Um die Namensänderung und leicht geänderte Designausrichtung zu unterstreichen, hat man eine neue Kollektion auf die Beine gestellt: Für »Boscaline« verschmelzen vier skandinavische Designer osteuropäische Ornamenttradition mit nordisch reduziertem Design. Es gesellt sich nun noch eine dritte bosnische Firma zu Artisan und Rukotvorine: Gazzda aus Sarajevo engagierte für ihre Kollektion den einflussreichen Designer Salih Teskeredzic. Die Möbel der Serie »Fawn« kamen auf Anhieb unter die Gewinner des Interior Innovation Award der Kölnmesse.
Der Wachwechsel bei Team by Wellis zeigt sich in einer komplett neuen Kollektion durch alle Sparten vom Polstermöbel über den Esstisch bis hin zum Schrank – alles neu und aus einer Hand. Gut gelöst ist das Prinzip ineinandersteckender Korpuselemente, das zu schmal erscheinenden Möbelkanten führt. This Weber zeichnet dafür verantwortlich und löst den Designer Kurt Erni ab. Huldigte Team by Wellis bislang eher technokratischer Strenge, wird es nun deutlich wohnlicher – und leider auch vergleichbarer, zum Beispiel mit Interlübke.
Geschichten erzählen
Sixay benutzt die Möglichkeiten der Lasergravur als Marketinginstrument. Oberflächen bestimmter Möbel der Kollektion können individuell graviert werden. So erhielten die Gewinner eines zur IMM veranstalteten Wettbewerbs einen hochwertigen Massivholzhocker mit eigenem Grafikmotiv. Auch Beton ist immer öfter als Möbelwerkstoff zu sehen. »Concrete Urban Design« setzt gestalterisch auf Freiformflächen sowie schlanke Querschnitte. Riva zeigt, wie sich Beton mit Kauriholz kombinieren lässt. Kubische Monsterquerschnitte sind dank der Materialinnovationen vorbei, aber schwer bleibt Beton immer noch!
Ein besonderes Designbiotop fand sich in Halle 1: Die Mischung aus jungen Designern mit eigenem Label, Design- und Handwerksschulen und den Exponaten des »pure talents contest« sollte man gesehen haben. Eine Plattform für Themen jenseits des Einbauschranks! Im Fokus stehen Werkstoffe, Recycling, Sozialengagement und Experimente, so etwa mit Facette und Faltung. Unter der Prämisse »Material als Design Impuls« realisierten Studenten der Hochschule Mainz unter der Leitung von Professor Bernd Benninghoff Entwürfe aus textilen Faserverbundstoffen. Partner waren die Filzfabrik Fulda sowie M&K Filze GmbH. In der Ausstellung wurden nicht nur die realisierten Konzepte gezeigt, sondern auch die zahlreichen gestalterischen und technischen Versuche im Vorfeld. Ein ausführlicher Beitrag erscheint dazu in der dds-Maiausgabe.
Hon Tan Trieu, ein Absolvent der Universität der Künste Berlin, kombinierte Hightech mit Lowtech: Die Sitzfläche seines Hockers besteht aus einer filigranen, dreidimensional gesinterten Polyamid- Netzstruktur im 3D-Druck. Die schlichten runden Beine werden eingesteckt. Solche Kombinationen haben meines Erachtens Zukunft im Möbelbau, wurden bisher aber erstaunlich selten eingesetzt. Sozialer Möbelbau jenseits der Frankfurter Küche konnte auch erlebt werden. Asylsuchende fertigen Möbel des italienischen Designers Enzo Mari, eher bekannt als Entwerfer für Danese oder Castelli. Für dieses Projekt hat er einen schlichten Brettstuhl entworfen. Bemerkenswerter als das Design ist das Konzept: Dieser Stuhl ist so gestaltet, dass er sich prinzipiell in einer Hobbywerkstatt fertigen lässt. In jedem Stuhl wird ein Holzteil verarbeitet, das von den Wracks stammt, mit denen Flüchtlinge auf Lampedusa gestrandet sind. Jeder, der nicht der Meinung ist, das Boot sei voll, wird Sympathie für die Geschichte empfinden. Die Initiative »Cucula« in Berlin unterstützt damit junge Flüchtlinge, die sonst zur Untätigkeit verdammt wären.
Humorvoll geht Wenig Xinyu mit dem Thema Energiesparen um. Seine Stehleuchte schaltet sich aus, sobald das Umgebungslicht zunimmt. Wo sonst im Design um gute Form gerungen wird, tritt hier die nahezu selbstbestimmt wirkende Geste des Produkts hervor. Auf die Tendenz zum Autorendesign setzt der niederländische Designer Pepe Heykoop: eine Designgattung angelegt zwischen Kunst, Gebrauchsgegenstand und Kleinserie. Sie besticht durch größere Nähe zwischen Designer und Kunde des Produktes. Diese begegnen sich wieder Auge in Auge – und der Handel funktioniert nur, wenn beide sich etwas zu sagen haben. Diese Designauffassung ist in Holland sicherlich schon weiter verbreitet als bei uns. Wie in der Mode legen Designer kleine, individuell vertriebene Serien auf. Oft spielen ökologische oder soziale Aspekte bei der Themenwahl eine Rolle. Ich schätze, dass es in Zukunft eine größere Anzahl Mini-Unternehmen geben wird, die kleine Serien vertreiben, mit deren Geschichte sich der Käufer identifizieren kann. Wenn es wirklich einen Trend auf der Messe gab, dann den des Geschichtenerzählens.