dds online
drucken
Seite: 84 - 85 | Ausgabe: 12 / 2011

Kommode mit Anhang

Das Meisterstück von Benjamin Back gliedert sich formal in eine dominierende Kommode mit angehängter Tischplatte. Die Gesamterscheinung des grundsätzlich als Schreibtisch konzipierten Ensembles spricht keine eindeutige Sprache.
9 Bilder: 1/9

Die Bestandsaufnahme deutet auf einen Schreibtisch hin: großer Schubkasten für Hängeregistraturen, schmale Schubladen für Schreibutensilien und Papier, offene Fächer für Ordner und Bücher. Im Korpus versteckt ist ein gut durchlüfteter Platz für den PC. Die Schreibplatte zeigt eine klassische Ledereinlage, der Technik geschuldet ist die bündig eingelassene Anschlussdose. Trotz dieser Attribute kommt mir nicht in den Sinn, einen Schreibtisch vor mir zu haben – die Erscheinung lässt mich eher an eine langgestreckte Kommode mit erweiterter Tischfunktion denken! Der Rückgriff auf gestalterische Formen der 1960er-Jahre unterstreicht diesen Eindruck und lässt sich weiter bis in die Bauhauszeit der 1920er- und 1930er-Jahre zurückführen (Erich Dieckmann, Burg Giebichenstein, die Werkstätten Hellerau, die Wienerwerkstätten etc). Der wuchtige Korpus wird auf kurze, kräftige und schräg ausgestellte Beine gestellt. Bodenständig ist das Gewicht verteilt und lässt den Kommodentypus vergangener Zeit wiederauferstehen. Die Funktionserweiterung erfolgt durch eine im rechten Winkel angeordnete Tischplatte, die mit großem Abstand auf die Kommode aufliegt und sich auf der anderen Seite mit L-förmigen, schrägen Tischbeinen in den Boden stemmt.

Die Zugänglichkeit des Möbels von drei Seiten bedingt die freie Aufstellung im Raum. Das kräftige Erscheinungsbild, noch verstärkt durch den graubraunen Lack, versucht Benjamin Back durch die in Eiche gefertigten offenen Einsätze in der Mitte und an der Stirnseite des Korpus geschickt zu mildern. Auch für die Beine und im Inneren des Möbels suggeriert das Eichenholz im Kontrast eine gewisse Leichtigkeit.

Die Wiedergeburt der Kommode in der Erscheinungsform der 1960er-Jahre ist an sich eine schöne Geste, der auch die handwerkliche Durcharbeitung des Möbels entspricht – doch will sich für mich die Konzeption eines frei im Raum stehenden Schreibtischmöbels nicht so recht damit verbinden.

Fotos: Studio Pfleiderer

Autor: Prof. Peter Litzlbauer, Staatl. Akademie der bildenden Künste Stuttgart, Fachbereich Architektur und Design

Schreibtisch in Eiche und lackierter MDF. Benjamin Back, Meisterschule Ebern
Der Computer verschwindet hinter einem Türchen. Der Einschub links davon bietet sich für Dekoratives an
Stauraum von allen Seiten: Das Möbel soll frei im Raum stehen
Die Klappe für Anschlüsse wäre um 90° gedreht stimmiger plaziert
Frontalschnitt: Die Kommode dient als Auflager für die massige Tischplatte
Vertikalschnitt durch die Kommode, von links betrachtet. Das Bild unten zeigt die rechte Stirnseite mit Einschub
»Ich denke eher an die um eine Tischplatte erweiterte Kommode der 1960er-Jahre.« Peter Litzlbauer