Biomorphe Schalen aus Schreinerhand

Ein spektakuläres Glasgebirge als Außenhülle und im Inneren, nicht weniger atemberaubend, ein Ornamentaus gefrästem Gipsfaserzement – das prägt die neue Elbphilharmonie. Die Schreiner der Industrie Manufaktur Hasenkopf frästen dazu über eine Million Gebirgstäler in die über 10 000 Bauteile.

Eigentlich war der Entwurf recht flott gezeichnet. Eine Postkarte mit einem 37 m hohen Backsteinspeicher mit Flachdach und blauem Himmel – dann mit dem Stift darauf einen schmissigen Hahnenkamm mit abgestuften Schwüngen gescribbelt und fertig war die Grundidee. Vermutlich nicht mehr als ein paar Sekunden dauerte der Kreativvorgang.

Bis daraus die weltweit beachtete Eröffnung des neuen Hamburger Wahrzeichens im Januar 2017 wurde, bedurfte es eines 13-jährigen intensiven Geduldspiels mit wechselnden Stadtstaatregierungen, Baustopps und eines von 79 auf 866 Mio. Euro gewachsenen Baubudgets. Der für die Stadt Hamburg 2013 fixierte Festpreis betrug 789 Mio. Euro. Der Rest verteilt sich auf die 45 angegliederten Edelwohnungen und den integrierten Hotelkomplex. Was bleibt? Entwurfsqualität siegt – oder anders ausgedrückt: Gelungene Gestaltung belebt und fördert Kultur und Kunst für Jahrzehnte. Und wenn sie richtig gut gelungen ist, wie bei der Elbphilharmonie durch die Basler Architekten Herzog & de Meuron, ist der Gegenwert für das Stadtmarketing für die nächsten Jahrzehnte unbezahlbar. Die Begriffe für das Musikgebäude überschlagen sich, ob in Print, Digital, TV oder Radio: ikonisches Bauwerk, spektakulärster Musiksaal der Welt, Konzertsaal der Superlative, Klangkathedrale.
Das Außen und das Innen
Von außen betrachtet schwebt auf der archaischen Form eines alten Ziegelspeichers, entkoppelt durch eine für die Öffentlichkeit zugängliche »Trennfuge«, der Plaza, ein riesiger Kristall. Aus in Teilbereichen gekrümmten und eingeschnittenen Glasfassadenelementen, die die Reflexionen des Himmels, des Wassers und der Stadt einfangen, endet die Glashaut oben in einer kühn geschwungenen Dachlandschaft – an der höchsten Stelle 110 m hoch.
Generationen überdauernde Wertigkeit bedarf mehr als eines spektakulären Äußeren. Berlin hat das Brandenburger Tor, Stuttgart den wegweisenden Fernsehturm von Fritz Leonhardt, München das Olympiastadion von Behnisch & Partner mit seiner luftigen Zeltdachkonstruktion von Frei Otto. Es ist makaber, dass ausgerechnet das Münchner Olympiastadion seiner Nutzung als Sportstätte durch einen Entwurf der Architekten Herzog & de Meuron beraubt wurde. Durch deren Bau der Allianz-Arena und den Wegzug des FC Bayern in das neue Domizil ist das alte »Oly« nur noch ein spektakuläres Baudenkmal, das mit vielen Steuermillionen erhalten wird.
Dass es der »Elphi« in Hamburg einmal ähnlich ergehen könnte, ist zum heutigen Zeitpunkt undenkbar. Zu vielseitig wurde das Gebäude mit seinem markanten Inneren konzipiert. Das Wissen um die Bedeutung von Erlebniswirkung brachten die weltweit agierenden Architekten Herzog & de Meuron aus dem Bau der Allianz-Arena und dem Pekinger Olympiastadion in ihren ersten Konzertbau ein. Neben der Klassik sind die Räume auch für profane Musik, Jazz oder experimentelle Projekte vorbereitet. Der japanische Akustikguru Yasuhisa Toyota verantwortete das akustische Konzept. Schon 2007 berichteten wir in dds ausführlich über das im Maßstab 1:10 gefertigte Saalmodell, mit dessen Hilfe die Akustikverfeinerung Yasuhisa Toyota erst möglich wurde.
Weinbergterrassen in Hamburg
Zum gelungenen Ergebnis führt zum Einen die Geometrie des Raumes nach dem Prinzip der »Weinbergterrassen«, das mit der Berliner Philharmonie 1963 durch Hans Scharoun in den Konzerthausbau Einzug fand. Die Musiker sitzen auf einer zentralen Bühne. Die Publikumsränge umschließen wie ein steiler Weinberg terrassenförmig das Musizierfeld. Entscheidend ist zum Anderen auch die Struktur der Wände und Decken. Sie wurde für Hamburg durch ausführliche Materialrecherchen sowie zahlreiche Formstudien und Muster entwickelt. Durch das Zusammenspiel von Raumgeometrie, Materialien und Oberflächenstruktur wird der Schall der Musik gezielt in jeden Winkel des Konzertsaals gestreut – durch die »weiße Haut« aus dem Gipsfaserwerkstoff »Gifatec« von Knauf. Generalunternehmer Hochtief, alleiniger Vertragspartner Hamburgs, beauftragte mit der Projektabwicklung der Verkleidungen den Ausbauspezialisten Peuckert aus dem oberbayerischen Mehring.
Oberbayrische Kompetenz
Aus dem gleichen Ort kommt Zulieferspezialist Hasenkopf, der viel Erfahrung in der 3D-Bearbeitung einbrachte. In enger Kooperation realisierten die beiden oberbayrischen Unternehmen die Innenschale der Elbphilharmonie. Hasenkopf fräste über einen Zeitraum von sieben Jahren die 10 287 Bauelemente für die über 6000 m² große Innenverkleidung. Kein Element ist identisch und keine Wabenstruktur wiederholt sich. 3D-CAD-Daten wurden in CNC-Programme gewandelt: 352 Mio. Zeilen umfassen die erstellten Makros. »GIFAtec« von Knauf ist mit einer Dichte von 1500 kg/m³ ideal für die Akustik und zudem nicht brennbar. Bis zu fünf Rohplatten mussten verleimt werden, um eine Stärke von bis zu 180 mm zu erreichen. Drei der 13 CNC-Bearbeitungszentren waren bei Hasenkopf im Schichtbetrieb aktiv, um logistisch perfekt das richtige Element zum richtigen Zeitpunkt für die Montage zu liefern. Die Frästiefe der Struktur lag zwischen 5 und 90 mm. Für über 1,5 Mio. Laufmeter Fräsweg wurden mehr als 1000 hochwertige, diamantbesetzte Fräswerkzeuge verbraucht.
Mit der Fertigstellung der Elbphilharmonie ist für Hasenkopf das größte Projekt der Firmengeschichte abgeschlossen. Die beiden Geschäftsführer Roland Hasenkopf und Markus Gröger fassen es berechtigt zusammen: »Wir sind stolz auf unser Team, das dieses Jahrhundertprojekt so perfekt abgewickelt hat!«

dds-Redakteur Hubert Neumann stand im Laufe der letzten Jahre bei seinen Aufenthalten in Hamburg öfters vor der Elbphilharmonie. Für einen Besuch des Konzertsaals hat es bisher noch nicht gereicht. Aber der kommt noch!

Steckbrief

Projekt: Elbphilharmonie Hamburg, www.elbphilharmonie.com
Architektur: Herzog & de Meuron, Base,l www.herzogdemeuron.com
Montage und Projektabwicklung der akustischen Verkleidungen: Peuckert GmbH, Mehring, www.peuckert.de
Zulieferer und 3 D-Bearbeitung: Hasenkopf Holz & Kunststoff GmbH & Co. KG, Mehring, www.hasenkopf.de