Nachhaltiges Bauen

Das Gesellenstück von Paul Berschneider aus Berlin soll die Welt retten und wahrscheinlich tut es das auch. Deswegen haben wir es aber nicht fotografiert …

Ein Bienenhaus als Gesellenstück – das gibt es nicht alle Tage zu sehen! Genau genommen war mir in 16 Redakteursjahren nie zuvor ein Bienenhaus untergekommen, bis ich im Sommer 2016 zusammen mit Markus Hilbich, unserem Berliner Fotografen, ein Klassenzimmer in der Marcel-Breuer-Schule betrat. Lebensgroß, in einem unglaublichen Grün, stand das Weltrettermöbel einfach vor uns. Paul Berschneider hatte ganze Arbeit geleistet, denn das erwartet man am Ende eines langen Fototages nach 300 gesichteten Gesellenstücken gewiss nicht mehr – ein Bienenhaus, das die Welt rettet. Und eigentlich ist es gar nicht das Haus selbst, es sind die zukünftigen Baumeister in seinem Inneren, die für uns so lebenswichtig sind, wie es Albert Einstein formuliert: »Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.« Das Bienenhaus ist ein schönes Beispiel dafür, wie die Pflege der Natur und ihre Nutzung Hand in Hand gehen – auch wenn es Paul Berschneider darum geht, die Bienen bei ihrer wichtigen Arbeit zu unterstützen, möchte er natürlich auch Honig ernten, und zwar auf komfortable Weise. Das Bienenhaus hat vier Stockwerke, die als Kästen übereinander gestapelt werden: Ganz unten befindet sich unter einem blauen Siebeinsatz direkt unter dem Einflugschlitz eine Schublade, die im günstigsten Fall leer bleibt, denn daran kann der Imker sehen, dass die Bienen nicht von Milben befallen sind.

Honig ernten mit System
In dem Kasten direkt über dem Einflug hängen sieben Rahmen mit einer vorbereiteten Wabenstruktur. Die Bienen bauen hier selbst die Waben auf, nutzen sie zum Brüten und für die Winternahrung. Wenn diese Etage gefüllt ist, werden in dem oberen Kasten unter dem aufgesetzten Dach weitere Vorräte gesammelt. In diesem Kasten kommt anstelle üblicher Waben das sogenannte Flow-System eines australischen Start-ups zum Einsatz: In schräg gestellten Kunststoffwaben fließt der Honig zur Mitte und kann direkt an einem Zapfhahn entnommen werden. Gefertigt wurde das Bienenhaus aus sibirischer Lärche. Anleimer und Schubkastenführungen sind aus Bangkirai. Beide Hölzer lagerten über 20 Jahre als Terrassenholz. Der nachhaltige Aspekt liegt hier also weniger in der Beschaffung als der sinnvollen Verwendung ohnehin vorhandenen Materials. Leinöl und eine grüne Lasur, bienenfreundliche, sogenannte Beutenschutzfarbe, schützen das Bienenhaus außen vor der Witterung. Innen sorgen die Bienen selbst für eine Beschichtung aus reinem Bienenwachs.
Paul Berschneider hat seine Tischlerausbildung in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt Berlin absolviert – kein gewöhnlicher Ausbildungsbetrieb: Die PTB befasst sich auf höchstem internationalem Niveau mit der Entwicklung von Messtechnik, bildet darüber hinaus aber auch Elektroniker, Mechaniker, Kaufleute und Tischler aus. Die Bienen müssen auf Paul Berschneider übrigens noch warten – er geht als Geselle auf die Wanderschaft. Unterdessen kümmert sich sein Bruder um die Rettung der Welt. –JN

Steckbrief

Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt PTB mit Sitz in Berlin und Braunschweig arbeitet mit rund 1900 Mitarbeitern daran, Messungen immer präziser zu machen und die deutsche Wirtschaft durch ihre Forschung und Entwicklung zu unterstützen. Die PTB in Berlin bildet auch zum Tischler aus und übernimmt die Gesellen in der Regel noch für ein Jahr. Ansprechpartner für die Tischlerausbildung ist Herr Johannsen.