Kunstwerk und Möbelstück

Wer bei einer Komposition aus Kabinettschrank und Sekretär womöglich an ein klassisches Funktionsmöbel denkt, liegt bei diesem Meisterstück falsch: Der sogenannte Kabitär von Michael Gläßer ist ein Objekt, wie es sonst eher Künstler hervorbringen.

Kabitär nennt Michael Gläßer seine Komposition aus Kabinettschrank und Sekretär. Ein klassisches Funktionsmöbel ist diese Schöpfung dennoch nicht! Michael Gläßer hat etwas anderes zur Meisterschaft gebracht, was möglicherweise noch viel schwieriger ist – er hat eine Figur geschaffen, wie sie sonst eher Künstler hervorbringen: Oskar Schlemmer mit dem Triadischen Ballett oder Giorgio De Chirico, ganz selten auch Designer, wie etwa Ettore Sottsass mit seinen beiden Werken Totem oder Carlton. Möbel, die etwas über diejenigen zum Ausdruck bringen, die sich für sie entschieden haben und deren Zweck vor allem darin besteht, eine Art Begleiter durch den Alltag in den eigenen vier Wänden zu sein.

Eine Figur (figura, lateinisch Gebilde oder Gestalt) reklamiert, ein Wesen zu haben und manchmal sogar Eigenarten. So bündeln etwa Schachfiguren diverse Möglichkeiten strategischer Potenziale. Ein anderes Beispiel findet man unter Modeschöpfern, die ihre Kollektionen entwerfen, indem sie Figuren definieren, die sie in ihren Zeichnungen zuspitzen und damit den Schneidern die Richtung weisen.
Handwerklich ist der Kabitär eine Arbeitsprobe, über die sich dezent, aber doch unübersehbar die Finessen mitteilen, zu denen sein Schöpfer imstande ist. Dass an diesem Möbel jemals irgendjemand einen Brief oder eine Postkarte schreiben wird, das glaube ich eher nicht – Ergonomie und Praktikabilität standen ganz offensichtlich nicht im Vordergrund, was bei einer Figur im beschriebenen Sinne auch nicht nötig ist. Öffnet man die Klappe und schaut in das Innere, offenbart sich eine weitere emotionale Steigerung: Rippen und Muskulatur des Objekts sind mit so viel Gefühl, dabei ohne jeden Kitsch, mit kongenialen Farben und Hölzern modelliert – unvorstellbar, dass dies den Betrachter nicht berührt. Der Kabitär ist ein Möbelstück, dem große Präsenz attestiert werden darf, und das, ohne dick aufzutragen. Eine Ehr’, der Kabitär!

Prof. Axel Müller-Schöll lehrt an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle Innenarchitektur und Ausbaukonstruktion. dds und dem Tischlerhandwerk ist er seit vielen Jahren beratend und als Autor verbunden.