Die handwerkliche Ausführung der Anrichte ist bewundernswert, die präzise Ausarbeitung der Details entspricht der Gesamtkonzeption. Marc Grad greift eine tradierte Form auf, indem er einen einfachen Korpus mit einem starken Rahmen einfasst und farblich absetzt. Durch die Idee, eine Seite nicht mit dem Rahmen zu schließen, nimmt er der Anrichte die statische Ruhe. Sie wird asymmetrisch und spielerischer im Raum anwendbar. Man stelle sich die Wirkung vor, wenn die Anrichte mit der offenen Seite an die Wand gerückt, raumteilend eingesetzt wird. Das weiße U stülpt sich aus der Wand heraus, es umschließt den Eichenblock und wird ein Teil der weißen Wand. Stellt man die Anrichte mit der geschlossenen Seite an die Wand, öffnet sich das U zum Raum und der Block wird als eingeschobenes Element wahrgenommen. Alle Korpusecken sind auf Gehrung ausgebildet und unterstreichen die Homogenität des Möbelstückes. Die Materialwahl unterstützt diese Idee und gibt der Anrichte ein zeitloses Erscheinungsbild. Die Schnittzeichnung zeigt: Teurer Mineralwerkstoff wird sinnvoll auf leichtem, dickem Plattenwerkstoff angewendet. Die Materialwahl für die umlaufende Griffleiste überzeugt mich dagegen weniger. Der weiße Streifen zerreißt den Eichenkorpus in zwei breite Bänder und stört die Geschlossenheit des Mittelteils. Die Ausführung in Eiche wäre hier von Vorteil gewesen! Auch die Einteilung der Schubladen für Teller mit- hilfe der fest montierten Dreieckstäbe ist nicht flexibel genug gelöst.
Ist ein 45 cm breites und 72 cm hohes Möbel als Anrichte geeignet? Gibt es das Esszimmer noch? Wenn dieser Bereich eine Renaissance erfahren soll, ist eine genaue Analyse notwendig, die durchaus zu einer neuen Interpretation des Möbeltypus Anrichte führen könnte.
Trotz dieser Einschränkungen ist Marc Grad ein Meisterstück gelungen, das sich durch seine Gestaltung und die Ausbildung der Details sehr ansprechend hervorhebt.
»Entspricht der Möbeltyp Anrichte noch unserer Lebensgewohnheit?«
Peter Litzlbauer
Fotos: Frank Herrmann
Autor: Prof. Peter Litzlbauer, Staatl. Akademie der bildenden Künste Stuttgart, Fachbereich Architektur und Design

Anrichte von Marc Grad in Eiche und weißem Mineralwerkstoff. Der Korpus wird einseitig eingefasst

Die schwalbenförmig in Mineralwerkstoff gefräste Griffnut teilt den Eichenkorpus in zwei Bänder

In den tiefen Schüben sollen Teller gelagert werden. Feste Einteilung mit Dreiecksstäben

Sehr schöne Detailausbildung: Die Kulisse des Vollauszugs läuft in der Seite des Schubkastens

Schichtung des Möbels im Vertikalschnitt: Mineralwerkstoff-beplankte Leichtbauplatte, zurückgesetzte Distanzleiste, in Eiche furnierter Korpus

Der Frontalschnitt zeigt die Ausbildung der Griffnut. Die korpusseitige Führung der Kulisse ist leicht in die Korpuswand eingelassen

Horizontalschnitt. Präzise Ausführung von Türanschlag und Zuhaltung. Differenzierte Dicke von Schubkastendoppel und Türen