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Seite: 78 - 81 | Ausgabe: 04 / 2010

Alte Berliner Schule

Im November 2009 war dds zu Gast beim Gestalterpreis des Fördervereins für Aus- und Weiterbildung im Tischlerhandwerk Berlin. Zu sehen gab es Meisterstücke von Meistern, die wissen was sie können. Ihre Tradition ist ihr Kapital.
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E s gibt einen altbewährten Rat für das Meister- und Gesellenstück: Halte Dich an das, was Du gut kannst und vermeide Experimente, die Dir niemand danken wird. Man kann den Eindruck gewinnen, dass sich die Mehrheit der Berliner Meister im Jahr 2009 kollektiv an diesen Rat gehalten hat. Seit fast zehn Jahren ist dds beim Gestalterpreis des Fördervereins Aus- und Weiterbildung im Tischlerhandwerk in Berlin vor Ort. Selten sieht man hier die gestalterische Avantgarde, obwohl das kulturelle Umfeld Anregungen liefert, die man anderswo vergeblich suchen kann. Berliner Tischler haben das alte Handwerk im Blut und bewegen sich auf dieser Grundlage entweder zu neuen Ufern, oder wenden sich ganz bewusst der handwerklichen Tradition zu. Was wir hier an Meisterstücken zeigen, kann diese Beobachtung bestätigen. Tradition soll man nicht negativ bewerten, denn Tradition heißt eben auch Könnerschaft. Und es ist eine Freude, wenn jemand in seinem Handwerk die Ideen meisterlich umsetzen kann, die Form annehmen sollen. Wer den Stollenbau so perfekt beherrscht wie Livius Härer, zelebriert mit Freude sein Können auch an einem in der Anlage recht traditionellen Stück. Wer die hohe Kunst skandinavischer Gestellmöbel studiert hat, kann eigene Entwürfe in diesem Geiste Wirklichkeit werden lassen. Die Beispiele lassen sich fortsetzen und wie so oft bestätigen die Ausnahmen die Regel. Doch das kann man von den Berliner Tischlern lernen: Man muss mit dem Meisterstück nicht etwas völlig Neues erfinden. Es kann gestalterisch sehr wertvoll sein, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen. JN

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Hommage an den Stollenbau Besprechungstresen von Livius Härer. Klarer Stollenbau in Nussbaum mit sauberen Knotenpunkten und rot lackierten Einschüben. Seitliche Tablarauszüge sind durch Kugelschnäpper gerastert, das Geheimfach in der Rückwand ist wirklich gut versteckt. Eine Stilübung ganz auf der Höhe meisterlicher Fertigkeiten, an der auch Altmeister ihre Freude hätten.
Kinematische Kunst Das Nähtischchen in Esche von Robert Lindemann vereint mehr bewegliche als feststehende Teile. Wenn ein Auslöser in der Vorderzarge betätigt wird, knallt mit Federkraft ein Garnrollenmagazin derart aus der Tischplatte heraus, dass Tablare und Schübe neidisch werden.
Skandinavisches Erbe Bastian Thürich hat mit Schreibtisch und Bank aus Esche und schwarzem Leder ein charaktervolles Ensemble in der Tradition skandinavischer Vorbilder gefertigt. Das Gestell gleicht einem Tragwerk in der Architektur. Um die Konstruktion spannt sich ein festes Leder, das Schreibfläche, Ablage sowie eine Sitzgelegenheit bildet. Gestalterpreis 2009, erster Preis.
Kabinettschrank Statt ewige Quader zu rekapitulieren geht Christian Krüger plastischer an den Möbelbau heran. Halbschalen aus Biegesperrholz bilden den Korpus mit seinen zwei Polen. Flächen sind in amerikanischem Nussbaum furniert, Kanten setzen sich in weißem Lack ab. Das kunstvolle Schränkchen erhielt beim Gestalterpreis 2009 eine Belobigung.
Neue Gewohnheiten Slideboard nennt Jan Aaron Jurisch sein Meisterstück: Der Oberboden gleitet zur Seite, wenn man ihn leicht anstößt. Darunter befindet sich
ein Barfach. Rahmen und Zargen aus Eiche bilden das Skelett des Möbels, das mit Platten aus dem Acrylharz Pral (Abet Laminati) verkleidet ist. Gestalterpreises 2009, zweiter Preis.