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Seite: 72 - 73 | Ausgabe: 01 / 2012

Altar für die Schönheit

Das Schminkmöbel von Marcel Retke, Meisterschule Berlin, begeistert durch eine strenge, fast sakral anmutende Symmetrie und feingliedrige Dimensionierung. Die Funktionalität ist der Ästhetik in einigen Punkten untergeordnet.
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Besonders reizvoll ist an diesem Schminkmöbel die aufstrebend symmetrische, wie ein Hochaltar anmutende Gestalt, verstärkt durch den Hocker als Repräsentant der Benutzerin. Deren Beschäftigung mit der eigenen Schönheit erscheint durch die formale Konzeption des Möbels in fast sakraler Weise überhöht. Das wandhängende Objekt aus amerikanischem Nussbaum besticht in seiner minimalistischen, fein gegliederten Form. Es kann zugleich als großer Spiegel, als Schminktisch und als Lichtobjekt dienen.

Hinter dem horizontal dreigeteilten Spiegel befinden sich über Teilauszüge geführte ausziehbare Schiebeelemente. Die Dimensionierung ihrer in falscher Gehrung zusammenlaufenden und sich nach vorn facettenartig verjüngenden Friese der u-förmigen Rahmenteile ist besonders gelungen und verstärkt die Zentralperspektive des Möbels. Geöffnet zeigen die Auszüge jeweils eine schräge mit LED-Streifen hinterleuchtete Blende sowie stoffbezogene Einsätze, die rechts mit kleinen Taschen bestückt und links gepolstert ausgeführt sind, um Schmuck zu befestigen. Der Stauraum ist durch die Anordnung der Lichtblenden stark begrenzt. Die äußeren Spangen könnten Fachböden aufnehmen, was formal aber als störend empfunden würde.

Das mittlere Spiegelsegment lässt sich zur Arbeitsfläche hochklappen, die sich zwar gut in die Gesamterscheinung des geschlossenen Objekts einfügt, aber in ihrer Funktion nicht überzeugt. Formal unbefriedigend und etwas umständlich zu bedienen sind die Kragstützen. Für den sinnvollen Gebrauch des Tisches ist eine Abdeckung zwingend erforderlich.

Der Gestaltung des Hockers liegen die verkleinerten Gestaltungselemente des Schminkstücks zugrunde. Im Gegensatz dazu wirkt er aber schwer, fast plump. Dazu tragen die vollflächig aufliegende Standfläche und der Schubkastenblock bei. Wünschenswert wäre eine leicht schwebende Wirkung, die mit kleinen Lenkrollen erreicht werden könnte. Die Schublade erscheint mir entbehrlich!

Fotos: Markus Hilbich

Autor: Eckhard Heyelmann, Garmisch-Partenkirchen, Innenarchitekt und Dipl.-Designer, Schulleiter a. D.

Die äußeren Spangen des wandhängenden Möbels könnten Fachböden aufnehmen, was nicht schön, aber praktisch wäre
Vertikalschnitt: Die ausklappbaren Kragstützen sind über Magnete fixiert
Vertikalschnitt: Die seitlichen Auszüge hinter dem Spiegel sind mechanisch geführt
Der Horizontalschnitt zeigt die konischen Rahmenfriese und die schräg eingestellten Lichtblenden
Die Kragstützen aus Plattenwerkstoff sind umständlich zu bedienen und formal unbefriedigend
Das mittlere Spiegelsegment lässt sich zum Tisch hochklappen. Eine Abdeckung ist unerlässlich!
Stauraum: kleine Taschen und eine Pinnwand für Schmuck
»Die Beschäf- tigung mit der eigenen Schönheit wird in fast sakraler Weise überhöht.« Eckhard Heyelmann