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Seite: 76 - 79 | Ausgabe: 02 / 2012

Möbel im Freistil

Der Landeswettbewerb Gestaltete Gesellenstücke in Baden-Württemberg zeigt auffallend viele Entwürfe mit ausgeprägtem Logocharakter: markante Formen, die sich weitgehend unabhängig von der Funktion des Möbels machen.
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Ein wachsendes Bewusstsein für Farbe und eigenwillige Formen spiegeln die Gesellenstücke der Landesauswahl Baden-Württemberg. In einer inspirierend zusammengestellten Ausstellung zusammen mit Ergebnissen der beiden Wettbewerbe »Möbel helfen« und »Schreinersprint« (vgl. dds 1/2012, Seite 19) konnten staunende Besucher sich im Landesgewerbeamt Stuttgart ein Bild des kreativen Potenzials machen, das im Schreinerhandwerk noch viel zu wenig abgerufen wird. Insbesondere die Gesellenstücke zeigen eine so ernsthafte Auseinandersetzung mit Material, Form und Farbe, dass man sich unwillkürlich fragt, was daraus im Berufsalltag wird: Das Gesellenstück als Aufgabe, die man sich selbst stellt, fordert die Gestaltungskraft in der Regel anders heraus, als es ein Kundenauftrag vermag. Hier setzen die Wettbewerbe »Schreinersprint« und »Spielräume« an, die jährlich eine neue Gestaltungsaufgabe stellen. So fördert der Landesfachverband Schreinerhandwerk die Auseinandersetzung der Mitglieder mit Fragen der Gestaltung und darüberhinaus die Wahrnehmung ihrer Leistungsfähigkeit in der Öffentlichkeit. Auffällig war wettbewerbsübergreifend übrigens die häufige Verwendung von Leder. Hier besteht noch Nachholbedarf in der fachgerechten Verarbeitung, die mancheiner offensichtlich selbst in die Hand genommen und ihre Komplexität gründlich unterschätzt hat – und zwar nicht bei den Gesellenstücken ... JN

Fotos: Christina Kratzenberg

Form und Überform Ein bewegt fließendes Acrylband durchdringt die kristaline Kontur des Möbels. Vor dem Hintergrund der Konzeption als TV-Board ein genialer Griff: Das Medienthema wird vom eigentlichen Möbel abgekoppelt und ist dadurch erst formal eingebunden. In aller Regel wird ein Möbel durch ein Fernsehgerät überformt – hier auf bewusste Weise! Patrick Bielitzer, Schreinerei Ewald Bottlang, 78315 Radolfzell
Plakativer Materialwechsel Nussbaum und Parapan begegnen sich in einer Megazinkung; die beiden untergehängten Korpuselemente tauschen Vordergrund gegen Hintergrund. An Stelle der Parapan-Gehrung sähe man gern einen fließenden Übergang, wie er mit Mineralwerkstoff möglich ist. Timo Salamon, Schreinerei Salamon, 69126 Heidelberg
Möbel, die Platz machen Wandhängender Winkel mit auskragendem Tablar, mit fliederfarbenem Leder bezogen. Darauf bewegt sich ein liegender Quader mit Klappe und Schubkasten in hellem Rüster, was farblich ausgezeichnet harmoniert. Ein feines Stück, das »Platz macht«, um exquisite Dinge abzulegen. Jasmin Haseidl, Schreinerei Lehmann, 77736 Zell a. H.
Strenger rechter Winkel Geradliniges Laptopmöbel in Elsbeere, Ahorn und Rindsleder. Der flache Korpus mit zwei Schubkästen ist in den wandhängenden Quader mit auskragender Glasplatte eingesetzt. Oberhalb dieser Platte sowie unter der flächenbündig in die Arbeitsfläche eingelassenen Klappe finden sich Kabeldurchlass und Anschlüsse. Daniel Lang, Schreinerei Martin Schuster, 73084 Salach
Explodierender Apfel Dielenmöbel in Palisander und lackierter MDF. Die ohnehin dynamische Form ist mit zahlreichen Öffnungsfunktionen gespickt, wobei die individuelle Formensprache nicht immer mit Auswahl und Dimension der Standardbeschläge harmoniert. Die Nutzhöhe des kleinen frontalen Schubkastens hätte statt der Nutleisen- auch eine Unterflurführung auf Kulissen ermöglicht. Der Öffnungswahnsinn mit Schubkästen, Türchen und zwei Klappenflügeln auf engstem Raum macht, zugegeben, Spaß! Tobias Laukenmann, Schreinerei Kiess, 70567 Stuttgart. Zweiter Landessieger Baden-Württemberg